Amoklauf von Lörrach

Amokläuferin hatte im Sommer ihr Glück verloren

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Im Sommer trennte sich Sabine R. von Mann und Kind und zog in die kleine Stadt Lörrach. Am Sonntagabend löschte sie dort ihre Familie aus.

Lörrach. Das Einfamilienhaus steht idyllisch am Waldrand. Der Dorfbach plätschert ruhig vorbei. Rote Bastelherzen hängen in den Fenstern. Hier im kleinen Schwarzwaldort Häg-Ehrsberg war Sabine R. glücklich, doch das Glück zerbrach: Die 41-jährige Anwältin trennte sich im Juni von Mann und Kind und zog in die 30 Kilometer entfernte Stadt Lörrach. Am Sonntagabend löschte sie dort ihre Familie aus.

Nach den Erkenntnissen von Polizei und Staatsanwälten war Sabine R. getrieben von ihren Beziehungsproblemen. Nach der Trennung bahnte sich ein Sorgerechtsstreit an. Sie litt auch unter einer Fehlgeburt, die sie 2004 hatte - in der Klinik, in der sie bei ihrem Amoklauf mit mehr als 300 Schuss Munition in der Tasche schießend durch die Gänge zog und einen Pfleger tötete.

Sabine R. hatte sich in ihrer Lörracher Rechtsanwaltskanzlei, die sie im Dezember bezogen hatte, notdürftig ein Zimmer eingerichtet. Privater Raum war einzig eine Matratze, beschreiben es Ermittler. In dem Büro hatte der Sohn die Mutter am Sonntag besucht. Als der Vater ihn abholen wollte, kam es zu der tödlichen Tragödie und dem anschließenden Amoklauf im gegenüberliegenden St. Elisabethen-Krankenhauses. Die Bilanz: vier Tote und 18 Verletzte.

Das am Dienstag veröffentlichte Obduktionsergebnis zeigt: Die Frau schoss gezielt in Kopf und Hals ihres Mannes, einen 44 Jahre alten gelernten Schreiner. Ihren Sohn schlug sie bewusstlos und erstickte ihn dann mit einer Plastiktüte . Die Amokläuferin selbst wurde später im Krankenhaus von 17 Polizeikugeln getroffen.

Die aus Ludwigshafen stammende Frau hatte sich bis 1996 im nordbadischen Mosbach in einem Schützenverein engagiert. Zuletzt hatte sie die Berechtigung für vier Waffen. Eine davon war die Tatwaffe. Ob sie auch nach ihrem Umzug in den Schwarzwald in einem Schützenverein aktiv war, ist unklar.

+++ Das Waffenrecht in Deutschland +++

Staatsanwalt Dieter Inhofer nannte die Frau "psychisch angespannt". In psychiatrischer Behandlung sei sie aber nicht gewesen. Anzeichen für einen drohenden Amoklauf habe es nicht gegeben. Als Rechtsanwältin trat die Frau in der Öffentlichkeit nicht in Erscheinung. Sie war selbst den meisten Nachbarn ihrer Kanzlei nicht bekannt. Streit gab es, so berichten es Nachbarn, mit dem früheren Arbeitgeber der Frau, einem Privatunternehmen.

Ein mögliches Motiv für den Amoklauf nannte der Mediziner Kurt Bischofberger, seit 1994 Chef der Gynäkologie an dem Lörracher Krankenhaus: Eine Fehlgeburt könne Auslöser für große psychische Belastungen und Schäden sein. "Es ist ein Trauma, das verarbeitet werden muss und mit dem jede Frau unterschiedlich umgeht." Ob dies die Tat ausgelöst habe, werde sich jedoch nie klären lassen.

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Die katholische Schwester Anemunda, Oberin am Elisabethen-Krankenhaus, trauert auch am Dienstag um die Opfer, ebenso wie viele hundert Menschen, die sich spontan zum stillen Gedenken getroffen haben. An den Tatorten und am Wohnhaus der Familie liegen Blumen, es brennen Kerzen. "In mein Gebet schließe ich auch die Amokläuferin ein", sagt eine Lörracherin. "Die Frau, die so viel Leid über uns gebracht hat."

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