Zugunglück bei Hordorf

Bahnbetreiber versprechen Hilfe für Opfer und Familien

Die Verletzten des Zugunglücks von Hordorf und die Familien der Getöteten sollen Hilfe erhalten. Der überlebende Lokführer schweigt.

Hordorf/Magdeburg. Die Überlebenden und Hinterbliebenen des Zugunglücks in der Magdeburger Börde können mit umfangreichen Hilfen rechnen. Die Salzgitter AG, in deren Auftrag der am Unfall beteiligte Güterzug unterwegs war, sicherte am Mittwoch Unterstützung zu. „Wir stehen zu unserer Verantwortung, unabhängig davon, ob der Unfall auf technisches oder menschliches Versagen zurückzuführen ist“, sagte Salzgitter-Sprecher Bernd Gersdorff. „Wir denken an eine materielle Unterstützung.“ Der Lokführer des Güterzuges, der zwei Signale ignoriert haben soll, schweigt zu dem Unfall.

Bei dem Unglück waren am Wochenende zehn Menschen ums Leben gekommen, 23 weitere wurden verletzt. Nach ersten Ermittlungen des Bundesverkehrsministeriums hatte der Führer eines Güterzuges zwei Haltesignale ignoriert. Zwei der Verletzten waren am Mittwoch weiterhin auf einer Intensivstation. Ein 10-jähriges Mädchen liege im Koma, schwebe aber nicht in akuter Lebensgefahr, sagte die Sprecherin des Klinikums in Halberstadt, Nicole Huhn. Zudem liege eine weitere Frau in dem Krankenhaus auf der Intensivstation.

Auch das Bahnunternehmen Veolia, das für den am Unfall beteiligten Personenzug zuständig ist, sagte Unterstützung zu. Der Landkreis Harz, aus dem neun der zehn Toten stammen, richtete ein Spendenkonto ein. „Der Landkreis wird alles Notwendige und alles Erdenkliche tun, um den Hinterbliebenen in ihrem Schmerz hilfreich zur Seite zu stehen“, sagte Landrat Michael Ermrich (CDU).

Sachsen-Anhalts Landtag gedachte zu Beginn seiner letzten Sitzung vor der Landtagswahl der Opfer des Zugunglücks. „Wir alle stehen noch unter dem Eindruck der schrecklichen Bilder“, sagte Landtagspräsident Dieter Steinecke (CDU) in Magdeburg. Das Gedenken gelte den Toten und das Mitgefühl den Hinterbliebenen der Opfer. Steinecke dankte allen Helfern, die sich am Sonnabend am Unglücksort in der Magdeburger Börde um die Opfer gekümmert hatten.

Nach Angaben der Polizei in Magdeburg schweigt der Lokführer des Güterzuges zu den Vorwürfen. Er mache als Beschuldigter von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch, sagte ein Sprecher. Die Justiz ermittelt gegen den 40-Jährigen unter anderem wegen fahrlässiger Tötung. Laut Polizei wird es noch etliche Zeit dauern, bis eine verlässliche Rekonstruktion des Unfallhergangs möglich ist. Zu Beginn der Woche war allerdings bereits ein vorläufiger Bericht aus dem Bundesverkehrsministerium bekanntgeworden, wonach der Lokführer ein Vor- und ein Hauptsignal ignoriert haben soll.

Sicherheits-Debatte

Während die Deutsche Bundesbahn im Westen bereits 1969 alle Hauptstrecken mit einer sogenannten induktiven Zugsicherung versehen habe, existierten heute in den neuen Bundesländern noch mehr als 800 Kilometer Hauptstrecke ohne diese Sicherung. Mit der Technik wird ein Zug beim Überfahren eines „Halt“ zeigenden Hauptsignals automatisch abgebremst, auch ein ignoriertes Vorsignal löst binnen vier Sekunden eine Zwangsbremsung aus.

Kritik an der Konstruktion von Personenzügen kam von der Technischen Universität in Berlin. Mehr als 90 Prozent der Personenzüge auf deutschen Gleisen genügten nicht den im EU-Recht vorgeschriebenen Crashtests, sagte der Leiter des Fachgebiets Schienenfahrzeuge an der TU Berlin, Markus Hecht, der Zeitung „Die Zeit“. Dies gelte auch für den in Sachsen-Anhalt verunglückten Zug mit zwei fast neuen Triebwagen des Herstellers Alstom. Das Ignorieren der Vorschrift sei zulässig, weil die Züge nur deutsche Strecken befahren. Verbindlich sei die EU-Norm nur für den grenzüberschreitenden Verkehr.

Nach Ermittlungen des Bundesverkehrsministeriums hatte der Lokführer eines Güterzuges ein Vor- und ein Hauptsignal ignoriert. Bahnchef Rüdiger Grube hatte bereits am Montagabend angekündigt, nach dem schweren Zugunglück schnellstmöglich mehr eingleisige Strecken mit moderner Sicherungstechnik auszustatten. (dpa)