Evakuierung

Riesiger Waldbrand zwingt 90.000 Kanadier zur Flucht

Rund um Fort McMurray in Kanada wütet ein großer Waldbrand.

Rund um Fort McMurray in Kanada wütet ein großer Waldbrand.

Foto: Twitter.Com/Jeromegarot / dpa

Die kanadische Provinz Alberta hat den Notstand ausgerufen. Mehr als 90.000 Menschen befinden sich auf der Flucht vor dem Großbrand.

Edmonton.  Die Flammen in Kanadas Provinz Alberta sind trotz eines riesigen Aufgebots an Feuerwehrleuten nicht zu beherrschen. 90.000 Menschen aus Fort McMurray mussten ihre Stadt verlassen – die Massenevakuierung gilt als größte in der Geschichte Kanadas. „Das Feuer hat die Hölle über uns hereinbrechen lassen“, sagte der Polizeichef der Stadt. Mehrere Tankstellen explodierten, Tausende Wohnhäuser sind niedergebrannt. Noch immer fliegen die Löschhubschrauber über Fort McMurray. Hunderte Patienten wurden in andere Krankenhäuser gebracht.

„Es ist verrückt, total verrückt“, sagte eine verzweifelte Frau, die nur mit einer Handtasche unter dem Arm aus ihrem Haus floh, dem lokalen Radiosender. Sie berichtete unter Tränen von riesigen Rauchschwaden und einem tief schwarzen Himmel. Sie habe die Hand vor Augen nicht mehr gesehen, weil es überall Aschebrocken geregnet habe. „Was wird sein, wenn wir zurückkommen?“

Großteil der Stadt könnte für immer verloren sein

Noch ist unklar, wann die Menschen wieder in ihre Stadt zurückkehren können. Ob es überhaupt dazu kommen wird, ist nicht sicher: Zehntausende haben Unterschlupf in Notunterkünften in etwa 20 Kilometer Entfernung oder bei Gastfamilien gefunden. Nun gleicht der Ort einer Geisterstadt.

Die Angst der Menschen, dass sie ihre Heimat möglicherweise für immer verloren haben, gilt als berechtigt. Notfallmanager Scott Long sagt: „Vermutlich verlieren wir einen Großteil der Stadt.“

Nicht nur die Flammen, die von den Rettungskräften als „apokalyptisch“ bezeichnet werden, zeigen ein kata­strophales Ausmaß. Auch die Evakuierungsaktion galt als höchst dramatisch und scheiterte bei einigen an praktischen Dingen: Viele, die vor der Feuerhölle Richtung Norden flüchten wollten, konnten nicht losfahren, weil ihr Tank leer war. Manchen Autofahrern ist das Benzin während der Fahrt ausgegangen.

An Tankstellen, die noch nicht vom Feuer betroffen waren, stauten sich bis zu 200 Autos. Stunden vergingen, bis Tankwagen den Notfalltreibstoff liefern konnten. In Panik verursachten die Autofahrer Hunderte Unfälle. Viele ließen die Fahrzeuge einfach stehen und machten sich zu Fuß auf den Weg.

„Ich konnte die Hitze sogar in meinem Auto spüren“, berichtet Amanda Helmle, eine Bewohnerin. Bei der Flucht aus der Stadt hätten die bis zu 30 Meter hohen Flammen nur wenige Meter von ihrem Auto entfernt im Straßengraben gelodert.

Das Feuer von der Größe von etwa 35 Fußballfeldern wird angefacht von böigen Winden, die stets ihre Richtung wechseln, was die Arbeit der Feuerwehrleute ungemein erschwert. Begünstigt werden die Flammen auch von einer ungewöhnlichen Trockenheit und hohen Temperaturen von bis zu 30 Grad, was für diese Jahreszeit in Kanada eigentlich nicht üblich ist.

Weite Teile Albertas werden derzeit von einer Dürre geplagt, da die Region einen vergleichsweise milden Winter mit wenig Niederschlag erlebt hatte. Fort McMurrays Feuerwehrchef Darby Allen sagte: „Dies ist ein ekelhaftes, dreckiges Feuer. Und der schlimmste Tag meiner Karriere bei der Feuerwehr.“ Die Einsatzkräfte erwarteten, dass noch lange nicht Schluss sein wird, sondern dass der Wind die Flammen noch weiter nach Norden trägt.

Die Brücken wie auch die Zufahrtsstraßen Richtung Süden wurden von der Polizei gesperrt, alle Flüge aus der Provinz Alberta annulliert.

„Wir werden alles aber auch alles tun, um den Menschen zu helfen“, erklärte der Premierminister Justin Trudeau in Ottawa. Aus allen Teilen Kanadas wurden Feuerwehrleute und Katastrophenschützer nach Fort McMurray entsandt. Auch die Armee bereitete sich auf einen Einsatz vor. Über mögliche Tote oder Verletzte gab es bislang keine Berichte.

Geringeres Ölangebot hat den Ölpreis in die Höhe getrieben

Sorge bereiten den Kanadiern auch die Ölsandvorkommen direkt vor der Stadt. Die Förderanlagen und Pipelines einiger Energiekonzerne liegen nur etwa 30 Kilometer vom Ort entfernt, und ein Übergreifen könnte eine gigantische Katastrophe auslösen. Noch ist es nicht zu Zwischenfällen gekommen. Der Shell-Konzern nahm einige seiner Anlagen vorsichtshalber außer Betrieb.

Spekulationen über ein geringeres Ölangebot haben schon jetzt den Ölpreis in die Höhe getrieben. Die Sorte Brent aus der Nordsee verteuerte sich um 2,4 Prozent oder 1,09 Dollar auf 45,71 Dollar je Barrel. Etwa 250.000 Barrel Rohöl fallen nun täglich allein durch die Schließung des Shell-Projekts Albian Sands weg, hieß es.

Andere Betreiber in der Region hingegen setzen die Förderung von Ölsanden fort. Die Ölfelder selbst sind bislang vom Feuer nicht bedroht. In der Region sollen mehr als eine Billion Tonnen Bitumen liegen, das zu synthetischem Rohöl aufbereitet werden kann.