Pechvogel Andrew Gowers

Eine Karriere mit Pleiten, Pest und Pannen

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Erst Lehman-Bank, dann BP: Wo Andrew Gowers als Pressechef einstieg, ging's bergab. Das Pech folgt dem 53-jährigen Briten auf dem Fuße.

Hamburg. Die Mail von Andrew Gowers ist kurz, aber unmissverständlich: "Sorry, ich mache zurzeit keine Interviews - zu viel zu tun!" Das war nicht immer so. Vor gut zehn Jahren sprach der Engländer sehr gern mit der Presse. Damals lebte er in Hamburg. Er war Chefredakteur der "Financial Times Deutschland" (FTD). Das erstmals im Februar 2000 erschienene Blatt war die erste neue überregionale Tageszeitung seit Gründung der "taz" 1978.

Gowers war auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere angelangt. Vorläufig deshalb, weil er ein Jahr später Chefredakteur des Mutterblatts "Financial Times" und Herausgeber der "FTD" wurde. 2005 trat er dann von beiden Posten zurück, offiziell wegen "strategischer Differenzen". Die Auflage war deutlich zurückgegangen.

Anschließend verlief Gowers' Berufsweg, nun ja, etwas seltsam. Im Juni 2006 wurde der ehemalige Journalist Kommunikationschef von Lehman Brothers. Gut zwei Jahre später löste der Untergang der amerikanischen Investmentbank die größte Wirtschafts- und Finanzkrise seit 80 Jahren aus.

Im Juli 2009 heuerte Gowers bei BP an, wieder als Kommunikationschef. BP ist das größte Unternehmen Großbritanniens, viel größer als Lehman Brothers. Was sollte schon schiefgehen? Bekanntlich eine ganze Menge: Seit die Bohrinsel "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko unterging und die Küsten der umliegenden US-Bundesstaaten von Öl verseucht wurden, hat sich der Börsenwert von BP nahezu halbiert - vom Image-Desaster ganz zu schweigen. Und wie schon bei Lehman Brothers, ist Gowers mittendrin. Der 53-Jährige müsse sich mittlerweile in Katastrophengebieten heimisch fühlen, höhnt die britische Presse. Ist so viel Pech bei der Jobwahl möglich?

Fragt man Gowers' ehemalige Kollegen aus "FTD"-Zeiten, so findet man unter ihnen niemanden, der auch nur eine Spur schadenfroh wäre. Ganz im Gegenteil: Sie haben den ehemaligen Chefredakteur in bester Erinnerung. Und weil das so ist, möchte keiner von ihnen in einem Stück, in dem es um Gowers' Probleme in seinem gegenwärtigen Job geht, namentlich auftauchen.

Kaum ein ehemaliger Kollege konnte sich vorstellen, dass Gowers eines Tages als Pressesprecher arbeitet. "Gowers und PR? Das ist eigentlich unmöglich", sagt einer. Der "FTD"-Gründer galt als Vollblutjournalist. Gowers, ein studierter Literaturwissenschaftler, der nahezu fließend Deutsch spricht, begann seine Karriere bei der Nachrichtenagentur Reuters, bevor er 1983 in die Dienste der "Financial Times" trat.

1998 begann er mit der Entwicklung der "FTD". Ein Jahr später zog der etwa 1,70 Meter große, bullig wirkende Gowers nach Hamburg. Die Kollegen erlebten ihn als einen Mann mit unheimlich viel Energie. "Er trieb die Dinge voran", sagt einer. "kaum zu glauben, dass er als Pressesprecher nun von Ereignissen getrieben wird, die er nicht beeinflussen kann."

Im April 2008 kam Gowers noch einmal nach Hamburg und sah so manchen Kollegen wieder. Anlass war die Übernahme des "FTD"-Anteils der "Financial Times"-Mutter Pearson durch Gruner + Jahr. "Er war völlig unverändert", sagt einer, der dabei war. "Braun gebrannt, in Nadelstreifenanzug und mit weit aufgeknöpftem Hemd wirkte er wie früher." Natürlich wurde Gowers auch auf die Lage bei Lehman Brothers angesprochen. "Alles super", bekamen sie zu hören. Das war eine Notlüge.

In einem Beitrag für die "Welt am Sonntag", der zwei Monate nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im Dezember 2008 erschien, schilderte Gowers eine Telefonkonferenz mit Bankchef Richard Fuld aus dem März desselben Jahres: "Ich glaube nicht, dass wir heute Nachmittag pleitegehen, aber ich bin mir nicht 100-prozentig sicher", soll er gesagt haben. "Erst da ist mir wirklich aufgegangen, wie furchterregend unberechenbar meine Welt geworden war", schrieb Gowers.

Es gibt kaum jemanden, der Gower vorwirft, bei Lehman Brothers große Fehler gemacht zu haben. Vielleicht war es etwas ungeschickt, dass er sich in der "Welt am Sonntag" beklagte, immer noch auf das Geld warten zu müssen, das ihm nach seinem Ausscheiden bei Lehman Brothers versprochen worden sei. Dieses Lamento mag in den Ohren eines Kleinanlegers, der durch die Pleite alles verlor, etwas schrill klingen. Doch während der Krise hatte Gowers kaum Möglichkeiten gegenzusteuern. Fuld habe ihn von allen wichtigen Informationen abgeschnitten, heißt es.

Bei BP liegt der Fall ein wenig anders. Längst haben sich die Medien auf die Außendarstellung des Ölkonzerns eingeschossen. Warum jammerte BP-Chef Tony Hayward "Ich will mein altes Leben zurück", obwohl elf seiner Arbeiter ihres beim Untergang der Bohrinsel verloren? Wieso stehen auf der Website manipulierte Fotos? Mag sein, dass in der PR-Abteilung von BP manches drunter und drüber geht. Doch Leute, die in diesen Tagen an Gowers herankommen, haben an ihm selbst nichts auszusetzen. "Er macht einen guten Job", sagt etwa Ulrich Winkler, der bis vor Kurzem noch deutscher BP-Sprecher war. "Den Unfall", findet er, "kann die beste PR nicht in den Griff kriegen."

Ein anderer, ein kritischer deutscher Journalist, der ihn in Houston gesprochen hat, lobt die "Transparenz" von Gowers' Arbeit. Verändert habe er sich nicht. Kann es sein, dass die undankbaren Aufgaben, mit denen Gowers konfrontiert ist, ihn unbeeindruckt lassen? Zumindest ein ehemaliger Kollege hat da Zweifel. Er erzählt von einem Treffen vor dem Untergang der Deepwater Horizon. Sein Haus in Nordfrankreich, in das er sich jedes Wochenende zurückzieht, sei der Grund, "warum ich mir das alles antue", habe Gowers gesagt. Nach einem erfüllten Berufsleben klingt das nicht gerade.

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