Rückkehr nach Stalingrad

Abendblatt-Autor Horst Schüler durchstreifte noch einmal jenen Ort, an dem vor 60 Jahren Zehntausende seiner Kameraden fielen und der zum Synonym für den Untergang des Hitler-Reiches wurde.

Manchmal gleichen Erinnerungen verirrten Vögeln. Flattern hierhin, flattern dorthin, suchen rastlos einen Platz, der ihnen Ruhe verspricht. Diese Stadt da, deren Airport wir anfliegen, das ist so ein Ort der umherirrenden Erinnerungen. Von allen Seiten lässt er die Gedanken heranstürmen, sorgt in den Köpfen für Unruhe und Verwirrung. Die Jüngeren werden das kaum verstehen, denke ich. Vermutlich gleicht ihren Sinnen das graue Häusermeer dem tausend anderer. Dabei ist doch die Erde da unten mit dem Blut ihrer Väter und Großväter getränkt, liegen deren Gebeine dort zu Tausenden und Abertausenden verscharrt.

Mit Panzern, Geschützen, Gewehren, Bajonetten haben sie sich gegenseitig getötet, ja, mit bloßen Händen sind sie aufeinander losgegangen. Oder sie verhungerten. Oder sie erfroren. Und während sie starben, irgendwie elendig starben, da begann die Welt sich zu verändern.

Ein Schicksalsort, ja, ein Schicksalsort.

Zwei knappe Stunden sind wir von Moskau nach Stalingrad geflogen. Wir sagten alle "Stalingrad", obwohl die Stadt doch nur von 1925 bis 1961 diesen Namen trug. Seitdem heißt sie Wolgograd. Und vorher Zarizyn, die Stadt der Zarin. Stenka Rasin, der oft besungene Kosakenataman, hatte sie 1670 mal erobert. Ansonsten war es ein unbedeutender Ort am 150 Meter hohen Bergufer der Wolga in der bis Kasachstan reichenden Kalmückensteppe. Den Atem nehmende Hitze im Sommer, klirrender Frost im Winter. Dann, als das 20. Jahrhundert begann, entdeckte man im Donezkbecken reiche Kohlevorkommen und im Kaukasus Öl. Vorbei war es mit der Schattenrolle dieser Stadt, sie wurde ein wichtiger Warenumschlagplatz. Mehr noch: Während des russischen Bürgerkrieges war sie eine Schlüsselstellung der Roten Armee gegen die Truppen der Weißen Generäle Wrangel und Krasnow. Armeekommissar der Bolschewisten war Stalin. Die Stadt bekam seinen Namen, mit dem sie knapp 20 Jahre später zu einem Mythos wurde. 1942/43 war das, als die 6. deutsche Armee hier unterging. Nein, nicht einfach nur eine Armee ging unter - der Krieg nahm seine Wende. Und Stalingrad wurde zu ihrem Synonym.

60 Jahre ist das her.

Wer hat eigentlich noch eine Vorstellung von den menschlichen Größenordnungen, über die hier geschrieben wird? Also: Etwa 360 000 Soldaten war die 6. Armee stark, als sie im Juli 1942 gegen Stalingrad vorrückte. Die meisten von ihnen fielen bis Februar 1943, die genaue Zahl wird wohl immer unbekannt bleiben. Um die 37 000 Verwundete wurden ausgeflogen. In Gefangenschaft gerieten etwa 100 000. Von ihnen blieben rund 5000 am Leben. 5000 von weit über 300 000. Und auf der Seite der Verteidiger schwankt die Zahl der Toten zwischen 400 000 und einer halben Million.

Unser Hotel befindet sich im Zentrum der Stadt. Das Zimmer ist einfach eingerichtet, das Bett miserabel. Doch ich hätte auch auf einem Komfortlager keinen Schlaf gefunden. Die Gedanken sind zu unruhig, machen sich an Namen und Begriffen fest: Paulus, Chef der 6. Armee. Seine Generäle Schmidt, Jaenecke, Seydlitz, Strecker, Hube, Heitz. Ihre sowjetischen Gegen-"Spieler" Rokossowski, Tschuikow, Jeremenko, Schumilow, Tolbuchin. Höhe 102, Stahlwerk "Roter Oktober", Kampf um jedes Haus, um jedes Stockwerk, Ausharren bis zur letzten Patrone, Hunger, Kälte, Kapitulation, Todesmarsch in die Gefangenschaft, wer im Schnee liegen bleibt, wird erschossen . . .

