Handball

Der HSVH lebt nach einem Satz der Rhein-Neckar Löwen

Sebastian Frecke (33) ist seit dem 1. Juli 2018 Geschäftsführer der Handball-Marketing-Gesellschaft. Er spielte selbst Handball und hat eine Trainerlizenz.

Sebastian Frecke (33) ist seit dem 1. Juli 2018 Geschäftsführer der Handball-Marketing-Gesellschaft. Er spielte selbst Handball und hat eine Trainerlizenz.

Foto: Mark Sandten / HA

Marketing-Geschäftsführer Sebastian Frecke soll die Voraussetzungen für Hamburgs Bundesliga-Rückkehr schaffen. Was dazu noch fehlt.

Hamburg.  Es ist nicht einfach, in diesen Tagen einen Termin mit Sebastian Frecke zu bekommen. Der Geschäftsführer der Handball Sport Management und Marketing GmbH (HSM) mutet sich mal wieder einen vollen Terminkalender zu. „Ich war zuletzt viel im Büro, ich muss zurück auf die Straße“, sagt der 33-Jährige. Um die Jahreswende vergeben Unternehmen ihre Marketingetats, und Frecke ist optimistisch, dass die Konzepte des Handball Sport Vereins Hamburg (HSVH) weitere Firmen überzeugen werden, er mit Präsident Marc Evermann, Sportchef Martin Schwalb und der Agentur Lagardère Sports neue Partner, Sponsoren und Investoren für den Verein gewinnen kann. 130 sind es schon – eine stattliche Zahl.

„Die Kunst im Handball ist es, bestmöglichen sportlichen Ertrag zu erzielen, ohne dabei insolvent zu gehen“, hat Jennifer Kettemann, die Geschäftsführerin des zweimaligen deutschen Meisters Rhein-Neckar Löwen, mal gesagt. Der Satz gefällt der Führung des HSV Hamburg. „Sportlicher Erfolg braucht eine gesunde wirtschaftliche Basis, um den Verein solide, nachhaltig aufbauen zu können“, sagt Präsident Evermann.

Frecke: HSVH ist weiter als gedacht

Die Insolvenz der aufgelösten HSV Handball Betriebsgesellschaft mbh & Co. KG vom Januar 2016, die den damaligen Bundesligaspielbetrieb finanzierte und am Ende eben nicht, ist allen im Club eine Warnung. Die Nachwehen seien manchmal noch zu spüren, nicht alle Altlasten sind abgetragen, „doch wir sind auf einem sehr guten Weg und viel weiter, als wir es vor vier Jahren gedacht haben“, sagt Frecke.

2016 spielte der Verein in der viertklassigen Oberliga Hamburg/Schleswig-Holstein, jetzt gehört die Mannschaft von Trainer Torsten Jansen als Tabellensiebter zur Spitzengruppe der 2. Bundesliga. Ein Erfolg am Sonntag (17 Uhr, Sporthalle Hamburg) gegen den TV Emsdetten würde diese Position festigen. Fünf der bisherigen sechs Saison-Heimspiele gewannen die Hamburger.

Nach Rütsch-Aus Verantwortung umverteilt

Der Aufstieg in die Erste Liga rückt in Wurfweite, noch nicht in dieser Saison, wohl in einer der nächsten. „Wir sind ein Leistungssportverein. Natürlich wollen wir zurück in die Bundesliga, nicht irgendwann, sondern demnächst“, sagt Sportchef Schwalb. Frecke und seine drei HSM-Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle in der Volksbank Arena müssen dafür die finanziellen und strukturellen Voraussetzungen schaffen.

Nachdem Schatzmeister Jürgen Rütsch ausgeschieden ist, lasten noch mehr Verantwortung und Arbeit auf dem Quartett. „Wir müssen uns weiterentwickeln, wachsen und dann die entsprechenden Strukturen nachziehen. Stagnation kann zu einer existenziellen Gefahr werden“, sagt Frecke. 20 weitere mittelständische Partner brauche der Club, „um den nächsten Schritt zu gehen“.

Barclaycard-Arena könnte Türöffner sein

Die VIP-Räume in der Sporthalle sind mit 250 Gästen stets gut besucht, einige größere Unternehmen wollen beim HSVH aber erst einsteigen, wenn wieder regelmäßig in der Barclaycard Arena Handball gespielt wird. Wirtschaftlicher Träger des Vereins und Lizenzinhaber ist die Marketing GmbH, einziger Gesellschafter bisher der Handball Sport Verein Hamburg. Das Stammkapital beträgt 25.000 Euro. An der Gesellschafterstruktur soll zunächst nichts geändert werden, bis zu 49 Prozent der Anteile können aber verkauft werden. „Das bleibt eine Option, wenn wir in die Bundesliga aufsteigen wollen“, sagt Frecke.

Die HSM strebt auch im zweiten Geschäftsjahr eine schwarze Null an, der Verein (Jahresetat: 350.000 Euro) will 2020 erstmals Einnahmen und Ausgaben in ein ausgeglichenes Verhältnis bringen. Außen vor sind die Verbindlichkeiten des HSVH von rund einer Million Euro. Sie sind mit Darlehen abgesichert.

