Spielordnung

Der FC St. Pauli schlägt eine Lizenzrevolution vor

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Alexander Berthold
Ewald Lienen (l.) und Andreas Rettig (r.) weihten mit Olaf Westermann von Sponsor LichtBlick eine E-Tankstelle am Stadion ein.

Ewald Lienen (l.) und Andreas Rettig (r.) weihten mit Olaf Westermann von Sponsor LichtBlick eine E-Tankstelle am Stadion ein.

Foto: Witters

Die Deutsche Fußball Liga soll gesellschaftliche Verantwortung der Clubs in der Spielordnung verankern. Zander bleibt, Meier geht.

Hamburg.  An Akribie und Detailversessenheit hat es Andreas Rettig noch nie gemangelt. Da überraschte es nicht, dass der 56 Jahre alte kaufmännische Geschäftsführer und Interimssportchef des FC St. Pauli mit handschriftlich vorbereiteten Notizen und Ausdrucken am Donnerstag zu einer 78-minütigen Gesprächsrunde in die Viva-con-Agua-Loge im Millerntor-Stadion lud. Eigentlich sollte es vorwiegend über die insgesamt enttäuschende Zweitliga-Saison 2018/19 gehen, doch Andreas Rettig wäre nicht Andreas Rettig, wenn er nicht auch über den berühmt-berüchtigten Tellerrand hinausschauen würde.

Der Geschäftsführer des Kiezclubs macht keinen Hehl daraus, wie groß seine Sorge ob des immer größer werdenden Gigantismus im Weltfußball ist. „Die Zeit der goldenen Steaks ist vorbei“, sagte Rettig in Anspielung auf Franck Ribérys Besuch in einem Luxusrestaurant. „Wir dürfen die Identifikation der Fans nicht weiter aufs Spiel setzen“, sagt Rettig und nimmt da vor allem die Clubs und die Deutsche Fußball Liga (DFL) in die Pflicht. So schlagen die Verantwortlichen des Kiezclubs vor, dass neben den vier vorhandenen Säulen im Lizenzierungsverfahren (sportliche Platzierung, Wirtschaftlichkeit, Medienrichtlinien und Nachwuchsarbeit) künftig eine fünfte Säule etabliert werden soll. „Das System ist zwar bewährt und europaweit anerkannt, aber im Laufe der Jahre hat ein Wertewandel stattgefunden“, erklärt der Funktionär.

Lizenz-Richtlinien revolutionieren

Deshalb regt er an, die Lizenz-Richtlinien zu revolutionieren und die „gesellschaftliche Verantwortung“ zu verankern. „Es geht um Nachhaltigkeit. Bei der Infrastruktur könnte man beispielsweise neue Vorgaben machen. Warum nur Vorgaben bei der Stadionkapazität?“, fragte Rettig und ergänzte: „Warum sagen wir nicht, dass die Clubs Solaranlagen oder Elektroladestationen am Stadion vorweisen müssen? Oder im Fuhrpark der Spieler eine gewisse Quote an Elektroautos? Mir erschließt sich bei den Medienrichtlinien auch nicht, warum mittags in der Sonne das Flutlicht an sein muss, damit die TV-Bilder eine Nuance schärfer werden“, sagte Rettig und schlug mit einem Augenzwinkern vor, dass die Ligen ja auch einen autofreien Spieltag veranstalten könnten. „Das geht nicht von heute auf morgen. Aber wir müssen einen Prozess in Gang setzen.“ Rettig, der St. Pauli am 30. September verlässt, strebt kein Amt bei der DFL oder dem Deutschen Fußball-Bund an.

Ähnlich kreativ will St. Pauli auch in der Sommerpause an der Zusammenstellung der neuen Mannschaft arbeiten. Fakt ist: Der aktuell 32 Spieler umfassende Kader soll verkleinert werden. Eine genaue Anzahl wollen der künftige Sportchef Andreas Bornemann und Trainer Jos Luhukay besprechen. Am Donnerstag verkündete St. Pauli bereits vier weitere Personalentscheidungen. Das Gastspiel von „Fußballgott“ Alexander Meier ist nach nur einem halben Jahr wieder beendet. Nach einem längeren Gespräch zwischen dem 36-Jährigen, seinem Berater Jürgen Milewski und der St.-Pauli-Führung einigte man sich auf die Beendigung der Zusammenarbeit. „Alex war ein Toptransfer – menschlich, aber auch auf dem Platz. Wenn er ein Jahr älter ist und zu kämpfen hat, ob er in den 18er-Kader kommt oder nicht, wird das dem Stellenwert des Spielers nicht gerecht“, sagte Rettig.

Mehr in sportlichen Bereich investieren

Ebenfalls keine Zukunft am Millerntor haben das in der vergangenen Saison zum KFC Uerdingen verliehene Talent Maurice Litka (23, Vertrag bis 2020) und Abwehrspieler Brian Koglin (22), dessen auslaufendes Arbeitspapier nicht erneuert wird. Während ein Trio geht, wird Luca Zander auch in den kommenden vier Jahren ein fester Bestandteil bei St. Pauli sein. Nach dem Ende des zweijährigen Leihgeschäfts mit Werder Bremen kauften die Hamburger den Rechtsverteidiger für 150.000 Euro Ablöse. Abgeschlossen sind die Personalplanungen aber noch lange nicht. „Wir sind, was die Leistung und die Punkteausbeute angeht, mit der Saison insgesamt nicht zufrieden. Es wird daher noch weitere Veränderungen geben. Wir respektieren Verträge, aber es ist Korrekturbedarf vorhanden“, kündigte Rettig an. Dem Vernehmen nach hat St. Pauli Abwehrspieler Maurice Trapp von Zweitliga-Aufsteiger VfL Osnabrück beobachtet.

Um in der neuen Saison noch konkurrenzfähiger zu sein, will St. Pauli deutlich mehr in den sportlichen Bereich investieren. Neben der Verpflichtung weiterer Spieler stehen aber auch die Stärkung der Nachwuchsabteilung und die Ausbildung von Trainern im Fokus. „Die wirtschaftliche Vernunft wird bleiben, aber wir wollen der neuen sportlichen Führung Möglichkeiten geben, etwas zu machen, und sind bereit, ein etwas größeres Risiko einzugehen“, kündigte der Geschäftsführer an.

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