Plötzlich fällt mir Rudi Hempel ein. Wir waren gemeinsam Rekruten, lagen 1941 in Berlin-Kladow auf einer Stube. Später zog die Kompanie nach Osten, wurde Teil der 6. Armee. Nicht alle. Ich war vorher zur Ausbildung beim fliegenden Personal versetzt worden. Rudi Hempel und die anderen starben blutjung. Jahrzehnte später liege ich in einem Hotelzimmer der Stadt, in der sie der Tod fand, und denke über das nach, was manche Schicksal nennen und andere Glück.

Am Tag zuvor waren wir am Mamajew-Hügel. Der Name erinnert an einen Tatarenfürsten. Auf den Karten der Militärs hieß er "Höhe 102". Monatelang war diese Anhöhe umkämpft worden, wechselte manchmal täglich den Besitzer. Daran erinnert jetzt eine Gedenkstätte mit einer gewaltigen Siegesgöttin, die 80 Meter hoch in den Himmel ragt. Aus versteckten Lautsprechern dröhnen dem Besucher Geschützdonner, Maschinengewehrfeuer, Bombenabwürfe entgegen. Man meint, inmitten der Schlacht zu sein.

Ob Rudi Hempel hier an diesem Hügel gefallen ist? Oder vielleicht am Stahlwerk "Roter Oktober"? Oder auf dem Flugplatz Pitomnik, wo verzweifelte Verwundete sich an die Fahrwerke der überladenen Transportflugzeuge klammerten? Oder vor dem Warenhaus Univermag, in dem General Paulus kapitulierte? Oder ob er es noch bis zum Gefangenenlager Betekowka schaffte, wo innerhalb weniger Wochen etwa 40 000 Soldaten starben - an Hunger, Kälte, Fleckfieber, Ruhr, Dystrophie oder welch Name dem Tod noch einfiel? Ihr Befehlshaber Paulus starb nicht in einem Gefangenenlager. 1953 kam er heim, lebte dann noch vier Jahre in Dresden, ehe er 1957 seinen Soldaten folgte.

Roter Oktober, Mamajew, Univermag, Pitomnik, Betekowka - Stationsnamen einer schauerlichen Tragödie. Ihre Akte zeugen von Opfermut und Heldentum, zeugen von Angst, Verzweiflung, Starrsinn, Dummheit, ja, auch von Zynismus. Am 18. Juli 1942 begann die Tragödie, an diesem Tag nannte der Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht zum ersten Mal den Namen "Stalingrad". Die 6. Armee rücke gegen die Stadt vor, hieß es. Warum überhaupt Stalingrad? Weil aus dem Kaukasus jährlich neun Millionen Tonnen Öl in die sowjetischen Industriegebiete gebracht wurden. Stalingrad, der Hauptumschlagplatz, sollte abgeriegelt werden. Hitler schwebte die Auslösung einer Energiekrise in der Sowjetunion vor. Außerdem gab es da auch noch das Traktorenwerk "Dserschinskij". Monatlich gingen von hier 250 der gefürchteten Panzer T 34 an die Front.

