Mord im Justizgebäude an Marwa El-Sherbini

Die islamische Welt blickt auf Dresden

Der erste Prozesstag im Dresdner Landgericht fand unter massiven Sicherheitsmaßnahmen und großem internationalem Medieninteresse statt.

Hamburg/Dresden. Nie zuvor in der Justizgeschichte Sachsens erregte ein Prozess international so viel Aufsehen. Als das Landgericht Dresden gestern die Verhandlung um den gewaltsamen Tod der Ägypterin Marwa El-Sherbini (gest. 31) begann, war draußen internationales Sprachengewirr zu hören: Englisch, Arabisch und Deutsch - Medienvertreter aus mehreren Ländern waren angereist, um beim Prozessauftakt dabei zu sein. Angeklagt ist der 28 Jahre alte Russlanddeutsche Alex W., wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung. Motiv: Hass auf Nichteuropäer und Moslems. Und nicht nur er muss sich verantworten. Beim Tatmotiv Fremdenhass steht immer auch ein ganzes Land vor Gericht.

Als Marwa El-Sherbini am 1. Juli 2009 mit ihrem Mann Elwy Ali Okaz (32) und dem dreijährigen Sohn das Gericht betrat, kam sie als Zeugin in einer Berufungsverhandlung wegen Beleidigung. Der Angeklagte Alex W. hatte die Ägypterin 2008 auf einem Dresdner Spielplatz als "Terroristin", "Islamistin" und "Schlampe" beschimpft und versucht, ihr das Kopftuch herunterzureißen. Eine gegen ihn verhängte Geldstrafe akzeptierte er nicht. So kam es zum erneuten Prozess mit tödlichem Ausgang: Alex W. brachte die Schwangere laut Anklage mit 16 Messerstichen in Rücken, Brust und Arme um. Sie starb noch vor Ort.

Zunächst wurde der Ehemann der Verstorbenen befragt. Er wurde ebenfalls lebensbedrohlich verletzt und ist noch immer auf Krücken angewiesen. Der Angriff auf seine Frau war Minutensache, sagte Elwy Ali Okaz gefasst in arabischer Sprache. Das Paar habe gerade den Gerichtssaal verlassen wollen, als der Angeklagte sie angriff. Zunächst schlug und schubste er seine Frau. Als Elwy Ali Okaz sie verteidigen wollte, griff Alex W. auch ihn an. Elwy Ali Okaz bemerkte das Messer erst, als der Täter schon mehrfach zugestoßen hatte. In diesem Moment seien "Leute" in den Saal gekommen. Ein Schuss fiel. Kurz darauf verlor er das Bewusstsein. Ein Bundespolizist hatte ihn irrtümlich für den Angreifer gehalten und ihm ins Bein geschossen. Der Witwer berichtigte in einem Punkt bisherige Angaben der Staatsanwaltschaft. Seine Frau habe Alex W. nicht angezeigt. "Wir haben von unserer Seite keine Schritte unternommen." Nachdem die Frau damals die Polizei gerufen hatte, wurde von Amts wegen ermittelt.

Wie konnte es passieren, dass ein Mann bewaffnet zum Prozess erscheint? "Es gab keine Anzeichen für eine Bedrohung", sagt Landgerichtssprecher Peter Kieß. Andernfalls hätte es Sicherheitsvorkehrungen gegeben. Das Landgericht zog Konsequenzen. Die jetzige Verhandlung fand unter massiven Sicherheitsvorkehrungen statt. Die Umgebung wurde weiträumig gesperrt und Scharfschützen im Gebäude postiert. Zuschauer, Beteiligte und die 44 akkreditierten Journalisten wurden streng kontrolliert. Wegen der Sicherheitsmaßnahmen begann die Hauptverhandlung mit Verspätung.

"Die Tatsache, dass in diesem Gericht ein solch schrecklicher Mord passierte, hat eine schreckliche Symbolkraft", sagt Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime in Deutschland. Es stehe auch ein Stück Integrität des sächsischen Landgerichts auf dem Spiel. "Ich wünschte mir, dass wenigstens einer der Polizisten, die heute das Verfahren bewachen, damals dabei gewesen wäre. Dann wäre Marwa wahrscheinlich noch am Leben."

Die Ausländerbeauftragte des Bundes, Maria Böhmer, rief zur Besonnenheit auf. "Die schreckliche Tat hat in Deutschland und Ägypten sowie in weiten Teilen der arabischen Welt Trauer und Entsetzen ausgelöst. Millionen Menschen verfolgen den Prozess mit großer Aufmerksamkeit", sagte sie. Umso wichtiger sei es, auf die Unabhängigkeit der deutschen Justiz zu vertrauen und diese zu respektieren. "Wir müssen tagtäglich mit ganzer Kraft gegen Gewalt und Rassismus eintreten", forderte Böhmer.