Meeressäuger

Tote Pottwale werden zerlegt – Helfer posiert mit Angel

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Ein Helfer stellte sich mit einer Angel vor den toten Wal.

Ein Helfer stellte sich mit einer Angel vor den toten Wal.

Foto: Carsten Rehder / dpa

Auf Nordstrand zerlegen Experten die gestrandeten Wale. Von ihnen soll mehr erhalten bleiben als zum Teil seltsame Erinnerungsfotos.

Nordstrand.  Experten haben im Hafen von Nordstrand in Schleswig-Holstein mit der Zerlegung von toten Pottwale begonnen. In Deutschland und den Niederlanden sind bislang insgesamt zwölf der riesigen Meeressäuger entdeckt worden. Was für viele Menschen ein trauriges Bild abgibt, nutzt ein Helfer für einen Scherz: Er stellt sich mit einer Angel vor den Wal und lässt sich fotografieren, als habe er einen riesigen Fang gemacht. Einige der Betrachter, die hier nicht berufsmäßig mit Walen zu tun haben, schütteln verärgert den Kopf.

Die toten Tiere haben sich wahrscheinlich auf ihrer Wanderroute in die Nordsee verirrt: zwei auf Wangerooge, einer vor Bremerhaven, zwei bei Helgoland, einer in der Nähe von Büsum und sechs in den Niederlanden.

Explosionsgefahr beim Aufschneiden

Mit Scherzen ist es zunächst es vorbei, als ein Mitarbeiter ein langes Messer durch die dicke Fettschicht des Pottwals treibt. Es ist ein Zischen aus dem Bauch des zwölf Meter langen Kadavers zu hören. Gas entweicht. „Explosionsgefahr ist bei allen toten Großwalen immer ein Problem“, sagt Ursula Siebert. Sie ist Leiterin des Büsumer Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung. Knapp 20 Veterinäre und Techniker des Instituts zerlegen die nahe Helgoland verendeten Pottwale.

Die Skelette der beiden Tiere sollen erhalten bleiben. Eines geht an einen Natur- und Kulturverein auf der Nordseeinsel Amrum. „Es kostet ungefähr 70.000 Euro, bis das Skelett an der Wand hängt“, schätzt Detlef Hansen, der Leiter der Nationalparkverwaltung. Das zweite Skelett geht an die Universität Gießen. „Ich finde es gut, dass das Ganze hier einen Zweck hat“, so Hansen.

Die Pottwale locken viele Einheimische in den Hafen, darunter 160 Schüler der Herrendeichschule. „Wir haben heute Morgen kurzentschlossen gesagt: Lasst uns hin. Das ist Biologieunterricht vor Ort“, sagt Schulleiterin Dörte Woydack. Ihre Schüler halten derweil mit ihren Fotohandys fest, wie ein Bagger große Fettschichten eines Wals in einen Container lädt. Auch der Nordstrander Heino Hansen ist extra vorbeigekommen. Der Tod der Jungtiere sei bedauerlich. „Das sind ja Kolosse“, sagt der 68-Jährige. Umso kleiner wirkt ein Hund, der plötzlich neben dem Kadaver steht und die Ohren spitzt.

Seit 1990 wurden 80 Pottwale angespült

Laut Nationalparkverwaltung wurden seit 1990 insgesamt 80 Pottwale an den Küsten Dänemarks, Deutschlands und der Niederlande tot aufgefunden. Von den auf Nordstrand entnommenen Proben erhoffen sich die Experten Rückschlüsse auf die Todesursache der Tiere. „Die Wale haben sich schlicht und ergreifend verschwommen. Sie sind nicht südwestlich von Schottland vorbeigeschwommen, sondern sind in die Nordsee geraten“, sagt Thilo Maack, Meeresbiologe von Greenpeace, im Fernsehsender N24. Es sei zwar das erste Mal, dass so viele Wale in deutschen Gewässern gelandet seien, aber es sei kein sehr seltenes Phänomen.

Nach und nach rücken die Mitarbeiter des Instituts den Walen mit ihren Messern zu Leibe, zerlegen sie nach einem bestimmten Muster abschnittweise. „Es sind dabei keine äußerlichen Auffälligkeiten festgestellt worden“, sagt der Sprecher des Landesbetriebes für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN), Hendrik Brunckhorst. Die Wale sind etwa zwölf Meter lang und wiegen jeweils gut zwölf Tonnen.

Akribisch arbeiten sich die Tierärzte und Experten Stück für Stück voran. Dazu zählt die Biologin Helena Herr. Vor dem aufgeschnittenen Kadaver sammelt sich eine Blutlache. Der Verwesungsgeruch macht Arbeitenden und Zuschauern zu schaffen. „Da muss man einfach durch“, sagt Herr. Sie hat zuvor bereits an der Beseitigung von zwei Pottwalen mitgewirkt. „Das menschliche Geruchsorgan adaptiert recht schnell“, sagt auch ihre Chefin Siebert.

Zum Alter der Tiere könne sie nach ersten Untersuchungen nur sagen, dass die Jungbullen aufgrund ihrer Größe noch nicht geschlechtsreif gewesen seien. „Mit ersten Ergebnissen ist aber erst in zwei bis vier Wochen zu rechnen.“ Mit dem Zerlegen der beiden Pottwale ist es für Siebert und ihre Kollegen deshalb noch nicht getan. In der Nacht zum Freitag sollte ein weiteres Tier nach Nordstrand gezogen werden, das nahe Büsum tot auf einer Sandbank gefunden wurde. Diesen Kadaver wollen die Experten dann am Freitag zerteilen (dpa/law)