Trainerwechsel

Auch für Ewald Lienen ist St. Pauli die Chance zum Neuanfang

St. Paulis neuer Cheftrainer hatte schon immer eine Vorliebe für die Hamburger. Zuletzt saß Ewald Lienen nach mehreren Entlassungen bei einem abstiegsbedrohten rumänischen Verein auf der Bank.

Hamburg. Es war eine Sitzung bis tief in die Nacht, an deren Ende ein erneuter, schwerwiegender personeller Umbruch beim FC St. Pauli stand. Genau einen Monat nach seiner Wahl zum neuen Präsidenten des Kiezclubs verkündete Oke Göttlich am Dienstag, dass mit sofortiger Wirkung Ewald Lienen, 61, neuer Cheftrainer des FC St. Pauli wird und Thomas Meggle, der dieses Amt erst seit dem 3. September innehatte, auf den Posten des Sportdirektors wechselt. Von dieser Position wurde gleichzeitig der seit zweieinhalb Jahren amtierende Rachid Azzouzi mit sofortiger Wirkung beurlaubt.

„Wir haben uns in den vergangenen drei Wochen intensiv mit der Situation auseinandergesetzt und sehr, sehr viele Gespräche intern und extern geführt. Am Ende sind wir in der vergangenen Nacht unter Einbeziehung sämtlicher Gremien nach Abschluss der sportlichen Analyse zu diesem klaren und eindeutigen Ergebnis gekommen“, sagte Oke Göttlich am Dienstagmittag. „Wir sind überzeugt, dass wir jetzt handeln mussten und den Verein jetzt für den Klassenkampf so optimal aufstellen, dass wir unsere Ziele für diese Saison noch erreichen können.“

Auch wenn nach einer desaströsen Bilanz von lediglich 13 Punkten aus den ersten 17 Punktspielen der aktuellen Zweitligasaison die sportliche Situation beim Tabellenschlusslicht dramatisch ist, so überraschte der Zeitpunkt dieser weitreichenden Entscheidung doch. Schließlich steht bereits an diesem Mittwoch (17.30 Uhr, Sky live) das Auswärtsspiel beim Tabellenführer FC Ingolstadt 04 an. Und schon am kommenden Sonnabend (13 Uhr) findet am Millerntor das letzte Spiel des Jahres statt – gegen den ebenfalls abstiegsbedrohten VfR Aalen.

„Man hätte mit einer Entscheidung noch bis zur Winterpause warten können. Aber auch jetzt ist der Abschluss der Hinrunde ein guter Zeitpunkt, um ein Resümee zu ziehen und etwas zu ändern“, sagte Göttlich. Der Vorteil dieser kurzfristigen Entscheidung sei, dass der neue Trainer Ewald Lienen nun seine Mannschaft noch einmal in zwei Spielen erleben und daraus bessere Erkenntnisse ziehen kann, als wenn er sein Amt mit dem Start der Wintervorbereitung übernommen hätte.

Lienen will viele Gespräche führen

Ewald Lienen selbst räumte an seinem ersten Arbeitstag ein: „Ich habe jetzt trainingsmäßig nicht mehr so viele Möglichkeiten, etwas zu verändern. Aber es ist eine gute Möglichkeit, etwas zu unterbrechen und einen Neuanfang zu starten. Zudem haben wir als Trainerteam die Chance, jetzt noch vor der Winterpause Eindrücke zu gewinnen und viele Gespräche zu führen.“, sagte Lienen

Zudem gehe es darum, aufgrund dieser Erkenntnisse gemeinsam mit Thomas Meggle darüber zu befinden, wie die Mannschaft in der Winterpause personell verändert werden solle. „St. Pauli ist eine der interessantesten Marken im deutschen Fußball. Es ist für einen Trainer sehr reizvoll, in so einem Ambiente zu arbeiten“, sagte Lienen. „Ich habe mich schon immer intensiver mit diesem Club beschäftigt und hatte eine gewisse Affinität zu St. Pauli.“ Er leitete am frühen Nachmittag bereits das Abschlusstraining vor dem Spiel in Ingolstadt. Nach der Ankunft am Abend wollte er die Vorbereitung auf das Spiel mit einer Videoanalyse fortsetzen.

