Missbrauch

Jeder Dritte bei den Domspatzen musste Gewalt erleiden

Die Regensburger Domspatzen wurden vor über 1000 Jahren gegründet und sind schon in Asien, Afrika und den USA aufgetreten.

Die Regensburger Domspatzen wurden vor über 1000 Jahren gegründet und sind schon in Asien, Afrika und den USA aufgetreten.

Foto: dpa Picture-Alliance / Armin Weigel / picture alliance / dpa

Ein Sonderermittler berichtet, dass mindestens 231 Sänger der „Regensburger Domspatzen“ missbraucht wurden. Täglich melden sich mehr.

Regensburg.  Der Anwalt Ulrich Weber will gerade am Telefon erklären, warum er der Presse gegenüber Fälle zwischen „Streicheln und Vergewaltigung“ erwähnt, aber lieber keine Einzelfälle aufzählen möchte – während im Hintergrund ein zweites Telefon klingelt. Er müsse jetzt kurz auflegen, entschuldigt er sich. Er vermute, der Anrufer auf dem anderen Telefon sei ein weiteres Missbrauchsopfer. „Sie verstehen, Opfer gehen bei mir vor.“

Später stellt sich die Vermutung als richtig heraus – es ist der sechste Anruf eines Missbrauchsopfers aus dem Knabenchor „Regenburger Domspatzen“ allein in dieser Woche. Weber geht davon aus, dass jetzt, wo viele über seine Recherche berichten, noch mehr ehemalige „Spatzen“ sich bei ihm melden. Die neuen Zahlen, die er am Freitag veröffentlichte, sind nur ein Zwischenbericht: Demnach haben Priester und Lehrer über Jahrzehnte in dem Chor mindestens 231 Kinder geschlagen, gequält oder sexuell missbraucht. Diese Zahl ist wesentlich größer als die bisher 72 anerkannten Fälle. Weber schätzt aber gar, dass etwa jeder dritte der rund 2100 Schüler der „Spatzen“ zwischen 1953 bis 1992 unter körperlicher Gewalt litt. „Es herrschte in diesen Jahren ein System der Angst“, sagt der Rechtsanwalt.

Jurist lobt die Transparenz der Kirche

Es geht um jenen weltberühmten Chor, der vor über 1000 Jahren gegründet wurde, schon in Japan und im Vatikan auftrat. Wer ihn hören will, kann zum Beispiel bei den Domspatzen selbst in Regensburg anrufen. In der Warteschleife läuft ein schöner Choral der Spatzen. Doch wer dann eine Reaktion zu den Missbrauchsvorwürfen Webers möchte, bekommt ein wirsches „Moment“ zu hören – und landet auf einem Anrufbeantworter. Aus Bistumskreisen ist zu hören, dass in der Tat die Zahl der Anmeldungen für den Chor zurückgegangen seien.

Doch die Arbeit Ulrich Webers ist Teil einer Transparenzoffensive der katholischen Kirche und des Bistums Regensburg. Erstmals waren im März 2010 Meldungen über Missbrauchsfälle bekannt geworden, deren Täter waren schon damals gestorben. Vier Jahre später, im November 2014, erkennt das Bistum Regensburg offiziell 30 Opfer an, die durch Mitarbeiter der Kirche als Kinder sexuell missbraucht worden seien. Im Mai 2015 schließlich nahm der Anwalt mit Dutzenden Opfern, Verantwortlichen und dem Missbrauchsbeauftragten des Bistums Regensburg Kontakt auf. Er bekam Einblick in Geheimarchive und Personalakten des Bistums und begann eine intensive Recherche, die noch immer nicht abgeschlossen ist. Der Jurist, der seit Jahren auch für die Opferorganisation „Weisser Ring“ arbeitet, betont, dass die jetzige Zusammenarbeit mit dem Bistum konstruktiv ist.

Bruder des Papstes wusste wohl Bescheid

Der Anwalt hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst alle noch lebenden Opfer zu einer Aussage zu bewegen. Nach seinen Recherchen wurden 50 der 231 bislang ermittelten misshandelten Kinder auch Opfer sexueller Gewalt. Viele Kinder hätten von Prügeln, blutigen Schlägen mit Rohrstock, Schlüsselbund oder Siegelringen berichtet. „Bettnässern wurde die Flüssigkeitsaufnahme verweigert“, sagte Weber. Zudem seien Mitschüler bei Ermittlungen zu Falschaussagen gedrängt worden. Strafrechtlich sind die meisten Taten verjährt.

Der inzwischen 91 Jahre alte Georg Ratzinger, Bruder des zurückgetretenen Papstes, war von 1964 bis 1994 Domkapellmeister der „Spatzen“. Auf die Frage, ob Ratzinger die Missstände bekannt gewesen seien, sagte Sonderermittler Weber: „Davon muss ich ausgehen.“ Ratzinger hält sich aktuell in Rom auf und war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. „Einer der gravierenden Fälle kam 1987 ans Licht“, sagt Weber. „Doch Ratzinger tadelte, ließ aber keine personellen Konsequenzen folgen.“