Teil zwei des Interviews

Ein Mafia-Mörder zieht nach Deutschland und packt aus

Lesedauer: 11 Minuten

Giovanni Rossi tötete mehrere Menschen. Seine Strafe hat er in Italien abgesessen. Er beschreibt, wie die Bosse aus seiner Heimat auch in Deutschland ihre illegalen Geschäfte betreiben.

Er ist ein Mörder der Mafia und will auspacken. Er nennt sich Giovanni Rossi. Er will aus Sizilien nach Deutschland kommen und mir berichten, wie das läuft mit den Todeslisten, mit den Männern, die beseitigt werden, und den Bossen und ihren Intrigen. Er muss aus Sizilien verschwinden. Er hat Angst vor den Söhnen seiner Opfer; sie könnten ihre Väter rächen. Er hat Angst vor seinen alten Kumpanen; sie könnten erfahren, dass er mit der Polizei geredet hat. Giovanni Rossi sucht ein sicheres Versteck, einen Neuanfang irgendwo in Deutschland.

Drei Tage haben wir Zeit, um in einem ruhigen, sicheren Haus am Niederrhein, am Rand des Ruhrgebiets, ungestört über Morde und die Mafia reden zu können. Eine Woche, um unsere Gespräche aufzuzeichnen und auszuwerten. Dann muss er weiterziehen. Er hat einen Kontakt in Süddeutschland. Dort könnte er in ein Zeugenschutzprogramm. Das ist seine Option. Giovanni Rossi hat genug vom Leben im Untergrund. Deswegen verschweigt er den Namen seines Heimatdorfes, und er lässt sich mit einem falschen Namen ansprechen.

Ich habe die Angaben von Giovanni Rossi überprüft. Ich habe mit Journalisten des WDR, des „Spiegels“ und mit Kollegen aus Italien alte Gerichtsakten besorgt und Fakten durchleuchtet. Wir haben Ermittler kontaktiert und geheime Berichte des Landeskriminalamts und des Bundeskriminalamts durchgeackert. Die Ergebnisse der Recherche sind eindeutig: Die Aussagen von Giovanni Rossi sind echt. Das Interview mit einem Killer erlaubt einen tiefen Einblick in Strukturen der Mafia und in ihren Expansionsdrang nach Deutschland. Hier ist der zweite Teil unseres Gesprächs:

Lesen Sie hier den ersten Teil des Interviews


Hamburger Abendblatt: Wie funktioniert die Mafia in Deutschland?
Giovanni Rossi: Sie kauft über Strohleute kleine Hotels, Häuser und Baufirmen. Es ist immer dasselbe Muster. Ich gebe mal ein Beispiel: Ein Mafioso kauft über einen Strohmann ein altes Haus für sagen wir 50.000 Euro, die er im Drogengeschäft gemacht hat. Ein Jahr später verkauft er es für 150.000 Euro weiter an einen anderen Strohmann, dem er ebenfalls Geld aus dem Drogengeschäft gegeben hat. Mit dem Geschäft hat er das Drogengeld gewaschen. Es ist jetzt legales Geld, das er problemlos in neue Projekte investieren kann. Nach außen hin sieht der Strohmann aus wie ein erfolgreicher Geschäftsmann. Die Banken mögen ihn und geben ihm neue Kredite, die er ebenfalls für Immobiliengeschäfte nutzt, mit denen er weiteres Drogengeld wäscht. Niemand weiß, dass er nur der Geldwäscher für einen Drogenhändler ist.

Wieso funktioniert das in Deutschland?
Rossi: Es gibt hierzulande keine Handhabe gegen die Mafia. Keine Gesetzgebung wie in Italien, die aggressiv mit Abhörmaßnahmen und Beschlagnahmungen gegen Mafia-Mitglieder und deren Unterstützer vorgeht. In Deutschland wird die Mafia wie eine Folklore-Veranstaltung gesehen. Ein Phänomen der Vergangenheit. Solange aber die Politiker und die Polizei sagen, die Mafia gibt es nicht, solange kann sie weiter im Untergrund wachsen. Die Mafia ist lebendig wie nie zuvor. Sie wandelt sich, sie passt sich an wie ein Chamäleon. Aber im Kern ist es immer noch die gleiche Organisation, die seit Jahrhunderten existiert.

