2. Bundesliga

"50+1 Gründe" – Andreas Rettig verlässt den FC St. Pauli

Andreas Rettig (55) ist seit 2015 für den FC St. Pauli tätig.

Andreas Rettig (55) ist seit 2015 für den FC St. Pauli tätig.

Foto: Oliver Hardt / Bongarts/Getty Images

Der kaufmännische Geschäftsleiter hört beim Kiezclub zum 30. September auf und kehrt in seine Heimat Köln zurück.

Hamburg. Mitten in der aktuellen sportlichen Krise nach zwei 0:4-Niederlagen in der Zweiten Bundesliga trat der FC St. Pauli am Dienstag mit einer zu diesem Zeitpunkt überraschenden und vor allem schwerwiegenden Personalie an die Öffentlichkeit. Andreas Rettig (55), seit dem 1. September 2015 kaufmännischer Geschäftsleiter des Vereins, wird den FC St. Pauli verlassen. Sein offiziell letzter Arbeitstag wird der 30. September dieses Jahres sein.

„Wir sind seit Monaten darüber informiert, dass Andreas und seine Frau aus rein privaten und absolut nachvollziehbaren Gründen den Wunsch haben, in ihre Wahlheimat Köln zurückzukehren“, sagte St. Paulis Präsident Oke Göttlich im Gespräch mit dem Abendblatt. „Andreas wird sich bis zum 30. September weiter mit voller Kraft bei uns einbringen und sich auch gemeinsam mit dem Präsidium an der Auswahl der Kandidaten für die Nachfolge beteiligen.“ Der neue kaufmännische Geschäftsleiter soll zum Start der kommenden Saison bekannt gegeben werden. „Wir sind tiefenentspannt“, betonte Göttlich in Bezug auf die Suche nach einem Nachfolger für Andreas Rettig.

Rettig ist der Abschied von St. Pauli "unglaublich schwergefallen"

„Die Entscheidung, diesen großartigen Verein zu verlassen, ist mir unglaublich schwergefallen, aber es gibt ,50+1’ private und persönliche Gründe für diesen Schritt. Bedanken möchte ich mich ausdrücklich beim Präsidium und dem Aufsichtsrat für die in jeder Hinsicht vertrauensvolle Zusammenarbeit sowie bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, mit denen wir in den letzten vier Jahren viele Dinge bewegen und umsetzen konnten“, sagte Rettig am Dienstag.

„Die Gespräche über Andreas‘ Ausscheiden waren freundschaftlich, respektvoll und zu jeder Zeit von weitsichtiger Planung für den FC St. Pauli geprägt. In Sachen Integrität und Loyalität dem Verein gegenüber sowie seiner Arbeit in den vergangenen knapp vier Jahren können wir nur den Hut ziehen“, sagte Präsident Göttlich.

Schon Rettigs Verpflichtung war eine Überraschung

Es war im Frühjahr 2015 eine handfeste Überraschung gewesen, als St. Paulis damals erst seit einem halben Jahr amtierender Präsident Oke Göttlich verkündete, dass Andreas Rettig neuer Geschäftsführer und damit Nachfolger des zum 1. FC Nürnberg wechselnden Michael Meeske (inzwischen beim VfL Wolfsburg) wird.

Rettig hatte erst Anfang 2015 nach rund zwei Jahren sein Amt als Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL) aufgegeben. Zuvor war er als auch sportlich verantwortlicher Manager beim SC Freiburg, 1. FC Köln und FC Augsburg tätig gewesen. Ein fast schon sicheres Engagement beim HSV scheiterte 2013 daran, dass die Personalie vorzeitig durchgesickert war. Rettig erfuhr davon im Videotext und sagte prompt ab.

Rettig nahm das "finanziell schlechteste Angebot" an

Ihm fehle vor allem der Reiz, mit einer Mannschaft mitfiebern zu können, hatte Rettig seinen Abschied vom lukrativen und einflussreichen Posten bei der DFL in Frankfurt am Main begründet. „Ich habe unterschätzt, dass mir die Emotionalität dabei fehlen würde. Bei der DFL kann man zwar keine Spiele verlieren, aber eben auch keine Spiele gewinnen“, sagte Rettig dazu kurz vor seinem offiziellen Dienstantritt bei St. Pauli im Interview mit dem Abendblatt. Extreme Gefühlslagen bekam er danach beim FC St. Pauli dafür reichlich – vor allem in Form von akuter Abstiegsangst in den beiden vergangenen Spielzeiten.