Trainer ist weitgereist

Ewald Lienen wird wie schon bei seinen vorherigen Trainerstationen mit dem ehemaligen Rostocker und Freiburger Bundesligaprofi Abder Ramdane, 40, zusammenarbeiten. Dafür scheidet der bisherige Co-Trainer Timo Schultz, 37, aus dem Profibereich aus und wird eine noch nicht konkretisierte Aufgabe im Nachwuchsbereich des FC St. Pauli übernehmen. „Es ist sein Wunsch, auch einmal für eine Mannschaft als Trainer verantwortlich zu sein“, sagte Meggle. Dagegen wird Mathias Hain, 41, auch unter Lienen seine Aufgabe als Torwarttrainer behalten. Interessant dürfte in diesem Zusammenhang sein, ob Lienen an Meggles jüngster Entscheidung für Robin Himmelmann und gegen Philipp Tschauner als Stammtorwart festhalten wird.

Die Entscheidung für Ewald Lienen reifte im neuen St.-Pauli-Präsidium über mehrere Wochen. Schon kurz nach der Wahl am 16. November hatten Oke Göttlich und seine vier Mitstreiter Kontakt zu mehreren Trainern aufgenommen, darunter auch zu früheren Coaches des FC St. Pauli wie etwa dem im November 2013 beurlaubten Michael Frontzeck. „Es waren keine Bewerbungs- oder Einstellungsgespräche. Wir wollten uns zunächst nur externen Rat einholen“, berichtete Göttlich von diesen Treffen – ein im Profifußball bisher ungewöhnlicher Vorgang. Es habe sogar auch Workshops mit mehreren externen Trainern gegeben. Am Ende gab auch die akribische Vorbereitung Lienens auf diese Gespräche mit detaillierten, computergestützten Analysen der St.-Pauli-Spiele den Ausschlag, ihn zu verpflichten und mit einem Vertrag bis zum 30. Juni 2016 auszustatten.

Für den 61-jährigen Ewald Lienen ist das Engagement in Hamburg bereits der 13. Trainerposten seiner Karriere. Zuletzt war Lienen bei Otelul Galati in Rumänien tätig. Seit 2011 hat der für seine Zettelwirtschaft bekannte Übungsleiter keine deutsche Mannschaft mehr trainiert - vor drei Jahren war Lienen mit Arminia Bielefeld in die dritte Liga abgestiegen und hatte im Jahr 2012 einen Trainerjob bei AEK Athen übernommen, wurde bei dem griechischen Traditionsklub jedoch bereits seit sechs Monaten entlassen.

15 Personen diskutierten die Entscheidungen

Insgesamt waren an den Sitzungen in der Nacht zu Dienstag rund 15 Personen (Präsidium, Aufsichtsrat, Geschäftsführer) beteiligt. „Wir haben teilweise gemeinsam, aber auch in kleineren Runden getagt“, berichtete Göttlich. Am Morgen „zur Frühstückszeit“ habe er dann Rachid Azzouzi die Entscheidung mitgeteilt, ihn zu beurlauben. Zuvor habe er ihm immer offen und transparent eingeweiht, dass er Gespräche mit externen Personen führt.

Mit dieser Entscheidung gegen Azzouzi vollzog Göttlich innerhalb kurzer Zeit zumindest in der Öffentlichkeit einen Sinneswandel um 180 Grad. Bis inklusive Montag hatte der Präsident sich in allen Äußerungen zu diesem Thema immer vollmundig hinter Azzouzi gestellt. „Es gab auch in den Sitzungen in der Nacht zu Dienstag immer noch die Option, dass die personelle Konstellation so bleibt wie bisher“, begründete Göttlich sein Verhalten nach außen. Im „Kicker“ vom Montag klang das noch ganz anders: Nun wieder handelnde Personen auszutauschen und für noch mehr Verunsicherung zu sorgen, wäre das völlig falsche Signal.“