Sikh-Attentat

Warum sich junge Männer dem Salafismus verschreiben

Der ehemalige Salafist Dominic Schmitz (28) in einer Schule in Essen: Den Schülern erzählt er über einen Ausstieg aus der Salafisten-Szene.

Der ehemalige Salafist Dominic Schmitz (28) in einer Schule in Essen: Den Schülern erzählt er über einen Ausstieg aus der Salafisten-Szene.

Foto: Lars Heidrich

Die Attentate auf den Sikh-Tempel in Essen werfen die Frage auf, wie sich Jugendliche radikalisieren. Ein Besuch bei einem Aussteiger.

Essen.  Dominic Schmitz weiß genau, wie es ist, als Jugendlicher unter die Salafisten zu geraten – wie es wohl auch den beiden 16-Jährigen aus Essen und Gelsenkirchen geschehen ist, die nun unter anderem wegen versuchten Mordes in Untersuchungshaft sitzen. Sie sollen vergangenen Samstag mit einer selbstgebauten Bombe einen Anschlag auf den Tempel der indischen Sikh-Gemeinde im Essener Norden verübt haben. Drei Menschen wurden verletzt. Die Jugendlichen haben zum Teil gestanden. Terroristen wären sie damit. Terroristen in der Pubertät.

Schmitz, 28 und ausgestiegen aus der Szene, beschreibt sich rückblickend als „orientierungslosen Gesamtschüler“, bis sich mit 17 Jahren alles änderte im Namen Allahs: „Die Menschen sind freundlich. Sie nennen dich Bruder, beten mit dir, essen mit dir, hören dir zu – du fühlst dich plötzlich ernst genommen. Dein früheres Leben erscheint dir sinnlos, du willst nur noch eines: Allah dienen.

„Verführer suchen ungefestigte Persönlichkeiten“

Die Islamwissenschaftlerin Lam­ya Kaddor hat ein Buch über Jugendliche geschrieben, die in den Dschihad ziehen: „Zum Töten bereit“: „Die Verführer suchen nach ungefestigten Persönlichkeiten.“ Für sie mache es keinen Unterschied, ob die Jugendlichen muslimisch sind oder nicht. „Wichtig ist, dass sie verführbar sind. Der Salafismus ist eine Gefahr für alle Kinder.“

„Häufig ist es eine große Rebellion gegen das Elternhaus, das sich nicht kümmert“, sagt Kaddor. „Und gegen die Gesellschaft, die einen nicht will.“ Die Salafisten dagegen, sagt der Ex-Salafist Dominic Schmitz „geben Halt und Struktur. Wo andere Bücher schreiben, haben sie einen Satz.“ Ihr Schema sei schwarz und weiß, wir gegen die – wie bei den Neonazis. Wie in einer Sekte.

An die Berater von „Wegweiser“, einem Aussteigerprogramm, wenden sich jede Woche immerhin um die 50 Menschen, die für sich oder andere Hilfe in Sachen Salafismus suchen: Jugendliche selbst, Eltern, Lehrer, Freunde. Manchmal reicht ein Telefonat, aber rund 90 Jugendliche werden auch intensiv geführt: Persönliche Betreuer helfen ihnen bei schulischen Problemen oder bei der Arbeitsplatzsuche.

Zulauf steigt nicht mehr so stark

Die Expertin Lamya Kaddor hat festgestellt, dass die Faszination dieser Ideologie nachlässt. „Die Zahlen sind noch nicht rückläufig, aber steigen nun nicht mehr so stark an. Die Dynamik hat sich abgeschwächt.“ Auch die subkulturellen Erkennungszeichen sehe man heute seltener: das Bärtchen, T-Shirts, auf denen Adidas zu Al Kaida wird. „Vor allem an der Sprache kann man die Anhänger erkennen“, sagt Kaddor. „Sie sprechen plötzlich mit rheinischem Akzent, wie führende deutschsprachige Salafistenprediger, und mischen typische islamistische Floskeln rein. Ja, sogar die Salafisten in München sprechen diesen kölschen Dialekt.“

Als Musa Al-Almani („Musa der Deutsche“) stieg auch Dominic Schmitz auf in die Kreise der Prediger Pierre Vogel und Sven Lau. Heute laden häufig Lehrer den Buchautor ein, Schülern zu berichten: Was er mit 17 Jahren als Halt sah, empfand er mit 25 als Gefängnis. „Im Endeffekt darfst du nicht denken.“ Jetzt heißt der Mann, der Moslem bleiben will, Dominic Musa Schmitz. Und wird gelegentlich bedroht von alten Freunden.