St. Paulis Frust nach dem Jubel

Der Kiezclub zeigte in Nürnberg sein bestes Auswärtsspiel der Saison. Deshalb war das 2:2 eine zu geringe Ausbeute

Hamburg. Es war eine diffuse, nicht wirklich greif- und definierbare Stimmungslage, die sich im Team des FC St. Pauli nach dem Auswärtsspiel beim 1. FC Nürnberg breitmachte. Auch am Tag nach dem 2:2 (1:1) waren sich Spieler und Trainer im Wesentlichen darüber einig, zwei Punkte zu wenig aus dem Grundig-Stadion der Frankenmetropole mitgenommen zu haben.

Auf der anderen Seite aber hatte der Frust über das Unentschieden beim prominenten Bundesligaabsteiger auch nur deshalb seine Berechtigung, weil die St. Paulianer ein insgesamt gutes Auswärtsspiel, genauer das bisher beste der Saison, gezeigt und vor allem eine klare Leistungssteigerung gegenüber dem jüngsten 0:4 gegen den Karlsruher SC an den Tag gelegt hatten. Diese Tatsache wiederum war am Ende der Grund für die allseits geäußerte Freude und Zufriedenheit.

„Wenn wir jetzt weiter so auftreten, wie wir es heute getan haben, werden wir auch bald wieder drei Punkte holen“, sagte etwa Mittelfeldspieler Sebastian Maier und gab damit auch die grundsätzliche Einschätzung seiner Kollegen wieder. Der 21-Jährige war denn auch eine der zentralen Figuren des Spiels. St. Paulis Trainer Thomas Meggle hatte ihn in die Startformation beordert – erstmals seit er vor rund zwei Monaten das Amts des Chefcoaches übernommen hatte. Schon nach 48 Sekunden durfte sich Meggle in dieser Entscheidung bestätigt sehen. Nachdem die St. Paulianer den Anstoß ausgeführt hatten, spielten sie sich den Ball so lange durch die eigenen Reihen, bis sich Maier von der linken Seite mit einem Haken in Schussposition brachte. Sein als Torabschluss geplanter Schuss wurde noch so abgefälscht, dass der in den Strafraum geeilte Marc Rzatkowski den Ball per Kopf ins Nürnberger Tor befördern konnte. Es stand 1:0 für St. Pauli, und der Gegner hatte erst beim anschließenden Anstoß erstmals in dieser Partie Ballbesitz.

„Wir nennen Ratsche jetzt Horst“, sagte Meggle später angesichts der ungeahnten Kopfballstärke des nur 1,72 Meter großen Rzatkowski und in Anlehnung an das legendäre „Kopfball-Ungeheuer“ Horst Hrubesch. „Ich musste auch einen Moment überlegen, wann ich davor zuletzt ein Kopfballtor erzielt habe. es war noch für den VfL Bochum im DFB-Pokal gegen den TSV Havelse“, sagte Rzatkowski.

Nur kurz danach hätte der Blondschopf aus aussichtsreicher Position im Nürnberger Strafraum das zweite Tor folgen lassen können, diesmal mit seinem starken linken Fuß. Doch er entschied sich, noch einen Haken zu schlagen und verlor dabei den Ball. Gegen eine zu diesem Zeitpunkt verunsicherte Nürnberger Mannschaft wäre ein zweites Tor womöglich schon die Vorentscheidung gewesen. Zwischen beiden Aktionen Rzatkowskis hatte auch noch der überraschend für die Startelf nominierte Bernd Nehrig eine hochkarätige Torchance. „Es ist auf jeden Fall ein gutes Zeichen, dass wir uns Torchancen herausspielen“, sagte Rzatkowski mit einem Tag Abstand und strich dabei die positive Seite heraus.

Fataler noch als die ungenutzten Torchancen aber war der eigentlich für Sören Gonther gedachte Rückpass von Dennis Daube aus dem Mittelfeld. Das viel zu ungenaue Zuspiel entpuppte sich als mustergültiger Steilpass auf Nürnbergs Stürmer Jakub Sylvestr, der im Nachschuss das zu diesem Zeitpunkt höchst glückliche 1:1 (18.) erzielte. „Ich habe mir die Szene gefühlt noch 100 Mal angeschaut. Ich nehme das Gegentor ganz klar auf meine Kappe“, sagte Daube am Sonntag. Als der Mittelfeldspieler in der zweiten Halbzeit (75.) dann auch noch bei einem Konter völlig frei den Ball an den linken Außenpfosten setzte anstatt zur 3:1-Führung ins Netz zu schießen, war es endgültig ein gebrauchter Tag für ihn, zumal in der Schlussphase noch das 2:2 (87.) erneut durch Sylvestr fiel.

Davor hatte Sebastian Maier seinen zweiten großen Auftritt gehabt, als er von halblinks in den Strafraum eindrang, wiederum einen Haken schlug und mit rechts ins linke untere Toreck zum 2:1 (59.) traf. „Der Trainer hat mir das Vertrauen gegeben, so etwas immer wieder zu versuchen und mir keinen Kopf zu machen, wenn mir mal etwas nicht gelingt“, berichtete Maier. „Ich habe ihm gesagt, er solle gerade hier in Franken daran denken, so selbstbewusst aufzutreten, wie es sich für einen echten Bayern eben gehört“, sagte nach dem Spiel Thomas Meggle.

Am Sonntag verriet Maier dann noch, dass er vor dem Spiel im Teamhotel die Aufgabe bekommen hatte, eine Ansprache vor der Mannschaft zu halten – „und zwar richtig auf Bayrisch“. Für den sonst eher zurückhaltend auftretenden Maier, der aus dem niederbayrischen Landshut stammt, war das eine ganz besondere Herausforderung, die aber ganz offenbar ihre Wirkung auf sein späteres Auftreten im Spiel nicht verfehlte.

Welche kurzfristig dramatische Folge der vergebene Sieg für den FC St. Pauli allerdings bei allen positiven Ansätzen hatte, zeigte sich am Sonntagnachmittag. Anstatt mit einem Erfolg und 14 Punkten auf Platz elf zu klettern, stürzte das Millerntorteam vor allem wegen seiner schlechten Tordifferenz wieder auf den 17. Platz ab – punktgleich mit dem Tabellen-13 FSV Frankfurt.