„Ich habe mich für das finanziell schlechteste Angebot entschieden“, sagte Rettig seinerzeit über seinen Entschluss, zu St. Pauli zu gehen. Diese Frotzelei hatte durchaus einen ernsthaften Hintergrund, denn auch einige Erstligaclubs hatten sich um ihn bemüht. Angesichts dessen gehörte schon eine gewisse Portion Unverfrorenheit dazu, dass sich St. Paulis Führung traute, Rettig ein Angebot zu unterbreiten. „Es hat mich beeindruckt, wie Oke Göttlich und Vizepräsident Joachim Pawlik vorgegangen sind. Das hatte was. Ich habe St. Pauli immer als einen Club wahrgenommen, der auch außerhalb des Sports klare Statements abgibt“, sagte Rettig im Sommer 2015 dem Abendblatt.

Ein Schweinchen mit St.-Pauli-Logo an der Bürotür

Beim FC St. Pauli sollte Rettig dann auch die Gelegenheit bekommen, sich mit deutlichen Meinungsäußerungen zur Entwicklung des Profifußballs profilieren zu können. Es begann mit dem Vorstoß, dass bei der Verteilung der Fernsehgelder die Clubs, die sich schon jetzt nicht an die 50+1-Regel halten müssen und deshalb einen wirtschaftlichen Vorteil haben, weniger als die anderen Club bekommen sollten.

Schon legendär ist, dass ihn Bayer Leverkusens Sportchef Rudi Völler daraufhin als „Schweinchen Schlau“ titulierte. St. Paulis Geschäftsstellen-Mitarbeiter schenkten Rettig danach ein Plakat mit einem Schweinchen, das das St.-Pauli-Logo trägt, sowie mit ihren Unterschriften. Rettig befestigte dieses Plakat an seiner Bürotür.

Kämpfer für die 50+1-Regel und die Eigenvermarktung

Gemeinsam mit Oke Göttlich kämpfte Rettig unablässig für den Erhalt der heiß diskutierten 50+1-Regel, die besagt, dass bei den Proficlubs die Muttervereine immer die Stimmenmehrheit behalten müssen und diese nicht an externe Investoren übertragen werden kann.

Im Verein selbst sorgte Andreas Rettig für eine Neuordnung in der Organisation der Geschäftsstelle, verantwortete als ranghöchste, hauptamtliche Führungskraft die Rückholung der Merchandisingrechte und brachte die am 1. Juli greifende Trennung von Vermarkter U! Sports und zum selben Zeitpunkt beginnende Eigenvermarktung auf den Weg.

Das Genossenschaftsmodell, Rettigs letztes St.-Pauli-Projekt

Zwischenzeitlich sprang er von Ende 2016 bis zum September 2017 auch noch als kommissarischer Sportchef ein, nachdem sich der Verein von Thomas Meggle getrennt hatte und bevor Uwe Stöver sein Amt antrat. Die Verpflichtung von Mats Möller Daehli, Johannes Flum und Sami Allagui fallen in diese Zeit.

Das aktuellste Projekt ist das geplante Genossenschaftsmodell, mit dem sich der FC St. Pauli durch den Verkauf von Anteilen an der Stadion-Betriebsgesellschaft externes Kapital vor allem von Kleinanlegern sichern will. Dem Vernehmen nach soll Rettig diese Aufgabe noch zu einem Ergebnis bringen, ehe er den Millerntor-Club verlässt.

Oke Göttlich: "Andreas und ich sind unzertrennlich"

„Andreas und ich sind unzertrennlich. Er wird künftig zu dem Kreis von Personen zählen, mit denen ich mich regelmäßig austausche. Wir verlieren einen kaufmännischen Geschäftsleiter, aber gewinnen einen freundschaftlichen Berater“, sagte Präsident Oke Göttlich am Dienstag im Gespräch mit dem Abendblatt.

Unabhängig von den jetzt aktuellen privaten Gründen, die Rettig zurück nach Köln ziehen, war sich Präsident Göttlich von vornherein darüber im Klaren, dass der Geschäftsführer nur eine begrenzte Zeit dem FC St. Pauli zur Verfügung stehen werde. Seine Vita zeige, dass er meist nur drei bis vier Jahre bei einem Club geblieben sei“, sagte Göttlich. Es sei durchaus von Vorteil gewesen, dass Rettig auch Inhaber des Fußballlehrer-Scheins sei und damit auch eine hohe sportliche Kompetenz habe. Dies sei für den potenziellen Nachfolger allerdings kein notwendiges Kriterium, weil die Kernaufgabe die kaufmännische Geschäftsführung sei.