FC St. Pauli

Luhukay: "Ich traue mich nicht, Ziele zu nennen"

Für Jos Luhukay und den FC St. Pauli verläuft die Saisonvorbereitung bisher durchwachsen. Vor allem die Personallage bereitet dem Trainer Sorgen.

Für Jos Luhukay und den FC St. Pauli verläuft die Saisonvorbereitung bisher durchwachsen. Vor allem die Personallage bereitet dem Trainer Sorgen.

Foto: Witters

Der Trainer des FC St. Pauli sprach im Mai noch vom Ziel Aufstieg. Nach zehn Tagen im Trainingslager hat ihn die Realität eingeholt.

Mayrhofen/Hamburg. Am zehnten Tag des Trainingslagers in Mayrhofen stand für die Fußballprofis des FC St. Pauli am Vormittag noch eine letzte Übungseinheit im Lindenstadion auf dem Programm, ehe es für sie mit dem Mannschaftsbus nach München und von dort per Eurowings-Maschine zurück nach Hamburg ging. Vorher nahmen sich Cheftrainer Jos Luhukay und Sportchef Andreas Bornemann Zeit, um über das Fazit des Trainingslagers, aber vor allem die Perspektiven des Teams zu sprechen. Nebenbei verriet Luhukay, warum er spektakuläre Teambuilding-Events für „scheinheilig“ hält. Vor allem aber wollte er kein sportliches Ziel für die anstehende Zweitligasaison ausgeben angesichts der jüngsten Erfahrungen mit vielen verletzten Spielern und der bisher erfolglosen Suche nach Verstärkungen.

„Die neun Tage hatten alles in sich, die Mannschaft hat sehr intensiv gearbeitet auf dem Platz. Das gilt auch für die Besprechungen, die wir gemeinsam durchgeführt haben“, sagte Luhukay und lobte die Rahmenbedingungen. Dazu gehörte neben dem Lindenstadion auch ein großer Zweitplatz, auf dem das Team spezielle Übungen durchführen konnte. Dann aber äußerte er auch gleich seine Bedenken. „Ich glaube, dass die Mannschaft tagtäglich in der Entwicklung, körperlich, konditionell und auch fußballerisch gesehen Fortschritte macht. Aber wir brauchen noch einige Zeit, um das in Perfektion durchführen zu können. Ich glaube nicht, dass wir zum Saisonstart soweit sind. Normalerweise geht man von einer sechswöchigen Vorbereitung aus, wir haben nur fünf“, sagte Luhukay.

FC St. Pauli sucht Profis mit "spezieller Qualität"

Auch mit der personellen Situation sei er nicht so glücklich, räumte der Trainer wenig überraschend ein. Die beiden Neuzugänge Boris Tashchy und Rico Benatelli mussten mit Muskelverletzungen schon früh das Trainingslager wieder verlassen. Dazu muss er sich weiter gedulden, ehe er weitere Verstärkungen ins Team einbauen kann. „Wir wissen, was wir haben wollen und auf welcher Position, das ist schon mal wichtig. Da suchen wir spezielle Qualität“, sagte Luhukay, gab aber auch zu bedenken: „Man muss erst mal sehen, in welcher Verfassung ein Spieler ist, wie lange er im Training ist, ob er eine Vorbereitung und Spiele gemacht hat und somit im Rhythmus ist.“

Hier kommt Sportchef Andreas Bornemann ins Spiel. „Es ist auch unser Anliegen zu versuchen, mit dem, was wir zur Verfügung haben, das Bestmögliche hinzukriegen, auch wenn es etwas länger dauert. Ich stürze mich jetzt nicht aus dem Fenster, weil im Trainingslager oder auch morgen nicht schon drei Neuverpflichtungen da sind. Die Ruhe, die wir haben, ist nicht vorgespielt. Die haben wir in dem Wissen, dass die Zeit ein Faktor ist, der eine wichtige Rolle spielt“, sagte er. „Wir sind ein Stück weit davon abhängig, dass irgendwo etwas ins Rollen kommt, dass es Veränderungen in anderen Kadern gibt. Wir müssen in der Lage sein schnell zu reagieren, wenn sich etwas ergibt.“