Heimspiele kosten den HSVH 600.000 Euro

Mit einem Saisonetat von 2,5 Millionen Euro liegen die Hamburger Handballer auch finanziell in der Spitzengruppe der 2. Bundesliga. „Die Zahlen sind schwer zu vergleichen“, warnt Frecke. Gegenüber der Konkurrenz habe der HSVH einige strukturelle Nachteile. Das fängt mit höheren Mietkosten auf dem umkämpften Hamburger Wohnungsmarkt für die Spieler an und endet bei der Spielstätte. Den Vertrag mit der Sporthalle Hamburg hat der Verein bis zum Ende der Saison 2021/22 verlängert, sich weiter günstige Konditionen gesichert, die aber nur für die Zweite Liga gelten.

Dennoch geht ein Viertel des Budgets, rund 600.000 Euro, für Organisation und Durchführung der 17 Heimspiele drauf. Neben der Miete entstehen Kosten für Sicherheit, Sanitäter, Aufbau, Ausstattung, die an anderen Standorten bei Weitem nicht in dieser Höhe anfallen. „Das sind 600.000 Euro, die wir gern in die Mannschaft investieren würden“, sagt Frecke. Eine mal angedachte Senkung der Eintrittspreise ist vorerst ausgeschlossen.

Weiteres HSVH-Spiel in der Barclaycard-Arena?

Das Weihnachtsspiel in der Barclaycard Arena am 26. Dezember gegen Ferndorf hilft, die Kassen zu füllen. Das Spiel bleibt auch als Werbemaßnahme alternativlos. Derzeit wird die Begegnung am Flughafen, im Fahrgast-TV der U-Bahnen und an vielen Bushaltestellen kommuniziert, der HSVH ist in der Stadt derzeit präsent wie zu keiner anderen Jahreszeit. Frecke hofft auf 10.000 Zuschauer, sagt aber auch: „Es muss nicht immer Weihnachten sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein attraktiver Gegner zu einem anderen Termin ebenso viele Zuschauer in die Barclaycard Arena zieht.“

Die Präsentation der Heimspiele will Frecke mit seinem Team überarbeiten, mehr jüngeres Publikum in die Halle locken. „Die Basketballer der Hamburg Towers sind in dieser Beziehung unser Vorbild“, sagt Frecke. Zuletzt waren bei den Handballern Hip-Hop und Rap zu hören, Heidi Kabel („An de Eck steiht’n Jung mit’n Tüdelband“) bleibt aber gesetzt. Mit einem Zuschauerschnitt von 2926 ist der HSVH zwar Zweiter hinter Bundesliga-Absteiger VfL Gummersbach (2982); dass in der vergangenen Saison 120 Dauerkarten mehr verkauft wurden als die diesmal 1980, ist indes ein erstes kleines Warnzeichen. Möglicherweise vermisst mancher Fan nach erfolgreich bestandenem Abstiegskampf jetzt eine klare sportliche Zielsetzung.

HSVH setzt weiter auf die eigene Jugend

Für den Bundesliga-Aufstieg fehlen neben strukturellen auch die sportlichen Voraussetzungen. „Unser Ziel muss es sein, dass jede Position im Team doppelt gut besetzt ist, damit wir Ausfälle pro­blemloser als bisher kompensieren können“, sagt Frecke. Die Gelegenheit, die Mannschaft neu aufzustellen, bietet sich für die nächste Saison. Neun Verträge laufen im Mai aus, der Verein könnte den Kader für die nächste Saison von 19 auf 17 Spieler reduzieren, um mehr Qualität ins Team zu bringen.

„Wir können uns aber aus eigenen Mitteln keine teuren Spieler leisten. Wir setzen weiter auf talentierte 20-Jährige mit Perspektive und unsere gute Jugendarbeit“, sagt Frecke. Die hat sich in Handball-Deutschland herumgesprochen – die U 19 hat sich für die neu geschaffene Meisterrunde der Jugendbundesliga qualifiziert – und erhöht die Chance, begabten Nachwuchs nach Hamburg zu lotsen. Mit Jan-Erik Kaage (18) steht gegen Emsdetten erneut ein Nachwuchsspieler im Aufgebot.

Stefan Schröder, dem Weltmeister von 2007, kommt als Jugendkoordinator eine zentrale Rolle zu. Der 38-Jährige, der demnächst seine C- und B-Trainerlizenz machen wird, soll als Bindeglied zwischen Nachwuchs und Profis fungieren. „Das klappt bisher sehr gut“, sagt Frecke. Ein Kraft-, Athletik- und Rehatrainer soll zur kommenden Spielzeit eingestellt werden, auch als Reaktion auf die vielen Verletzten in dieser Saison.

„In den meisten Bereichen sind wir schon gut aufgestellt; wollen wir in die Bundesliga, müssen wir überall jedoch ein bisschen besser werden“, sagt Frecke und schaut auf sein Handy. Zehn Anrufe in der vergangenen Stunde. „Das wird noch ein langer Abend“, ahnt er.