Vor Derby gegen HSV

Druck auf Luhukay wächst: FC St. Pauli verpasst Sieg

So reagierte St.-Pauli-Spieler Henk Veerman nach dem Abpfiff.

So reagierte St.-Pauli-Spieler Henk Veerman nach dem Abpfiff.

Foto: picture alliance/dpa

17:3-Schüsse und 61 Prozent Ballbesitz reichen nicht, um sich Selbstvertrauen für das Derby zu holen.

Hamburg. Leo Östigard hämmerte mit der Faust vor Wut auf den Rasen, andere St.-Pauli-Profis sanken vor Enttäuschung nur noch zu Boden, als Schiedsrichter Daniel Schlager das einseitige Spiel abgepfiffen hatte. Das 0:0 gegen Dynamo Dresden war für den FC St. Pauli viel zu wenig, um sich aus seiner bedrohlichen Situation zu befreien. Und angesichts der eigenen Überlegenheit war der Ärger über die vielen ungenutzten Chancen auch völlig berechtigt. Eine Woche vor dem Stadtderby gegen den HSV (Sonnabend, den 22. Februar) wächst somit der Druck auf Trainer Jos Luhukay.

Fan-Ausschreitungen nach dem Spiel

Doch dies war noch längst nicht alles, was die Gemüter nach dem Schlusspfiff am Freitagabend erregte. Einige Dynamo-Hooligans kletterten aus ihrem Stehplatz-Gästeblock über den Zaun nach oben in den Sitzplatzbereich und prügelten auf die dort stehenden Ordner ein, die sie daran hindern wollten, auf St.-Pauli-Anhänger loszugehen. Dabei wurden einige Ordner verletzt, wie St. Paulis Sicherheitschef Sven Brux berichtete. Drei mussten sogar ins Krankenhaus. Die Lage konnte erst durch den Einsatz von Polizisten beruhigt werden. Es kam zu 22 Festnahmen, wie die Polizei am Sonnabend mitteilte.

„So etwas gehört nicht zu einem Fußballspiel“, sagte Dresdens Außenverteidiger Chris Löwe. Wesentlich deutlicher wurde St. Paulis Torwarttrainer Mathias Hain angesichts der Szenen. „Dieses asoziale Pack! Die schlagen auf 65 Jahre alte Ordner ein. Da gibt es keinen Punktabzug, gar nichts. Was ist das für eine Kultur? Unfassbar ist das. Aus der Liga sollen die raus!“, schimpfte er.

Innenverteidiger Leo Östigard verpackte seine Empfindungen in ebenso drastische Worte: „Das fühlt sich wie eine Niederlage an. Wir sind so viel besser als Dresden gewesen. Die kommen her, spielen Scheißfußball und tun das unseren Fans an nach dem Spiel. Ich bin so wütend. Das ist ein Scheißverein mit Scheißfans.“ Nach dem Spiel kam es im Hamburger Stadtgebiet zu weiteren Auseinandersetzungen der rivalisierenden Fangruppen.

FC St. Pauli: Spiel auf ein Tor

Bei der Premiere auf dem in der vergangenen Woche neu verlegten Rasen hatte sich von Beginn an ein Spiel auf das Tor der total defensiv eingestellten Dresdner entwickelt. Schon nach 25 Minuten hatte St. Pauli eine Ballbesitzquote von 70 Prozent und 7:1 Torschüsse zu Buche stehen, am Ende waren es 65 Prozent und unglaubliche 20:3 Torschüsse. Nach Treffern allerdings blieb es auch nach der Nachspielzeit beim 0:0, was vor allem daran lag, dass die St. Paulianer immer wieder einen Weg fanden, auch ihre besten Torchancen nicht zu nutzen, allen voran Außenstürmer Viktor Gyökeres. Richtig Pech hatte St. Paulis anderer Außenstürmer Ryo Miyaichi, der gleich zweimal den Torpfosten traf.