St. Pauli kann nicht wie der HSV in Spieler investieren

Als früherer Sportchef des 1. FC Nürnberg hat er mit großem Interesse verfolgt, wie jetzt der Lokalrivale HSV die Nürnberger Ewerton und Tim Leibold verpflichtet hat. „Ich weiß, zu welchen Bedingungen sie die Spieler aus ihren Verträgen herausgeholt haben. Das ist bei uns undenkbar bei dem Rahmen, den wir zur Verfügung haben“, stellt Bornemann klar. Da bedarf es anderer Modelle. „Wir müssen gucken und vielleicht irgendeinen Verein zu finden, der will, dass ein Spieler Spielpraxis bekommt. Das geht dann über eine Leihe und die anteilige Übernahme des Gehalts“, sagt er.

Luhukay beklagt unbefriedigende Personalsituation

Kreative Lösungen sind also gefragt. Ebenso dringend geboten ist aber auch, die Verletzungsmisere, die das Team in den vergangenen Jahren immer wieder zurückgeworfen hatte, endlich in den Griff zu bekommen. Luhukay nannte erschütternde Zahlen für die abgelaufene Saison. „Es kann es nicht sein, dass nur zwei Spieler auf mehr als 30 Einsätze, einer auf 26 und nur vier auf 20 bis 25 gekommen sind. 70 Prozent des Kaders lag unter 15 Einsätzen.

Mit verschiedenen Maßnahmen soll dieses Problem jetzt in den Griff bekommen werden. Doch Luhukay ist nicht wirklich sicher, dass dies auch sofort funktioniert. Daher und auch angesichts der unbefriedigenden Personalsituation sagte er: „Ich traue mich heute gar nicht, über Ziele zu sprechen.“ Noch im Mai hatte er, wenige Wochen nach seinem Amtsantritt, Euphorie entfacht, als er verkündete: „Ich bin hier, um innerhalb von zwei Jahren den Aufstieg zu schaffen.“ Davon ist heute keine Rede mehr. Jetzt sagte er: „Erst in der Winterpause werden wir eine erste echte Bestandsaufnahme machen und dann für die Rückrunde das eine oder andere Ziel neu definieren. Wir müssen akzeptieren, dass St. Pauli ein Traditionsverein ist, an den bestimmte Erwartungen gestellt werden. Diese Herausforderung haben wir angenommen. Aber man darf nicht die Realität verlieren, wie sich die Situation jetzt darstellt.“

St. Paulis Trainer glaubt nicht an die Wirkung von Teambuildingmaßnahmen

Erstmals seit Jahren gab es in St. Paulis Sommertrainingslager keine der üblichen Teambuilding-Maßnahmen. Trainer Luhukay hatte anfangs mitgeteilt, dass der Wunsch danach, wenn er denn besteht, aus der Mannschaft heraus an ihn herangetragen werde müsse. Das geschah offenbar nicht, ganz zur Freude von Luhukay. „Ich habe in den vergangenen 20 Jahren alles, was es da gibt, schon mal gemacht. Ich glaube, dass das alles für die Medien und für schöne Bilder ist und die sozialen Netzwerke. Diese Rafting- und Mountainbike-Touren sind für mich keine Teambuilding-Maßnahmen. Wenn man dreimal verloren hat und dann weiter zusammensteht, ist das Teambuilding. Das andere ist doch nur scheinheilig“, redete er sich in Rage. Und weiter: „Wenn ich dann Bilder von mir sehe im Neoprenanzug und mit Helm auf dem Kopf, denke ich, ich bin Peppi, der Clown. Oder im Kletterpark sah ich aus wie ein Affe. Sechs Spieler saßen dann mit Karten am Tisch. Die hatten Höhenangst – ist das dann Teambuilding?“ Bei aller Abneigung hätte er, so versicherte er, dem Team einen freien Tag gegeben, wenn es den Wunsch für eine solche Aktion gegeben hätte. So gab es nur einen freien Nachmittag, an dem einige Spieler mit der Seilbahn auf den Berg fuhren – auch eine Art Aufstieg.