Streit um Gandhis Liebesleben

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Peter Michalski

Bislang unbekannte Briefe deuten sexuelle Beziehung zu deutschem Freund an. Biograf wehrt sich: Falsch interpretiert

London. Eine neue Biografie rückt den indischen Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi ins Zwielicht. Hat er zu seinem deutschen Freund und Mäzen Hermann Kallenbach auch eine sexuelle Beziehung gehabt? Und hat er sich abfällig über Schwarzafrikaner geäußert? So stellen es Vorabberichte in der amerikanischen, britischen und indischen Presse über das gestern in den USA erschienene Buch "Große Seele - Mahatma Gandhi und sein Kampf mit Indien" darf. Dessen Verfasser, der ehemalige "New York Times"-Chefredakteur Joseph Lelyveld, 73, wehrt sich: "Ich behaupte weder, dass Gandhi rassistisch, noch, dass er bisexuell war." Er werde falsch interpretiert.

Das Buch befasst sich mit Gandhis Leben von 1893 bis 1914

Lelyvelds Werk befasst sich in erster Linie mit der Zeit von 1893 bis 1914, die Gandhi in Südafrika verbrachte. In fast 40-jähriger Tätigkeit für die "New York Times" hat Lelyveld selbst mehrere Jahre sowohl in Indien als auch in Südafrika gelebt. Für ein Südafrika-Buch erhielt er den Pulitzer-Preis. In der Gandhi-Biografie zitiert er aus bisher unbekannten Briefen des "Vaters der (indischen) Nation".

Gandhi kam mit 23 Jahren als Anwalt eines indischen Kaufmanns nach Südafrika. Er war damals bereits zehn Jahre verheiratet, mit der gleichaltrigen Kasturba Makhanji. Die 1944 gestorbene Kasturba gebar fünf Kinder, deren erstes nur wenige Tage lebte.

1904 lernte Gandhi den deutsch-jüdischen Architekten Hermann Kallenbach (1871-1945) kennen, der acht Jahre zuvor nach Südafrika ausgewandert war. Der vermögende Ostpreuße war das, was man heute einen Bodybuilder nennen würde, und vermutlich homosexuell. 1910 schenkte er Gandhi ein 440-Hektar-Grundstück nahe Johannesburg zur Errichtung eines Ashrams, den sie Tolstoi-Farm nannten. "Dein Porträt (das einzige) steht auf meinem Kaminsims in meinem Schlafzimmer", schrieb Gandhi an den Freund. In einem anderen Brief äußerte sich Gandhi darüber, "wie vollständig Du von meinem Körper Besitz ergriffen hast. Das ist die totale Sklaverei". In dem Schriftwechsel nannte Gandhi sich selbst "Oberhaus", den Deutschen bezeichnete er als "Unterhaus". Er nahm Unterhaus das Versprechen ab, "keine Frau lustvoll anzusehen". Die beiden hätten einander "mehr Liebe und noch mehr Liebe" geschworen, zitiert Lelyveld. Dennoch besteht er darauf, seine Biografie sei "entstellt" wiedergegeben worden: "Das Wort 'bisexuell' taucht in meinem Buch kein einziges Mal auf."

Der Autor verwahrt sich gegen das Wort rassistisch für Gandhi

Auch das Wort "rassistisch" komme nur einmal in seinem Buch vor, betont Lelyveld. Das Kapitel gelange auf keinen Fall zu dem Schluss, dass Gandhi rassistisch war. Er zitiert den Inder nach einer Verhaftung in Südafrika: "Wir mussten zu einem für Kaffer (Schimpfwort) bestimmtes Gefängnis marschieren. Wir konnten verstehen, dass man uns nicht mit Weißen zusammen klassifizierte, aber auf dieselbe Stufe gestellt zu werden wie Kaffer schien unzumutbar. Kaffer sind in der Regel unzivilisiert."

Während das "Wall Street Journal" in seiner Buchbesprechung Gandhi als "sexuellen Spinner" bezeichnete, lobte die "New York Times" das Lelyveld-Buch als "nuanciert und klarsichtig". "Gandhis Sexleben übt eine morbide Faszination auf westliche Autoren aus", kritisierte Mahatma-Urenkel Tushar Gandhi in Neu-Delhi. "Damit können sie ihre Bücher besser verkaufen." Gandhis Enkelin Tara Bhattacharjee erklärte alle Versuche für "engstirnig, den Mann aufgrund seiner Freundschaften zu diskreditieren, der uns das Geschenk der Gewaltlosigkeit brachte".