Kino

Dokumentation „The Wolfpack“ zeigt ungewöhnliche Brüder

In Lederjacken und vor allem: in Freiheit. Drei der sechs Brüder, Krisna Angulo (v.l.), Jagadisa Angulo und Mukunda Angulo im Dokumentarfilm "The Wolfpack".

In Lederjacken und vor allem: in Freiheit. Drei der sechs Brüder, Krisna Angulo (v.l.), Jagadisa Angulo und Mukunda Angulo im Dokumentarfilm "The Wolfpack".

Foto: dpa Picture-Alliance / Uncredited / picture alliance / AP Photo

Sechs Brüder durften ihre Wohnung jahrelang nicht verlassen. Ihr Vater wollte sie vor der Welt verstecken. Jetzt sind sie Filmstars.

New York.  Die erste Begegnung findet im April 2010 statt. Die Filmemacherin Crystal Moselle läuft die First Avenue in Manhattan entlang, als ihr sechs Jungs entgegenkommen. Alle sechs tragen schwarzen Anzug, schwarze Ray-Ban-Sonnenbrille und lange, dunkle Haare, die im Wind wehen. Crystal Moselle ist zu neugierig, um weiterzulaufen. Sie hält die sechs an. Seid ihr Brüder? Ja. Wo wohnt ihr? Delancey Street, um die Ecke. Knappe, schüchterne Antworten. Die Jugendlichen, 11 bis 18 Jahre alt, werden gesprächiger, als sie erfahren, dass die junge Frau an der New York School of Visual Arts studiert hat. Filme? Davon träumen die Brüder – und bleiben mit der Frau in Kontakt. Welch wundersam-traurige Geschichte Crystal Moselle hier entdeckt hat, erfährt sie erst ein halbes Jahr später. Du bist der erste Freund, den wir haben, erzählt ihr einer der Brüder.

Die Brüder schauten über die Jahre 5000 Filme zusammen

Mukunda, Narayana, Govinda, Bhagavan, Krisna und Jagadesh heißen die Jungs. Mit Nachnamen Angulo. „The Wolfpack“ heißt die Dokumentation, an der Crystal Moselle viereinhalb Jahre gearbeitet hat und die im Sommer dieses Jahres in die US-Kinos gekommen ist. Sie erzählt die Geschichte von sechs Brüdern, die ihr Leben lang in demselben Apartment in der Lower East Side verbrachten, fast vollständig isoliert von der Außenwelt. Ihre Eltern verboten ihnen den Kontakt zu anderen Menschen. Nur in Ausnahmen durften sie vor die Tür. Es gab Jahre, da verließen sie die Wohnung nicht einziges Mal.

In den ersten Szenen von „The Wolfpack“ sieht man die Brüder, wie sie in Kostümen und mit Spielzeugpistolen durch die Wohnung toben. Dann hört man einen der Brüder sprechen. „Das Leben ohne Filme wäre langweilig“, sagt er, „ohne gäbe es keinen Grund weiterzumachen.“ Rund 5000 Filme schauten sie in all den Jahren zusammen. Weil sie an der Welt draußen nicht teilnehmen durften, kreierten sie sich ihre eigene Welt über die Filme. Aus der Not wurde eine Obsession. Sie bastelten Kostüme nach, malten Filmplakate, schrieben die Drehbücher mit einer Schreibmaschine Wort für Wort mit. Sie spielten Filmszenen nach und nahmen die Rhetorik ihrer Helden mit in ihren Alltag. Mit welch unglaublicher Akribie und Detailtreue sich die sechs Brüder ihren Lieblingsfilmen widmeten, kann man in diesen Tagen in der Deitch Gallery in Soho, Manhattan nachvollziehen. Zu sehen sind Requisiten, die die Jungen anfertigten.

Batman-Kostüme, Pulp Fiction und Quentin Tarantino

In der Mitte des Raumes stehen zwei Batman-Kostüme auf Kleiderständern, gebastelt aus Cornflakes-Packungen und Yogamatten. Daneben hängt eine „Scream“-Maske. Man kann durch die Skripte von „Pulp Fiction“, „No Country for Old Men“ und „Reservoir Dogs“ blättern. Über den Hintergrund der Eltern erfährt man in „The Wolfpack“ nicht allzu viel. Vater Oscar kommt aus Südamerika, ist arbeitslos, trinkt gerne, liebt Musik und schlägt seine Frau. „Er ist der Meinung, dass wir Menschen von der Regierung kontrolliert werden“, erzählt einer der Brüder in dem Film. Warum der Vater seine Kinder isolierte? „Ich wollte nicht, dass sie diesen sozialen Druck haben und durch Philosophie oder Religion verseucht werden“, sagt Oscar Angulo. Er ist von Politik und Gesellschaft enttäuscht. „Ein Stück Scheiße, wo wir leben“, schimpft er.

Die Mutter, Susanne Angulo, kommt aus dem Mittleren Westen. Sie ist ein Opfer ihrer Liebe. „Es waren vermutlich mehr Regeln für mich als für meine Kinder“, sagt Susanne Angulo rückblickend. „Ich glaube, die meisten Menschen wären verrückt geworden. Wir sind es nicht. Und das liegt an unserer Mutter“, sagt einer der Söhne. Im Jahr 2010 verlässt Mukunda Angulo, damals 15 Jahre alt, unerlaubt die Wohnung in New York. Nach und nach trauen sich die Brüder auch raus. Und bei einem der ersten gemeinsamen Ausflüge treffen sie auf Crystal Moselle. Die 35-jährige Regisseurin ist dabei, als die sechs zum ersten Mal ins Kino gehen. Als sie in Coney Island im Wasser planschen. „Ist ja wie 3D“, sagt einer der Angulo-Brüder, als sie durch New York laufen.

Die Mutter war die Stütze ihrer sechs isolierten Kinder

Am Ende von „The Wolfpack“ läuft „End Of the Beginning“ von Black Sabbath. „Is your life real or just pretend?“, singt Ozzy Osbourne. Ist dein Leben echt oder nur eine Täuschung? Eine Antwort auf diese Frage hat die US-Schriftstellerin Joan Didion gegeben. Sie sagte: „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.“ Die Angulo-Brüder waren und sind die besten Geschichtenerzähler.

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