FC St. Pauli

Jetzt spricht Meier: Fanliebling erzählt seine Geschichte

Den Ball im Blick: Neuzugang Alexander Meier beim Training für seinen neuen Verein St. Pauli.

Den Ball im Blick: Neuzugang Alexander Meier beim Training für seinen neuen Verein St. Pauli.

Foto: ValeriaWitters / WITTERS

Bloß nicht zu viel Aufmerksamkeit. St. Paulis Neuzugang Alexander Meier liebt das Spiel, aber nicht die mediale Aufmerksamkeit.

Hamburg.  An die Gepflogenheiten beim FC St. Pauli muss sich Alexander Meier erst noch gewöhnen. Als der Neuzugang am Dienstagmittag im Medienraum des Trainingszentrums an der Kollaustraße zum Gespräch erschien, trug er Kleidung eines Sportartikelherstellers aus Herzogenaurach. Pressesprecherin Anne Kunze bemerkte das Malheur und organisierte sofort eine Trainingsjacke des Ausrüsters des Kiezclubs. Ordnung muss schließlich auch bei einem „Fußball-Gott“ sein.

So richtig geheuer ist dem neuen Stürmer der Hype um seine Person ohnehin nicht. Innerhalb kürzester Zeit ist beim Zweitligaclub eine „Meier-Mania“ entstanden. Dabei war und ist der Fußballer kein Mann großer Worte, niemand, der das Rampenlicht sucht. Einzige Extravaganz für den neuen Arbeitgeber: Auf seinem Trikot steht nicht nur der Nachname sondern auch der Zusatz „Alex“. „Als ich meine ersten Spiele bei St. Pauli absolvierte, stand A. Meier drauf, später Alex Meier“, erzählt er. „Ich fand das damals irgendwie cool und habe es beibehalten.“

Für Meier ist das eine lange Erklärung. Jahrelang galt er als introvertiert, erst als sein damaliger Trainer Armin Veh ihn 2015 zum Kapitän beförderte, taute der einst so wortkarge Spieler verbal auf. „Herr Veh hat mir viel mitgegeben, mich als Mensch entwickelt. Durch die Binde hat er mir Verantwortung übertragen.“ Nur ungern spricht er dennoch über seine Popularität bei den Anhängern. „Es ist ein schöner Nebeneffekt, wenn einen die Menschen aufgrund der Leistung mögen“, sagt der gebürtige Buchholzer. „Aber ich wäre auch glücklich, wenn mich die Leute auf der Straße nicht erkennen würden und ich einfach nur Alex Meier wäre.“

Meiers Erfahrung mit dem Elbtunnel

Es sind Worte, die unterstreichen, dass der 35-Jährige ein Gegenentwurf zu einigen zur Selbstinszenierung neigenden Profifußballern ist. Anders als viele seiner Berufskollegen verzichtet der Niedersachse zudem auf die sozialen Netzwerke. Private Einblicke? Nicht erwünscht. Wegen seines bescheidenen Auftretens wird er noch heute von den Fans in Frankfurt verehrt.

Vor einigen Jahren, als die Eintracht tief im Abstiegskampf steckte, widerstand Meier einem finanziell verlockenden Angebot aus China, das ihm Millionen eingebracht hätte. „Jeder will gutes Geld verdienen. Egal in welchem Job“, sagt er. „Mir war es aber immer wichtig, dass ich mich zu Hause fühle. In der Stadt, mit den Jungs. Außerdem wäre es mir sehr schwergefallen, das sinkende Schiff zu verlassen.“

Bodenständigkeit statt Bling-Bling. Fan-Nähe statt 1200-Euro-Goldsteak. Familienumfeld statt Nobelherberge. In den Tagen vor seiner Verpflichtung wohnte der Bundesliga-Torschützenkönig von 2015 bei seinen Eltern in Buchholz. Inzwischen ist Meier in ein Hotel in der Nähe des Trainingsgeländes gezogen. „Damit ich mich zwischendurch ausruhen kann und abends nicht so lange fahren muss. Beim Elbtunnel kann man nie einschätzen, wie lange man braucht“, erklärt der ehemalige Nationalspieler, für den sich mit der Rückkehr zu St. Pauli ein Kreis schließt.

