FC St. Pauli

Carlos Zambrano steht vor dem Absprung

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Lutz Wöckener

Der Transfer des Innenverteidigers zu Eintracht Frankfurt soll noch in dieser Woche vollzogen werden und würde neue Möglichkeiten eröffnen.

Hamburg. Ein Punkt zum Auftakt, 0:0 in Aue, positiv verbucht nach den jüngsten ertraglosen Reisen ins Erzgebirge. Aber auch, weil St. Pauli in der Defensive schon zum Start eine über weite Strecken bemerkenswerte Stabilität nachwies. Im Kollektiv grundsätzlich, innerhalb der Innenverteidigung im Besonderen. "Floh Mohr ist ein erfahrener Spieler, der ja auch schon ein paar Jahre Zweite Liga mitgemacht hat", lobte Abwehrchef Markus Thorandt die Leistung seines neuen Nebenmanns, während die Konkurrenten in St. Paulis für Ligaverhältnisse herausragend besetztem Abwehrzentrum zuschauten. Rekonvaleszent Sören Gonther verfolgte die Partie in Hamburg vor dem TV-Gerät, Carlos Zambrano erlebte das Spiel von der Bank. "Ich möchte aber betonen", ergänzte Thorandt ungefragt, "dass auch wenn Carlos heute nicht gespielt hat, er ein Spieler ist, den wir in Zukunft noch brauchen werden."

Thorandt wird die sportliche Qualität seines Mitspielers mit Bezug auf den Saisonverlauf gemeint haben. Nach Abendblatt-Informationen aber wird Zambrano aus Hamburger Sicht nur noch in dieser Woche wichtig werden - wenn Eintracht Frankfurt die entsprechende Transferentschädigung überweist. Der Peruaner steht unmittelbar vor einem Wechsel an den Main und würde mit dem persönlichen Aufstieg in die Bundesliga seinem eigenen Anspruch endlich wieder gerecht werden.

Man muss Zambrano zugutehalten, dass er aus seinem großen Ziel nie einen Hehl gemacht, keine scheinheilige Vereinstreue vorgegaukelt hatte. "Ich will in der Bundesliga spielen - ob mit St. Pauli oder einem anderen Verein", so die Devise des 23 Jahre alten Nationalspielers, der mit seinem Gehalt die Großfamilie in Callao ernähren muss, darunter auch seine Ex-Freundin und die beiden gemeinsamen Kinder. In Frankfurt dürfte er sein Gehalt, das zuletzt etwas weniger als 30 000 Euro brutto im Monat betrug, verdoppeln.

Dem FC St. Pauli würde der Transfer finanziellen Spielraum verschaffen. Im Frühling sicherte sich der Klub für 600.000 Euro einen 30-prozentigen Anteil - die übrigen 70 Prozent hält eine Schweizer Agentur - und darf nun auf eine Gesamt-Ablösesumme von mindestens 2.000.000 Euro hoffen. Am Freitag priesen die Verantwortlichen um Sportdirektor Rachid Azzouzi und Cheftrainer André Schubert noch einmal die Vorzüge ihres Spielers, lobten das Potenzial, stellten ihn als aggressivsten ihrer vier hoch veranlagten Innenverteidiger heraus und attestierten dem verspätet und mit Übergewicht aus dem Heimaturlaub in die Vorbereitung gestarteten Heißsporn eine nahezu fehlerlose Vorbereitung. Die Entscheidung, ihn zum Auftakt in Aue auf die Bank zu setzen, sei, so Schubert, allein der aktuell ungeklärten und für den Spieler damit sehr schwierigen Situation geschuldet gewesen. Auf der Zielgeraden des bereits seit mehreren Wochen andauernden Transferpokers mit der Eintracht soll der Preis hoch gehalten werden, und so berichtete Azzouzi auch von "mehreren Anfragen", während von Spielerseite einzig das Interesse der Frankfurter Eintracht kolportiert wird. Branchenübliche Reflexe, wie auch das Monieren der Frankfurter, Zambrano sei wegen seiner hitzköpfigen Aktionen keine erste Wahl.

Fakt ist: Der kompromisslose Abwehrspieler gehört nach Abwägen aller Vor- und Nachteile zum Besten, was die Zweite Liga auf seiner Position zu bieten hat, und konnte seine Bundesligatauglichkeit beim FC Schalke 04 und von 2010 an auf St. Pauli nachweisen. Die Hamburger dürften beim erwarteten Vollzug ihren vielleicht talentiertesten Einzelspieler abgeben.

Und dennoch ist dieser Transfer angesichts des Überangebots im Abwehrzentrum und der personellen Situation auf den Außenbahnen nachvollziehbar. Azzouzi und Schubert wollen für die Flügel noch ein bis zwei Spieler verpflichten, haben aber kaum finanziellen Spielraum. Ein Malus, den der Abgang des Topverdieners beheben würde. Azzouzi könnte den Kreis der potenziellen Kandidaten erweitern, hätte beim Werben auf dem Transfermarkt ganz neue Argumente und könnte statt der bislang gewollten Perspektivspieler bei entsprechendem Spielerangebot möglicherweise doch noch bis zum Ende der Wechselfrist am 31. August oder in der Winterpause eine echte Verstärkung präsentieren.

Insofern würde Carlos Zambrano bei St. Pauli tatsächlich für einen Spieler stehen, der in Zukunft noch gebraucht wird, wenn auch nur indirekt.

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