FC St. Pauli

Auf den Lausbuben-Jubel folgt das nächste „Überlebensspiel“

Pure Erleichterung: Trainer Ewald Lienen und Sportchef Andreas Rettig beglückwünschen einander nach dem 2:0-Sieg in Fürth

Pure Erleichterung: Trainer Ewald Lienen und Sportchef Andreas Rettig beglückwünschen einander nach dem 2:0-Sieg in Fürth

Foto: imago/Zink

St. Paulis Trainer Ewald Lienen konnte in der Krise auf die Rückendeckung von Sportchef Andreas Rettig zählen – bisher.

Hamburg.  Für Ewald Lienen ist am Montagmorgen der graue Zweit­ligaalltag schon wieder eingekehrt. Einen Tag nach dem erlösenden 2:0-Sieg bei Greuther Fürth lässt sich der Chefcoach des FC St. Pauli nichts mehr von seinem Gefühlsausbruch anmerken. Wie gewohnt macht „Zettel-Ewald“ sich akribisch Notizen auf seinem Block und beobachtet aufmerksam das Training seiner Spieler. So als hätte er die Achterbahn der Gefühle vom Vortag gar nicht erlebt.

Es war die 91. Minute, als Sommerneuzugang Cenk Sahin mit seinem Traumtor zum 2:0 den ersten Dreier für St. Pauli nach elf sieglosen Spieltagen besiegelte. Lienen riss die Arme hoch, setzte zu einem kurzen Jubelsprint über den Platz an. Sportchef Andreas Rettig jagte ihm hinterher, hatte Mühe, den flinken Lienen einzufangen. Nach Abpfiff des Spiels lagen sich die beiden Männer wie zwei Lausbuben in den Armen und grinsten einander an. So, als wäre ein Streich, den sie schon lange gemeinsam geplant hatten, endlich aufgegangen.

„Es ist ja nicht so gewesen, dass wir zehn Minuten über den Rasen gekullert sind und uns ewig in den Armen lagen“, sagt Lienen, der wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen ist. „Aber wenn man in der Nachspielzeit das 2:0 erzielt, dann genehmige ich mir schon mal einen kleinen Jubellauf“, scherzt der Coach. „Die Emotionen gehören dazu, das ist das Schöne am Fußball.“

Rettig hatte bereits reagiert

Die innige Umarmung von Rettig und Lienen stand fast schon symbolisch für den Zusammenhalt in den vergangenen Wochen beim FC St. Pauli. Obwohl der Kiezclub seit nun neun Spieltagen ununterbrochen am Tabellenende steht und gerade einmal zehn Punkte aus 16 Partien holte, hielt der Verein an Lienen fest. Allen voran Rettig, der dem Trainer immer wieder den Rücken stärkte.

Der Sportchef, der in doppelter Funktion auch als Geschäftsleiter fungiert, war sich für keine Durchhalteparole zu schade. Die Trainerfrage stelle sich nicht. Wenn man nicht vom Trainer überzeugt wäre, hätte man schon reagiert. Und so weiter und so fort.

Reagiert hatte St. Pauli bereits an anderer Stelle: mit der Entlassung von Sportchef Thomas Meggle und der Verpflichtung von Co-Trainer Olaf Janßen. Bloß Lienen, der sich in den vergangenen Wochen der breiten Kritik der Öffentlichkeit stellen musste, blieb weiterhin unangetastet. Auch dank Rettig.

Lienen sieht St. Pauli auf dem richtigen Weg

„Ich habe so viel erlebt. Ich versuche immer konzentriert zu bleiben“, sagt Lienen. „Ich hatte schon so viele Drucksituationen und Überlebenskämpfe. Mich kann nichts aus der Ruhe bringen“, fügt der 63-Jährige hinzu. Fakt ist: In den meisten anderen Vereinen wäre der Trainer schon längst beurlaubt worden. Und mit jeder weiteren Niederlage schien allmählich auch der Kredit bei Rettig aufgebraucht zu sein. Vor dem Spiel gegen Kaiserslautern (0:0) sprach sich der Sportchef erstmals nicht für Lienen aus und bekundete, dass er keinen Freifahrtschein habe. Auch nach einer anschließenden starken Leistung wollte Rettig sich nicht mehr äußern und hatte offenbar genug davon, sich in Durchhalteparolen zu wälzen. Der Zuspruch bröckelte. Es wirkte fast so, als würde sich Rettig schon einmal vorsorglich vom Trainer distanzieren.

Der zweite Saisonsieg am Sonntag in Fürth sichert Lienen vorerst den Job. „Dieser Sieg war mit Blick auf die Tabelle überlebenswichtig“, sagte der Trainer im Anschluss an die Partie. Die drei Punkte waren nicht nur für St. Pauli im Abstiegskampf überlebenswichtig, sondern auch für Lienens eigenen Verbleib auf dem Trainerposten. „Es war eine große Erleichterung, dass wir uns endlich belohnt haben“, sagt der Übungsleiter, der seit zwei Jahren bei St. Pauli im Amt ist. „Wir sind auf dem richtigen Weg. Nicht mehr und nicht weniger.“

Lienen freut der Team-Jubel

Lienen ist gnadenloser Realist. An der Tabellensituation hat sich trotz des Sieges nichts verändert, der Kiezclub bleibt Schlusslicht. „Wir können jetzt nicht in Euphorie ausbrechen. Aber wir haben den Anschluss wiederhergestellt“, sagt Lienen. Sein Team hat mit aktuell zehn Punkten nur noch drei Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz, vier Zähler trennen St. Pauli vom rettenden Rang 15. „Wir schauen nur auf uns selbst. Wenn du dich so verhältst, punktest du immer öfter“, sagt Lienen, der dennoch zugibt, dass eine erneute Niederlage für die Ausgangssituation verheerend gewesen wäre.

Manchmal lohnt es sich, geduldig zu sein. Aber auch die schier endlose Geduld des Vereins könnte zur Winterpause endlich sein, wenn St. Pauli am Sonnabend im letzten Hinrundenspiel gegen den VfL Bochum seinen Aufwärtstrend nicht bestätigen kann. „Es wird ein Überlebensspiel. So wie jedes. Aber ich glaube, dass die Mannschaft jetzt weiß, wie sie es zu machen hat“, gibt sich Lienen optimistisch. Wenn nicht, da kann das Verhältnis zu Rettig noch so innig sein, dann wird es in Zukunft keine Umarmungen mehr geben.

„Für mich war das viel schönere Bild, wie das Team das 2:0 gefeiert hat“, sagt Lienen. „Bevor die Mannschaft den Treffer von Cenk feiern konnte, lag schon die ganze Ersatzbank inklusive der medizinischen Abteilung auf ihm drauf“, beschreibt der Trainer die Szene. „Wir haben uns wie eine Mannschaft präsentiert. Das ist das Entscheidende.“