Meier: „Ich fühle mich als Hamburger“

Sein fußballerisches Zuhause, gesteht Meier offen ein, ist Frankfurt. Jener Ort an dem er 14 Jahre das Trikot der Eintracht mit Stolz getragen, Auf-und Abstiege sowie manch magische Europapokalnacht miterlebt hatte. „Die Heimat aber ist da, wo man aufwächst und seine Kindheit verbracht hat. Ich fühle mich als Hamburger“, sagt Meier. Und eben auch St. Paulianer.

Vor allem äußerlich ist nicht mehr viel von dem Verein übrig, bei dem er zwischen 2001 und 2003 seine ersten Schritte im Profifußball absolviert hat. Die charmante „Bruchbude“ Millerntor ist einer neuen Arena gewichen, das Trainingszentrum hochmodern und das Personal mit wenigen Ausnahmen ebenfalls neu. Sein damaliger Mitspieler Hauke Brückner ist mittlerweile Mitarbeiter in der Medienabteilung, sein ehemaliger Abwehrchef André Trulsen Co-Trainer, und Joachim Philipkowski, der die U-23-Mannschaft trainiert, war seinerzeit der Assistent von Dietmar Demuth, als Meier am 19. April 2002 sein Profidebüt feierte.

„Das war ein 0:4 in der Bundesliga beim HSV im Volkspark“, erinnert sich der Rückkehrer. Damals war er in der 78. Minute für den Argentinier Matias Cenci ins Spiel gekommen. „Nach meiner Einwechslung konnte ich dann auch nichts mehr ausrichten“, scherzt Meier. Es stand schon 0:4. Am 10. März, im Stadtderby, hat er die Chance, diese Bilanz gegen den Rivalen aufzubessern. Wie man gegen den HSV trifft, weiß er längst. Auch sein letztes Tor für die Eintracht erzielte er 2018 – klar, gegen die Rothosen.

Meier braucht noch Zeit

Zunächst will er sich aber erst einmal in seiner neuen, alten Heimat akklimatisieren. Im Training spricht der 276-fache Bundesligaspieler wenig, hört aber genau zu, auch um sich die Namen seiner Mitspieler zu merken. „Ich bin sehr schlecht mit Namen, erkenne aber alle Jungs wieder. Zur Not geht es ja auch mit: Hey, du!“, sagt Meier.

Im am Donnerstag beginnenden Trainingslager im spanischen Oliva Nova will sich Meier den sportlichen Feinschliff holen. Zwar hielt er sich ein halbes Jahr lang bei Admira Wacker Mödling in Österreich fit, doch auch der Routinier weiß, dass es einen Unterschied zur Spielfitness gibt. „Ein Spiel bedeutet 90 Minuten Vollgas. Im Training kannst du auch mal einen Schritt weniger machen. Das geht im Spiel nicht“, sagt er. „Ich brauche noch etwas Zeit, um meine Matchfitness zu bekommen, bin aber erst einmal froh, alle Einheiten mitmachen zu können und morgens gut aus dem Bett zu kommen.“

An Ehrgeiz mangelt es ihm auch im fortgeschrittenen Fußballeralter nicht. Die Karriere auf dem Kiez einfach so ausklingen lassen? „Wenn das der Fall wäre, hätte ich diese ganzen Extraläufe in Österreich nicht absolviert“, reagiert er gespielt empört. „Dann hätte ich zweimal pro Woche in Buchholz trainiert und gut ist.“ Er aber habe richtig Lust, und zuletzt hätte es ihm richtig gefehlt, am Wochenende mit den Jungs ins Stadion zu fahren. Denn: „Fußball ist mein Leben.“