FC St. Pauli-Museum

„Kiezbeben“: Wie der Totenkopf ans Millerntor kam

Die Ausstellung zeigt, wie der Zweitligist sich verwandelte: vom gutbürgerlichen Sportverein zum „etwas anderen Fußballclub“.

Hamburg. Man könnte als Erstes die Geschichte von Bertha „Betti“ Schlichting erzählen, der passionierten ehemaligen Straßenbahnschaffnerin und Anhängerin des FC St. Pauli. Es war Ende der 1980er-Jahre, als sie sich auf der Tribüne furchtbar über den Grauschleier auf den Trikots der Spieler aufregte. „Dann musst du die Trikots eben selbst waschen, Betti.“ So wurde Betti zur Waschfrau der St.-Pauli-Profis. Und so prominent, dass sie im November 1988 nach dem 0:0 gegen Bayern München zusammen mit RTL-Experte Günter Netzer, Trainer Helmut Schulte und Ex-Coach Michael Lorkowski hinter dem Stadion in einen Hubschrauber stieg und nach Köln geflogen wurde. Zum TV-Auftritt in der RTL-Sendung „Anpfiff“ mit Ulli Potofski.

Das ist nur eine der vielen Anekdoten, die es in der neuen Ausstellung im FC St. Pauli-Museum zu entdecken gibt. Sie erzählt in Fotos und Filmen, Texten und Zeitungsausschnitten von couragierten Menschen und skurrilen Höhenflügen auf St. Pauli. Der Titel verspricht Aufregendes: „Kiezbeben“. „Ich habe nach einem kurzen, prägnanten Titel gesucht, der der Wucht der Zeit und der Tiefe ihrer Veränderungen gerecht wird“, sagt Kurator Christoph Nagel (45), Historiker, Autor und seit den 90er-Jahren St.-Pauli-Fan. Er sagt, das Beben stehe für umwälzende Veränderung nach scheinbarer Stagnation. „Genau so ist es vor Erdbeben, genau so war es vorm Kiezbeben: Stadtteil und Verein schienen erstarrt in ihren Krisen.“

Großes Beben

Doch tatsächlich seien da, tief in der Gesellschaft, schon Kräfte am Werk gewesen, die sich rieben. „Und schließlich zu einem großen Beben führten, das ebenso schöpferisch wie zerstörend war, denn den gutbürgerlichen FC St. Pauli der 50er- und 60er-Jahre hat es später so nicht mehr gegeben. Stattdessen gibt es den Verein, wie wir ihn heute kennen: politisch, kritisch, kreativ und mit klarer Kante gegen rechts.“

Eine schwierige Geburt war das. „Der Verein und der Stadtteil waren in einem Zustand, da musste man schon zweimal durchatmen“, sagt Helmut Schulte, der 1984 durch eine ABM-Maßnahme des Arbeitsamtes zum hauptamtlichen Jugendtrainer geworden war. Bevor er 1987 als Co-Trainer von Willi Reimann, der zum HSV wechselte, überraschend zum Chefcoach befördert wurde – weil Horst Hrubesch und Horst Heese dem Kiezclub abgesagt hatten.

Kampf gegen den Abriss

Sechs Jahre zuvor war St. Pauli aus der Bundesliga abgestiegen, 1979 Lizenzentzug für Liga zwei, fast drei Millionen Mark Miese. Statt Bayern und HSV hießen die Gegner in Liga drei Delmenhorst und Hameln. „Zu den Spielen kamen im Schnitt 1700 Zuschauer“, sagt Schulte. Drastisch formulierte damals Wolfgang Kreikenbohm, Präsident von 1979 an: „Wir hatten unter jedem Stuhl in der Geschäftsstelle einen ,Kuckuck‘ kleben. Dem Verein etwas zu geben, das war wie etwas in ein Rattenloch zu werfen.“

Quasi gleichzeitig zogen im Oktober 1981 jugendliche Hausbesetzer unbemerkt in zwölf Häuser am Hafenrand. Häuser, die leer standen, um sie abreißen zu können. Und um an gleicher Stelle, so der städtische Plan, eine „repräsentative Perlenkette“ entstehen zu lassen. An der St. Pauli-Hafenstraße folgte ein jahrelanger Kampf gegen den Abriss. Mit Barrikaden und Räumpanzern, 10.000 Polizisten und einem Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD), der 1987 sein Amt darauf verpfändete, dass den Hafenstraßenbewohnern ein Pachtvertrag angeboten wird – wenn sie die Barrikaden abbauen. Nebenan im Millerntor-Stadion wurde Saison für Saison um den Aufstieg gekämpft. Beides war letztlich erfolgreich.