Im September drangen die deutschen Truppen in die Stadt ein. Hitler erklärte, Stalingrad befinde sich praktisch in "unserer Hand". Doch in kaum zu begreifender Unfähigkeit übersah die deutsche Aufklärung alle sowjetischen Vorbereitungen zu einer Gegenoffensive. Marschall Schukow zählte in seinen Erinnerungen auf, was da um Stalingrad zusammengezogen wurde: elf Armeen, mehrere Panzerkorps, 13 500 Geschütze, 1000 Flak-Geschütze, 115 Gardewerferabteilungen, knapp 1000 Panzer und 1115 Flugzeuge. Am 19. November griffen die sowjetischen Truppen an, im Dezember war die 6. Armee eingeschlossen. Der Ausbruch wurde ihr von Hitler gegen den Rat vieler Generäle untersagt. Dabei hatte sich die von Generaloberst Hoth geführte 4. Panzerarmee bereits bis auf 30 Kilometer an den sowjetischen Umfassungsring herangekämpft. Die Eingeschlossenen konnten schon den Geschützdonner der Befreier hören. Doch Paulus war nicht der Mann, der sich gegen einen Befehl Hitlers stellte. Er lehnte auch zwei Kapitulationsaufforderungen ab, wohl wissend, dass seine Truppen hungerten, keine Munition mehr hatten und kaum noch Widerstand leisten konnten. Unterwürfig schickte er noch am 29. Januar 1943, zwei Tage bevor er kapitulierte, an Hitler zum zehnten Jahrestag seiner Machtübernahme einen Funkspruch: " . . . Unser Kampf möge den lebenden und den kommenden Generationen ein Beispiel dafür sein, auch in der hoffnungslosesten Lage nie zu kapitulieren . . . "

An diesem Jahrestag der Machtübernahme hörten die in ihren Erdbunkern hockenden deutschen Soldaten über Radio ihre eigene Todesrede. Es hielt sie der Mann, der den Eingeschlossenen täglich 300 Tonnen Lebensmittel und Munition über eine Luftbrücke versprochen hatte, seine Zusage aber auch nicht annähernd einhielt. Reichsmarschall Göring sprach in Berlin von Leonidas I. mit seinen 300 Spartanern, der Jahrtausende zuvor gegen eine gewaltige Übermacht gekämpft hatte, bis der letzte Mann gefallen war. Göring: "Und es wird noch einmal in der Geschichte heißen: Kommst du nach Deutschland, dann berichte, du habest uns in Stalingrad kämpfen und sterben sehen, wie das Gesetz es befahl."

Wie das Gesetz es befahl! Ich denke darüber, wie zynisch doch Menschen sein können. Ich denke über die Hybris eines "Führers" nach. Und ich grüble über die Mutlosigkeit von Generälen, die ihm nicht die Stirn boten, lieber opferten sie bedenkenlos die ihnen unterstellten Soldaten. Friedrich Wilhelm Paulus - ein nachdenklicher Mensch soll er gewesen sein. Von Hitler wurde er unmittelbar vor der Kapitulation zum Feldmarschall ernannt, und nach seiner Gefangennahme hatte er keine andere Sorge, als sowjetische Offiziere darum zu bitten, sie mögen ihm doch die Schulterstücke eines Feldmarschalls besorgen.

In einem mitgebrachten Buch lese ich den letzten Feldpostbrief eines seiner Soldaten, verzweifelte Sätze an den Vater, einem Geistlichen. " . . . Ich habe Gott gesucht in jedem Trichter, in jedem zerstörten Haus, an jeder Ecke, bei jedem Kameraden, wenn ich in meinem Loch lag, und am Himmel. Gott zeigte sich nicht, wenn mein Herz nach ihm schrie. Die Häuser waren zerstört . . . auf der Erde war Hunger und Mord, vom Himmel kamen Bomben und Feuer. Nur Gott war nicht da . . . "

Als wir das Hotel am nächsten Morgen verlassen, hockt eine alte Frau vor dem Eingang. Sie bettelt und bietet ein Eisernes Kreuz zum Kauf an. Kriegsorden kann man überall auf den Feldern finden, Jahrzehnte noch nach der Schlacht. Die alte Frau gehört zum Volk der Sieger. Die sie anbettelt, sie gehören zum Volk der Geschlagenen. Menschliche Logik stößt hier an ihre Grenzen.

Wieder in Deutschland. Ein Nachrichtenmagazin veröffentlicht einen ausführlichen Bericht über Stalingrad. Danach empört sich ein Leser, warum man denn überhaupt noch einmal über "diese Mörderbande" schreibe.

Bloß gut, dass die Toten nicht auch noch erfahren müssen, wie manche ihrer Enkel über sie denken.