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Torsten Jansen: „Wir können jedes Team schlagen“

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Tim Parge und Rainer Grünberg
Der frühere Weltklasse-Linksaußen Torsten Jansen übernahm am 27. März 2017 in der 3. Liga das Traineramt beim HSV Hamburg.

Der frühere Weltklasse-Linksaußen Torsten Jansen übernahm am 27. März 2017 in der 3. Liga das Traineramt beim HSV Hamburg.

Foto: WITTERS

Der Trainer des Handball Sport Vereins Hamburg spricht im Abendblatt über die Ziele in einer schwierigen Zweitligasaison.

Hamburg. „Lassen Sie uns in der Volksbank Arena, unserer Trainingshalle treffen. Vor dem Spiel am Sonntag gegen Konstanz möchte ich öffentliche Orte, Cafés oder Restaurants meiden“, hatte Torsten Jansen bei der Verabredung mit dem Abendblatt gesagt. Das Coronavirus hat Besitz vom Handball Sport Verein Hamburg (HSVH) genommen. Zwei Wochen lang fiel das Training wegen inzwischen sechs positiver Fälle aus, das komplette Zweitligateam saß in Quarantäne, für Cheftrainer Jansen (43) eine heikle und komplizierte Situation vor dem auf diesen Sonntag verschobenen Saisonstart.

Hamburger Abendblatt: Herr Jansen, seit Mittwoch können Sie wieder Ihre Mannschaft trainieren. In welcher Verfassung sind Ihre Spieler nach der Separation?

Torsten Jansen: Fünf unserer 15 Spieler fielen aus unterschiedlichen Gründen ja weiter aus, die zehn, die bisher beim Training waren, machten einen motivierten und fitten Eindruck. Größere körperliche Defizite habe ich nicht erkennen können, die ärztlichen Untersuchungen haben auch keine Hinweise in diese Richtung gegeben. Natürlich werden wir gerade mit den infizierten Spieler größtmögliche Vorsicht walten lassen. Wer sich nicht wohlfühlt, pausiert.

Wie belastend ist die momentane Situation für Sie und Ihre Spieler?

Jansen: Ich hatte schon mal mehr Spaß als in den vergangenen 14 Tagen. Immerhin haben wir einen Garten, da konnte ich mal die Hecke schneiden, Rasen mähen und Laub harken. Die meisten Spieler aber mussten in ihren Wohnungen bleiben, durften nicht mal ins Treppenhaus. Das schlägt aufs Gemüt. Aber im Training und dann hoffentlich auch im Spiel ist das alles vergessen, da fokussiert sich jeder aufs Handballspielen, denn das haben wir alle zuletzt stark vermisst.

Ziehen Sie Lehren aus den positiven Corona-Fällen? Haben Sie der Mannschaft neue Verhaltensregeln verordnet?

Jansen: Die Jungs haben sich auch in der Vergangenheit vernünftig verhalten. Wie es zu diesen Infektionen gekommen ist, wo sie sich angesteckt haben, ist nicht mit Gewissheit nachzuvollziehen. Natürlich haben wir noch mal an die Verantwortung jedes Einzelnen appelliert, die er für die gesamte Gruppe und den Verein hat. Ich kann die Spieler aber auch verstehen, dass sie neben Training, Studium oder Arbeit noch etwas anderes erleben wollen. Das sei ihnen auch gestattet, aber bitte immer mit der gebotenen Vorsicht und unter Einhaltung aller Abstands- und Hygieneregeln.

Am Sonntag steht nach nur vier Tagen Vorbereitung das erste Saisonspiel an. Was dürfen wir von Ihrer Mannschaft unter diesen Umständen erwarten?

Jansen: Unser Vorteil ist, dass diese Mannschaft schon seit gut einem Jahr in dieser Zusammensetzung spielt, die taktischen Abläufe bekannt und verinnerlicht sind. Die Frage ist nur, schaffen wir es, an unsere Leistungsgrenze zu kommen. Mit Einsatz, Willen und Teamgeist können körperliche Defizite sicherlich kompensiert werden, aber wie lange?

Werden Sie taktische Abstriche machen müssen, etwa auf den von Ihnen stets propagierten Tempohandball verzichten?

Jansen: Das wäre das falsche Zeichen. Wenn jemand eine Pause braucht, erhält er sie, ansonsten versuchen wir unser Spiel durchzuziehen, alles reinzuhauen.

Eigentlich wollten wir Sie auch nach Ihren Saisonzielen fragen. Gibt es überhaupt ein anderes, als gesund zu bleiben?

Jansen: Das ist die Voraussetzung in dieser ungewöhnlichen, schwierigen Saison. Dennoch bleiben wir ambitioniert, wollen uns weiter verbessern, uns Richtung obereres Tabellendrittel werfen. Die jungen Spieler haben sich gut entwickelt, körperliche Defizite aufgearbeitet, an Muskelmasse zugelegt. Wir haben das Potenzial, jede Mannschaft in der Zweiten Liga zu schlagen, andererseits können wir auch gegen jedes Team verlieren. Die Leistungsunterschiede zwischen den Mannschaften sind nicht sehr groß, die Liga ist sehr ausgeglichen besetzt.

Ohne oder mit nur wenigen Zuschauern droht der Heimvorteil zu entfallen. Sind Ihre Spieler darauf mental vorbereitet, nicht vom Publikum gepusht zu werden?

Jansen: Wir haben das thematisiert, aber wie sich das auswirkt, wird die Praxis lehren. Es macht schon etwas aus, wenn du weißt, dass 3000 Leute hinter dir stehen, dich nach vorne schreien. Unser starker Teamgeist könnte da helfen, um mit dieser ungewohnten Situation konstruktiv umgehen zu können. Die bisherigen Ergebnisse zeigen allerdings, dass die Zahl der Auswärtssiege zunimmt. Zuschauer bauen mit ihren Reaktionen, mit Beifall, Pfiffen, auch mit Protesten gewöhnlich Druck auf die Schiedsrichter und die gegnerische Mannschaft auf. Das entfällt jetzt. Das Problem haben jedoch alle Mannschaften, und auswärts profitieren wir vielleicht davon, wenn die Atmosphäre in der Halle weniger hitzig ist.

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Wenn diese Saison besonders gut oder ex­trem schlecht verläuft, wäre der Verein dann in der Lage, personell zu reagieren?

Jansen: Da bin ich der falsche Ansprechpartner. Wir haben ja für diese Saison keine neuen Spieler verpflichtet, weil wir fest an die Stärke und die Entwicklungsfähigkeit unseres Kaders glauben. Aber die finanziellen Mittel sind in Zeiten wie diesen sicherlich begrenzt. Und ob jemand zu uns kommt, wenn ich ihm sage, bei uns kannst du wenig verdienen, aber viel spielen, wäre interessant zu erfahren.

Rücken Sie jetzt von der Zielsetzung ab, mittelfristig im Kampf um den Bundesliga-Aufstieg eingreifen zu wollen?

Jansen: Die bleibt. Ich bin von unserer Mannschaft, von jedem Einzelnen überzeugt. Wir können gemeinsam noch sehr viel erreichen.