Kirche

Die Serie der Finanzskandale im Vatikan reißt nicht ab

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Walter Bau
Der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller soll in einen neuen Finanzskandal im Vatikan verwickelt sein.

Der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller soll in einen neuen Finanzskandal im Vatikan verwickelt sein.

Foto: imago stock&people / imago/Ulmer/Lingria

Geldbündel hinter Würstchendosen, ein Kardinal unter Verdacht: Ein Finanzskandal erschüttert den Vatikan. Es ist nicht der erste.

Berlin.  Es war eine Weihnachtsbotschaft der besonderen Art. Zwei Tage vor Heiligabend 2014 knöpfte sich der Papst seine Kardinäle vor: Die Kurie, so verkündete Franziskus den verdutzten Würdenträgern, sei von zahlreichen „Krankheiten“ befallen. An der Spitze der vatikanischen Bürokratie hätten sich „Eitelkeit“ und „Rivalität“ ausgebreitet, außerdem die Krankheit, „sich unsterblich fühlen“. Es gebe Symptome von „geistlichem Alzheimer“ in der Kurie. Und dann warnte Franziskus noch vor Gewinn- und Machtstreben, Gier, Doppelmoral.

Der Applaus der Bischöfe für den Pontifex fiel nach der Gardinenpredigt eher knapp aus. Am nächsten Tag mussten sie in der Presse lesen, Franziskus habe ihnen eine „päpstliche Weihnachtsohrfeige“ verpasst.

Angeblich Razzia in den Diensträumen des Kardinals

Die Wutrede des Papstes liegt nun ziemlich genau ein Jahr zurück – und es scheint, als hätte sich in der Kurie seit jenem denkwürdigen Auftritt nicht sehr viel zum Besseren verändert.

Denn wie die „Bild-Zeitung“ berichtet, sollen die Finanzermittler der vatikanischen Generalbuchführung bei einer Hausdurchsuchung in den Diensträumen von Kardinal Gerhard Ludwig Müller auf Anzeichen für finanzielle Unregelmäßigkeiten gestoßen sein. Der 67-jährige frühere Bischof von Regensburg ist als Chef der Glaubenskongregation einer der wichtigsten Männer im Vatikan.

Demnach hatte sich Müller zunächst geweigert, von den Finanzkontrolleuren angeforderte Unterlagen auszuhändigen. Darauf sei die Vatikan-Behörde mit mehreren Fahndern zur Razzia in den Diensträumen des Kardinals angerückt. Dort hätten die Generalbuchprüfer einen überraschenden Fund gemacht: Im Schreibtisch von Müllers Verwaltungsleiter Mauro Ugolini, so „Bild“, hätten sie etwa 20.000 Euro Bargeld entdeckt – versteckt hinter einer alten Dose Wiener Würstchen. Ugolini sei vorübergehend von seinem Posten suspendiert, das Geld beschlagnahmt worden.

Vatikan spricht von „Unregelmäßigkeiten“

Das Geld soll aus Gebühren stammen, die der Vatikan aus seinen Bistümern weltweit beziehe – für die Untersuchung von Fällen sexuellen Missbrauchs. Nun stehe der Verdacht im Raum, Teile des Geldes seien für private und dienstliche Anschaffungen des Kardinals verwendet worden.

Vatikansprecher Federico Lombardi wies gestern eine Verwicklung Müllers zurück. Er sagte, es seien vor einiger Zeit „einige Unregelmäßigkeiten“ in der Verwaltung der Glaubenskongregation festgestellt worden. Schon vor sechs Monaten habe man aber die nötigen Gegenmaßnahmen getroffen. Kardinal Müller sei „von den Vorgängen in keiner Weise betroffen“, erklärte Lombardi.

Die Berichte über die Razzia in Müllers Diensträumen reiht sich ein in eine Serie von Skandalen und Affären, die den Vatikan seit Jahren in schöner Regelmäßigkeit erschüttert – und in denen es oft ums große Geld geht.

Geld aus Kinderklinik für Privatwohnung abgezapft

Erst vor wenigen Wochen musste der frühere Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone einräumen, dass die Stiftung der vatikanischen Kinderklinik „Bambino Gesù“ die Renovierung seiner knapp 300 Quadratmeter Privatwohnung mitfinanziert hatte – angeblich durfte im Gegenzug die Stiftung die Räume für Werbezwecke nutzen. Bertone war als Kardinalstaatssekretär ab 2006 einer der einflussreichsten Strippenzieher hinter den Kulissen des Vatikans. 2013 wurde der heute 80-Jährige vom Papst entmachtet. Bertones Alterswohnsitz im eindrucksvollen Palazzo San Carlo, so heißt es, sei eine Konzession an einen, der die „Leichen“ in den Kellern vieler in der Kurie kenne.

Im Sommer 2013 waren der Chef der Vatikanbank und sein Vizedirektor zurückgetreten. Sie reagierten damit auf Korruptionsermittlungen in ihrem Haus. Die Bank, kurz IOR, war in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder in Zusammenhang mit Geldwäsche und anderem fragwürdigen Finanzgebaren in Verbindung gebracht worden.

Vatikanbank immer wieder unter Verdacht

Zuvor war bereits der Buchhalter in der Vatikan-Verwaltung, Monsignor Nunzio Scarano, der enge Kontakte zur Bank unterhielt, festgenommen worden. Ihm wurde zur Last gelegt, Freunden bei dem Versuch geholfen zu haben, 20 Millionen Euro in bar aus der Schweiz nach Italien zu schmuggeln.

Der Papst kämpft praktisch seit seinem Amtsantritt gegen Korruption, Bestechung und dubiose Geldgeschäfte hinter den Mauern des Vatikans. Erst im Mai stoppte er die Einrichtung eines Investmentfonds der Vatikanbank. Die Bank soll sich nicht mehr an Gewinnmaximierung orientieren, sondern als Finanzdienstleister für Orden und kirchliche Einrichtungen dienen.

„Menschen, die sich an der Kirche bedienen“

Franziskus sieht seine Bemühungen offenbar noch längst nicht am Ziel – und hat es nicht bei seiner Gardinenpredigt vom Dezember 2014 belassen. Erst vor kurzem, Anfang November, legte er bei einer Morgenmesse im Vatikan nach.

„Auch in der Kirche gibt es Menschen, die sich an der Kirche bedienen, statt an die anderen zu denken“, sagte der Papst. Es handele sich um „Emporkömmlinge, die am Geld hängen“. Wörtlich fuhr Franziskus fort: „Wie viele Priester und Bischöfe dieser Art haben wir schon gesehen? Das ist traurig, nicht?“ Eine Kirche, so der Papst weiter, die „lauwarm“ sei, verschlossen bleibe und Geschäfte mache, sei eine Kirche, „die sich bei anderen bedient“. Wen konkret er damit meinte, ließ der Pontifex offen.