Alternativer Fußball

Und weil im St.-Pauli-Tor seit 1986 Volker Ippig stand, der nach seinem Abitur am Wirtschaftsgymnasium St. Pauli und mehrmonatiger Aufbauarbeit in Nicaragua zeitweise ebenfalls an der Hafenstraße wohnte, entdeckten plötzlich ganz neue Fans den Club und enterten die Stehplätze. Einer von ihnen, der sich Doc Mabuse nennt, brachte 1987 plötzlich eine Piratenflagge („Jolly Roger“) vom Dom mit ins Stadion, provisorisch an einen Besenstiel genagelt – es war der erste Totenkopf am Millerntor.

Auch T-Shirts mit dem Aufdruck „Volker hört die Signale“ wurden in großer Stückzahl verkauft. „Viele, die alternativ drauf waren“, sagt Schulte, „sahen hier die Möglichkeit, auch alternativen Fußball zu erleben.“ Was das heißt? „Das Erlebnis ist mindestens genauso wichtig wie das Ergebnis“, sagt Schulte. Oder: „Fußball kann auch Spaß machen ohne Schale und Pokale.“

Wumbo wurde aus dem Stadion gejagt

Es waren aber gleichzeitig auch Fans, die sich einmischten. Die immer wieder den Spagat zwischen Bundesliga-Fußball und galoppierender Kommerzialisierung versuchten. Die einen geplanten Sport-Dome für 50.000 Zuschauer verhinderten. Und einen Bären als Maskottchen namens Wumbo, der 1990 per Bierdusche aus dem Stadion gejagt wurde. Und den Verkauf des Stadionnamens, der durch den Antrag der Mitglieder Jochen Harberg und Michael Menges verhindert wurde. Christoph Nagel sagt, es sei zwar schwer für ihn, angesichts der Fülle ein Lieblingsstück der Ausstellung zu nennen. Aber wenn, dann sei es das rare Trikot von 1979 – mit dem Brustsponsor, der seinen Namen „übernähen“ ließ. „Der FC St. Pauli war dem Unternehmen so peinlich, dass es nicht mehr dort werben wollte, obwohl die Werbung bereits bezahlt war.“

Sie haben das in der Ausstellung so arrangiert, dass die Figur mit dem Trikot in tiefem Sand steht. „Das steht in übertragenem Sinne für den ,Treibsand der Krise‘, der fast unentrinnbar schien“, sagt Nagel. „Das steht aber auch ganz direkt dafür, dass die Profis allen Ernstes im tiefen Sand einer Reithalle trainiert haben, weil der damalige Präsident Kreikenbohm eine besaß und andere Trainingsmöglichkeiten fehlten.“

Beim Bayern-Spiel 1988 flogen Gegenstände

Gab es bei der Recherche weitere überraschende Erkenntnisse? „Oft wird die Vergangenheit aus der Gegenwart heraus glorifiziert“, sagt Nagel. Das Kiezbeben habe zwar einen wahren Zuschauerboom ausgelöst. „Es ist aber nicht so, dass das Millerntor ab 1988 permanent ausverkauft war.“ Und auch das Bild der stets friedlichen Fans der Vergangenheit, das gern mit einer vermeintlich schlechteren Gegenwart kontrastiert werde, sei so nicht ganz richtig. „Wer sich beispielsweise die Berichte über das Bayernspiel 1988 am Millerntor anschaut, kann nicht fassen, was da alles auf den Platz geflogen ist. Heute wäre das Spiel nach drei Sekunden abgebrochen und zu einem riesigen Skandal geworden. Damals sagte selbst der Bayern-Präsident sinngemäß, der FC St. Pauli habe ganz tolle Fans – sie sollten nur aufpassen, nicht zu sehr über die Stränge zu schlagen.“

Nagel erhofft sich vom „Kiezbeben“ nicht nur, dass man viel für die 2020 geplante Dauerausstellung lernt. „Was auch schön wäre: ein wenig mehr Gelassenheit für die Gegenwart. Wer sich das Kiezbeben anschaut, der sieht, dass aus Krise und Streit äußerst positive Dinge entstehen können. Nicht jeder Knatsch ist ein Weltuntergang – solange die Menschen miteinander und nicht übereinander reden.“

Die Ausstellung „Kiezbeben“ im Museum des FC St. Pauli (Heiligengeistfeld) läuft noch bis zum 11. August. Mi–Fr 12–20 Uhr, Sa/So 11–19 Uhr. Eintritt: 7 Euro/erm. 4 Euro.