Nach Absturz von 4U 9525

Germanwings-Piloten melden sich flugunfähig

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Christopher Onkelbach
 Mitarbeiterinnen von Germanwings trauern am Mittwoch während einer Schweigeminute vor der Unternehmenszentrale in Köln um ihre Kollegen

Mitarbeiterinnen von Germanwings trauern am Mittwoch während einer Schweigeminute vor der Unternehmenszentrale in Köln um ihre Kollegen

Foto: Marius Becker / dpa

Nach dem Airbus-Absturz wollten viele Crews der Lufthansa-Tochter nicht starten. Auch sie stehen unter Schock.

Köln.  Der Schock sitzt tief. Piloten, Flugbegleiter, Mitarbeiter von Lufthansa, Germanwings und Flughafenpersonal legten am Mittwoch vor der Germanwings-Zentrale in Köln Blumen, Kerzen und Stofftiere nieder. 400 Menschen trauerten dort um die Opfer von Todesflug 4U 9525.

Zahlreiche Besatzungsmitglieder meldeten sich nach Angaben der Fluggesellschaft wegen der tiefen emotionalen Betroffenheit spontan flugunfähig. Dass sie womöglich aus Sorge um ihre Sicherheit nicht zum Dienst gekommen wären, wies eine Lufthansa-Sprecherin zurück. Auch der Pilotenvereinigung Cockpit war dazu nichts bekannt. Germanwings hatte Mühe, den Flugplan einzuhalten. Dutzende Flüge wurden ersatzlos gestrichen. Ausfälle gab es in Düsseldorf und Stuttgart und auch an den Flughäfen Köln, Berlin-Tegel sowie Leipzig/Halle.

Für Unruhe hatte zuvor ein Bericht gesorgt, dem zufolge die Unglücksmaschine am Tag vor ihrem Absturz technische Probleme gehabt haben soll. Sie war am Montag in Düsseldorf längere Zeit am Boden geblieben, weil es ein Problem an der Bugradklappe im Rumpf gegeben hatte, bestätigte Lufthansa. Eine Sprecherin wies aber dar­auf hin, dass es sich „ausschließlich um ein Geräuschproblem“ gehandelt habe. An der Klappe sei ein kleiner Spalt beseitigt worden, der Luftverwirbelungen beschert habe. Das dabei entstehende Geräusch hätten die Techniker abstellen wollen. Sicherheitsrelevant sei der Schaden nicht gewesen, sagte die Sprecherin.

Am Mittwoch mussten elf Flugzeuge anderer Gesellschaften für 40 Germanwings-Flüge eingesetzt werden, weil sich die eigenen Crews als „unfit to fly“, also nicht flugtauglich erklärt hatten. Piloten und Besatzungsmitglieder anderer Airlines meldeten sich, um sich als Ersatz anzubieten, sagte Germanwings-Gesellschäftsführer Thomas Winkelmann. Am Verhalten seiner Mitarbeiter mag er keine Kritik üben: „Die Crews sagen uns, dass sie aus emotionalen Gründen nicht fliegen wollen. Wir haben dafür volles Verständnis.“ Wir sind eine kleine Familie, und der Schock unter uns ist sehr groß.“

Katastrophen-Experten wissen, dass solche Ereignisse zuweilen traumatische Auswirkungen haben können, was die Einsatzfähigkeit vorübergehend beeinträchtigen kann, vor allem in einem so sensiblen Bereich wie der Luftfahrt. In der Fliegergemeinde herrscht zudem traditionell ein großer Zusammenhalt, was die Betroffenheit noch steigert. „Man muss sich klarmachen, dass sich die Crews gut kannten, sie haben Kollegen verloren, das kann erschüttern“, sagt Oliver Gengenbach, Vorsitzender der Bundesvereinigung für Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen (SbE) in Witten. Sie gilt mit 70 Teams und rund 1000 Mitarbeitern als bundessweit größte Nachsorge-Organsiation für Einsatzkräfte. „Zunächst herrscht nach solchen Vorfällen eine große innere Aufregung und emotionale Aufgewühltheit. Manche können nicht mehr schlafen, sich nicht konzentrieren. Dann muss man ihnen helfen, wieder eine Struktur zu finden“, sagt Gengenbach. Gespräche könnten helfen, das Erlebte zu sortieren und zu ordnen.

Bei vielen Fluggesellschaften, auch bei der Lufthansa, stehen in solchen Fällen Kriseninterventionsteams bereit, die Passagiere und Crew-Mitglieder betreuen. Diese Einsätze werden als „Critical Incident Stress Management“ bezeichnet. Zuständig dafür ist unter anderem die „Stiftung Mayday“, die ein Netz von Psychologen und Helfern geknüpft hat, das Flugbesatzungen nach stark belastenden Vorfällen zur Seite steht, eine Art „Erste Hilfe“ für psychisch belastete Besatzungen.

Jährlich werden von der Stiftung rund 700 Piloten und Besatzungsmitglieder betreut. Und auch jetzt sind die Mayday-Helfer an den Flughäfen im Einsatz, haben Kontakt zu den geschockten Mitarbeitern von Germanwings, stehen als Ansprechpartner zur Verfügung.

„Es ist völlig normal, dass die Kollegen tief betroffen sind und nicht fliegen möchten“, sagt der Diplompsychologe Gerhard Fahnenbruck von der Stiftung Mayday. „So ärgerlich es sein mag: Es ist besser, ein Flugzeug bleibt am Boden, als mit einer nicht hundertprozentig einsatzbereiten Crew abzuheben.“ Auch Fahnenbruck betont, dass die Crews keinesfalls aus Sorge um die Flugsicherheit am Boden bleiben wollten. Es sei Teil der Sicherheitskultur aller Airlines, dass nicht fliegen soll, wer sich nicht wohl und fit fühlt. „Im Zweifelsfall soll kein Pilot ins Cockpit steigen müssen.“ Mit Strafen oder Sanktionen müssten sie nicht rechnen.