Cenk Sahin

Der schnelle Mann kommt beim FC St. Pauli langsam an

Erleichterung: Cenk Sahin bejubelt sein
Tor in Fürth

Erleichterung: Cenk Sahin bejubelt sein Tor in Fürth

Foto: Witters

Der Offensivspieler hatte beim FC St. Pauli eine schwierige Eingewöhnungszeit. Sorge um die Familie in Istanbul.

Hamburg.  Es tat noch weh, aber Cenk Sahin hielt sich tapfer. Nichts anmerken lassen, da musst du jetzt durch. Drei Weisheitszähne hatten sie ihm am Mittwoch gezogen – alles muss raus –, und das war wohl ein ziemlicher Akt. Aber dann eben auch eine Befreiung von einem Problem. Was das mit dem FC St. Pauli zu tun hat? „Wir müssen mit der Mannschaft dieses Problem jetzt lösen“, sagt der türkische Mittelfeldspieler, „dann bin ich überzeugt, dass wir aus dieser Situation herauskommen.“

„Diese Situation“ ist natürlich der letzte Tabellenplatz. Nach dem zweiten Saisonsieg am vergangenen Sonntag in Fürth ist der Anschluss an die rettenden Plätze wieder hergestellt. Die Hoffnung ist zurück, ein Heimsieg an diesem Sonnabend (13 Uhr) gegen den VfL Bochum wäre immerhin ein versöhnlicher Abschluss eines verkorksten Halbjahres.

Aber leider: Cenk Sahin kann dann nicht mitspielen. Gelbsperre. Ausgerechnet jetzt. Nach seinem Traumlupfer-Entscheidungstor zum 2:0. „Natürlich gibt solch ein Tor Selbstvertrauen, und es ist schade, dass ich der Mannschaft gegen Bochum nicht helfen kann“, sagt der 22-Jährige, „aber ich will das natürlich weiter in der Rückrunde tun.“

St. Paulis Lebenszeichen in Fürth:

Erst viermal durfte der türkische U-21-Nationalspieler in dieser Hinrunde ein gesamtes Match durchspielen, ein bisschen steht er stellvertretend für die ganze Mannschaft: Schwierige Vorbereitung, Rückschläge, unter den eigenen Erwartungen geblieben, erst langsam wird es besser. „Ja, der Einstieg hier war nicht leicht für mich. Ich konnte die Vorbereitung nicht mitmachen, war nicht richtig fit", sagt er, „aber die Mannschaft und das Trainerteam haben mir immer sehr geholfen.“

Noch ist er auf einen Dolmetscher angewiesen

Erst zwei Wochen vor Saisonstart hatte der damalige Sportchef Thomas Meggle den technisch starken, schnellen Rechtsaußen vom Istanbuler Erstligisten Medipol Başakşehir, aktuell Tabellenführer der Süper Lig, mit einer Kaufoption ausgeliehen. „Ich wusste, dass die Teams in Deutschlands Zweiter Liga taktisch stark sind, deshalb bin ich gekommen, um zu lernen“, sagt er.

Dass er insbesondere in diesem Feld Lernbedarf hatte, war lange Zeit nicht zu übersehen. Er lief viel, er lief schnell, und er lief allzu oft planlos. Die erhoffte Verstärkung war er nicht. Unklar, ob St. Pauli im Fall des Klassenerhalts ihn dauerhaft verpflichten wird. „Darüber mache ich mir keine Gedanken, die Entscheidung liegt beim Club“, sagt er, „aber ja: Ich kann mir gut vorstellen, hierzubleiben.“ Schließlich hat er kürzlich eine eigene Wohnung bezogen – „das ist viel besser als im Hotel, ich brauche Privatsphäre“ –, hat Freunde gefunden, ist angekommen. Auch wenn er zur Verständigung auf Dolmetscher Baris Tuncay angewiesen ist.

Enger Kontakt zur Familie

Dennoch hält er auch engen Kontakt zur Familie in der Türkei. Nach seinem Traumtor kamen die Glückwünsche sofort, regelmäßig telefoniert er mit daheim. Über die deutschen Feiertage und den Jahreswechsel reist er nach Istanbul. Selbst schauen, ob es allen Lieben gut geht. Denn die Nachrichten über die politische Lage in seinem Heimatland beunruhigen ihn natürlich schon.

Erst am vergangenen Sonntag starben bei einem Attentat vor dem Stadion des türkischen Meisters Besiktas Istanbul wieder 44 Menschen. „Kein Land wünscht sich diesen Terror“, sagt er, „ich hoffe sehr, die Türkei bekommt diese Attentate in den Griff.“ Ständig mit Angst unterwegs zu sein, das bringt ja auch nichts. Den kurzen Heimaturlaub abzusagen war deshalb keine Option. Unnötiges Risiko aber wird er vermeiden. „Man weiß ja, dass die Terroristen sich Orte mit vielen Menschen für ihre Taten aussuchen“, sagt er, „ich werde also viel zu Hause sein.“

Sandra Schwedler wurde turnusgemäß nach zwei Jahren in ihrem Amt als Vorsitzende des Aufsichtsrats beim FC St. Pauli bestätigt. Stellvertreter sind Roger Hasenbein und ­Carsten Meincke.