Fussball: Nach Skandalspiel in Wilhelmsburg

Suspendierung: Camlica wehrt sich gegen den HFV

Übergriffe auf Schiedsrichter haben Folgen für Camlica Genclik. Hamburger Fußball-Verband schließt Verein aus Bezirksliga aus.

Hamburg. Der Hamburger Fußball-Verband (HFV) hat hart durchgegriffen – zumindest vorübergehend.

Mit einer einstweiligen Verfügung hat der Verband die erste Herren-Mannschaft von Camlica Genclik – und damit im Prinzip den ganzen Verein, der nur aus diesem einen Team besteht – vorerst aus dem Verkehr gezogen. Zuvor reagierte der Verband auf Gewalt-Delikte auf den Sportplätzen grundsätzlich nur mit Sperren und Geldstrafen, eine sofortige Suspendierung schon vor der Verhandlung hat es bisher nicht gegeben.

Hintergrund der drastischen Sofort-Maßnahme des HFV-Sportgerichts sind die Geschehnisse vom vergangenen Sonntag beim Bezirksliga-Süd-Spiel zwischen dem SV Wilhelmsburg und Camlica am Vogelhüttendeich. Die Partie wurde in der Halbzeitpause von Schiedsrichter Jan-Erik Sternke (19) abgebrochen, nachdem er kurz vor dem Pausenpfiff zwei Camlica-Akteure mit Gelb-Rot vom Platz schickte und dann nach einer verbalen Auseinandersetzung mit ansehen musste, wie einer seiner Schiedsrichter-Assistenten mit einer gefüllten Plastikflasche von einem 43-Jährigen angegriffen wurde. Benommen ging der Linienrichter kurzzeitig zu Boden, erholte sich aber schnell wieder. Ärztliche Hilfe lehnt er ab.

Sternke selbst bekam einen Schlag ins Gesicht und an eine Fortsetzung der Partie war nach diesem Angriff nicht mehr zu denken. Die Polizei wurde gerufen, nahm Daten und Aussagen auf und nach und nach beruhigte sich die Atmosphäre auf dem Sportplatz wieder.

Ohne die genauen Umstände der Vorfälle geklärt zu haben, setzte der Verband nun die für das Wochenende geplante Partie der Mannschaft von Trainer Cumhur Cakir (46) gegen Türk-Birlikspor ab.

Der Verbands-Schiedsrichter-Ausschuss (VSA) und das HFV-Präsidium hatten aus Sorge um die Schiedsrichter den Antrag auf diese einstweilige Verfügung gestellt, die zudem besagt, dass fünf Camlica-Akteure bis auf weiteres nicht mehr am Spielbetrieb teilnehmen dürfen. Eine Entscheidung, die Trainer Cakir nicht nachvollziehen kann: „Die fünf Spieler haben waren nicht daran beteiligt“, ärgerte er sich über den Schnellschuss.

Deshalb hat sein Verein bereits am Mittwoch einen Anwalt aufgesucht und Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung eingelegt. Bei Camlica Genclik ist man sich keiner Schuld bewusst. Auch mit den Türen, die in der Gäste-Kabine am Vogelhüttendeich seit Sonntag beschädigt sind, will man bei Camlica nichts zu tun haben.

Dass der HFV nun hart durchgriff und sein Verein komplett suspendiert wurde, schockierte Cakir, wie er sagt. „Die Heftigkeit der Geschehnisse hat den Ausschlag für diese Entscheidung gegeben“, erklärte HFV-Pressesprecher Carsten Byernetzki, und sagt weiter, dass trotz der einstweiligen Verfügung noch „alles passieren“ kann. Camlica könnte den Spielbetrieb wieder aufnehmen oder sie könnten komplett verbannt werden, je nach Beweislage.

Und so hofft Cakir, dass am kommenden Mittwoch bei der Verhandlung an der Jenfelder Allee, das ans Licht kommt, was er als Wahrheit sieht, und die einstweilige Verfügung aufgehoben wird.

Dass es allerdings generell Probleme gibt, das ist Cakir bewusst. Und so haben sich mehrere türkische Vereine darauf verständigt, am Freitag um 19 Uhr beim FC Türkiye (An der Landesgrenze) zu einer Sitzung zusammen zu kommen, wo eine Lösung für die teilweise prekäre Lage auf Hamburgs Fußballplätzen gefunden werden soll.

Der Zuschauer, der das Schiedsrichter-Gespann attackierte, wurde angezeigt. Gegen ihn wird wegen Körperverletzung ermittelt. (prö)