Wie baut die Mafia ihre Strukturen in Deutschland auf?
Rossi: Seit den 70er-Jahren kommen die großen Bosse nach Deutschland. Sie haben sich die Regionen in Deutschland untereinander aufgeteilt. Hier die Leute aus Agrigent, dort die Leute aus Trapani. Zuerst kommt der Berater des Bosses mit ein paar Soldaten. Er schaut sich um, was man machen kann, welche Geschäfte gut sind. Einer investiert in Schwarzarbeit auf dem Bau, einer steigt ins Geschäft mit Geldautomaten ein, ein anderer kümmert sich um Drogen- oder Waffenhandel. Wenn das Geschäft dann läuft, kommen die großen Bosse. Sie kontrollieren die Geschäfte, expandieren. Das Ziel ist es immer, illegale Gewinne zu waschen. Die Mafia ist überall aktiv. Nur Erpressungen gibt es in Deutschland sehr selten. Schutzgeld ist schwierig einzutreiben. Und wenn Häuser oder Wagenparks angezündet werden, gibt es zu viel Ärger. Polizei und Öffentlichkeit werden wach, und die Geschäfte im Dunkeln werden gefährdet. Das will niemand.

Wie kann man die illegalen Geschäfte erkennen?
Rossi: Ich selbst kann einen Mafioso erkennen, wenn ich ihn treffe. Wenn ich in eine sizilianische Bar komme, erkennen mich die Menschen. Sie wissen wer ich bin und verhalten sich dementsprechend. Das Gleiche passiert, wenn ein anderer Mafioso auftaucht. Dann wird geredet, und die Leute finden sich. Für Außenstehende ist das schwer. Aber normalerweise reicht ein Blick hinter die Kulissen. Wenn jemand mit einem einfachen Transporter anfängt, Käse und Oliven aus Sizilien zu verkaufen, und kurze Zeit später ist er Besitzer von Immobilien im Wert von sieben Millionen Euro. Dann kann etwas nicht stimmen. Oder wenn ein Restaurantbesitzer immer ein leeres Lokal hat, aber angeblich Gewinne in Millionenhöhe einfährt, dann ist der Verdacht nicht weit, dass er illegales Geld wäscht. Diese Leute sehen nur aus wie erfolgreiche Geschäftsleute. Die Polizei muss auch in Deutschland Anti-Mafia-Einheiten bekommen, um die Geschäfte der Cosa Nostra gezielt zu stören. Und eine ähnlich aggressive Gesetzgebung wie in Italien wäre gut. Nur so lassen sich die Strukturen der Mafia bekämpfen.

Giovanni Rossi macht wieder eine Pause. Wir gehen am Rhein spazieren. Große Tanker fahren vorbei. Ein paar Gänse schlafen auf dem Uferstreifen. Giovanni Rossi liebt es, sich im Meer auf einer Luftmatratze treiben zu lassen. Er träumt dann von seinen Wünschen. Dass er gerne mal ein Kind in seinen Armen hätte, das zu ihm Papa sagt. Er träumt davon, mit seiner Freundin zusammenzuleben. Einmal war er schon verheiratet, aber die Ehe ging in die Brüche.