Trainer Jos Luhukays immer wieder vorgebrachte Klage, sein Team sei nicht effektiv genug, hatte in diesem Spiel seine volle Berechtigung. „Wir hatten dem schnellen Spiel St. Paulis wenig entgegenzusetzen“, sagte Dresdens Trainer Markus Kauczinski, der am 10. April vergangenen Jahres bei St. Pauli beurlaubt worden war und jetzt erstmals in neuer Funktion ans Millerntor zurückkehrte. „Wir freuen uns natürlich nicht über das Ergebnis, aber die Mannschaft hat in der ersten Halbzeit Fußball gespielt, der unglaublich gut war. Wir bekommen zwischen fünf und acht sehr gute Möglichkeiten. Normalerweise hätte das für zwei Spiele gereicht“, sagte Jos Luhukay.

„Die Schlussszene war sinnbildlich für das ganze Spiel. Du musst dieses Spiel gewinnen“, sagte St. Paulis Sportchef Andreas Bornemann. „Das sind Phasen, die jeder Verein durchmacht. Wir haben aber eine gute Reaktion auf das nicht so gute Spiel in Kiel gezeigt – zumindest in der ersten Halbzeit.“

Pfosten und Latte verhindern das späte Siegtor

Trotz aller Einseitigkeit witterte Dresden in Minute 85 die große Chance, das Millerntor-Stadion mit drei Punkten verlassen zu können, weil Schiedsrichter Schlager auf Strafstoß entschied, als St. Paulis Rechtsverteidiger Luca Zander gegen Dresdens Chris Löwe recht ungeschickt grätschte. Videoassistent Günter Perl intervenierte und empfahl Schlager, sich die Szene noch einmal anzusehen. Flehend stand Zander einige Meter entfernt und hoffte inständig auf eine Korrektur. Und tatsächlich hatte Schlager ein Einsehen und korrigierte die Entscheidung. Dazu gab er Löwe Gelb wegen einer Schwalbe, was angesichts dessen, dass es eine leichte Berührung gegeben hatte, dann doch übertrieben war.

Doch das war es noch längst nicht mit dramatischen Szenen auf dem Feld. In der Nachspielzeit traf Christopher Buchtmann mit einer Mischung aus Flanke und Schuss von der Seite zunächst die Latte, Miyaichis Nachschuss landete am Pfosten und Sobotas weiterer Nachschuss wurde vom eingewechselten Teamkollegen Dimitrios Diamantakos geblockt. Danach war Schluss, St. Paulis Spieler ärgerten sich maßlos über den verpassten Sieg und darüber, dass sie im Kampf um den Klassenerhalt weitere zwei Punkte verloren hatten.

Zudem verpassten sie es, mit einem Sieg neues Selbstvertrauen vor dem Stadtderby beim HSV in einer Woche zu tanken. „Von Montag an richten wir die Augen auf dieses nächste Spiel und gehen es mit sehr viel Positivismus aus dem Eindruck vom heutigen Spiel an“, sagte Luhukay.

Die Statistik:

St. Pauli: Himmelmann - Zander, Östigard, Buballa, Ohlsson - Benatelli (83. Diamantakos) - Becker (74. Buchtmann), Sobota - Miyaichi, Gyökeres (62. Coordes) - Veerman. - Trainer: Luhukay

Dresden: Broll - Wahlqvist (67. Kreuzer), Ballas, Nikolaou, Löwe - Petrak, Husbauer - Horvath (46. Klingenburg), Atik, Terrazzino (80. Hamalainen) - Schmidt. - Trainer: Kauczinski

Schiedsrichter: Daniel Schlager (Hügelsheim)

Tore: Fehlanzeige

Zuschauer: 28.980

Gelbe Karten: Sobota (3), Benatelli - Klingenburg (6), Petrak, Löwe

Torschüsse: 17:3

Ecken: 8:2

Ballbesitz: 61:39 %