Was war die Mafia für Sie?
Rossi: Wenn du mit dem Boss und seinen Brüdern morden gehst, dann entsteht ein Blutspakt. Wir sind nicht losgezogen, um irgendwo einzubrechen, sondern um einen Menschen zu töten. Dadurch entsteht eine sehr tiefe Verbindung. Mein Boss und seine Brüder waren keine Fremden für mich. Es fühlte sich wie Familie an. Die Mitglieder der Mafia waren wie meine Brüder. Von klein auf hat die Mafia mich begleitet, war für mich da und hat sich um mich gesorgt. In meiner ersten Zeit im Gefängnis hat sich mein Boss um mich gekümmert. Er hat mir den Anwalt bezahlt, mir Sachen zum Anziehen geschickt, sich um mich gesorgt. Auch wenn er mich später dann verraten hat und mich beseitigen wollte. Er war mein Familienoberhaupt. Solange ich für meinen Boss nützlich war, so lange konnte ich mich in der Familie sicher und wichtig fühlen. Aber als es ihm notwendig erschien, mich zu töten, hat er nicht einen Moment gezögert, mich zu verraten. Wenn du mit dem Boss und seinen Brüdern morden gehst und so ein Geheimnis teilst, versuchen sie dich anschließend zu beseitigen, damit die Geheimnisse Geheimnisse bleiben. So läuft das Spiel eben: Der große Fisch frisst immer den kleinen.

Wie hieß Ihr Boss?
Rossi: Leonardo Vitale. Er sitzt derzeit in Haft, auch aufgrund meiner Aussagen. Aber so weit ich weiß, geht er seinen Geschäften auch von dort aus immer noch nach.

Wie war der Bruch mit der Mafia für Sie?

Rossi: Mein Boss wollte sich wieder mit dem damaligen Boss der Bosse der Cosa Nostra, Toto Riina vertragen. Um das zu erreichen, wollte er mich ans Messer liefern. Denn ich war der Beweis dafür, dass er hinter dem Rücken von Toto Riina dessen Leute umgebracht hatte. Mein Boss gab der Polizei einen Tipp, wo sie mich finden können. Die Carabinieri haben mich gejagt. Ich bin mit einem Motorrad geflüchtet. Hinter mir saß mein Freund seit Kindertagen, mit dem ich die ganze Zeit über zusammen war. Die Polizei hat auf uns geschossen. Und ich glaube, sie wollten uns töten. Mein Freund bekam einen Kopfschuss, sein Gehirn trat aus. Ich hatte leichtere Verletzungen.

Haben Sie sofort mit der Polizei kooperiert?
Rossi: Nein: Im Gefängnis hielt ich zuerst den Mund. Vor dem Prozess kam ich noch einmal aus dem Gefängnis und konnte nach Deutschland fliehen. Doch nachdem ich dort gefasst wurde, habe ich verstanden, dass mein Boss es war, der mich verraten hatte. Danach habe ich meine Morde zugegeben. Und wurde verurteilt. Ich habe jetzt meine Strafe abgesessen und hoffe, ein neues Leben beginnen zu können.

Nach einer Woche bringe ich Giovanni Rossi zum Bahnhof in Köln. Er zieht einen Koffer hinter sich her und steigt in einen Zug nach Süden. Seine Hoffnung, in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen zu werden, zerschlägt sich allerdings später. Er konnte nur zu den Strukturen der Mafia in Deutschland aussagen. Er kennt die Bosse, die sich hier niedergelassen haben. Das reichte den Staatsanwälten aber nicht. Nach deutschem Recht ist die Bildung einer kriminellen Vereinigung an sich zwar strafbar – aber es müssen immer auch schwere Straftaten wie ein Mord von einem Zeugen belegt werden, bevor er in Deutschland in den Zeugenschutz kommen kann. Ein Ermittler sagte mir später: Es gehe eben um eine Kosten-Nutzen-Rechnung: Was bringt der Zeuge? Welche Strafen können nach seiner Aussage verhängt werden, und was kostet den Staat der Zeugenschutz? Lohnt sich der Aufwand überhaupt? Viele in Deutschland denken ja noch immer, die Mafia, die gibt es ja gar nicht.

Der Autor leitet das Recherche-Resssort der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“