HSV-Manager

Boldt gerät unter Druck – rechnet aber damit, dass er bleibt

| Lesedauer: 7 Minuten
HSV-Sportvorstand Jonas Boldt hat erneut den Aufstieg verpasst. Dürfen er und Michael Mutzel (r.) weitermachen?

HSV-Sportvorstand Jonas Boldt hat erneut den Aufstieg verpasst. Dürfen er und Michael Mutzel (r.) weitermachen?

Foto: Imago / Oliver Ruhnke

Auch Hrubesch kann den HSV nicht retten. Die Hamburger gehen in ihr viertes Jahr Zweite Liga. Ein unruhiger Sommer steht bevor.

Osnabrück. Als HSV-Sportvorstand Jonas Boldt 20 Minuten nach dem in Stein gemeißelten Nicht-Aufstiegs-Triple seinen Interviewmarathon begann, starteten die Profis des VfL Osnabrück ihren Partymarathon. Aus der Kabine dröhnte Madonnas Evergreen „La Isla Bonita“ bis auf den Rasen, wo der 39-Jährige gerade bei Sky das aus Hamburger Sicht Unerklärliche erklärte.

„Das Spiel war ein Sinnbild für die ganze Saison“, sagte der gefasste Boldt, der sich auch durch die laute Partymusik nicht aus der Ruhe bringen lassen wollte. Zumindest für diesen Sonntag durften sich die Osnabrücker nach ihrem 3:2-Sieg gegen den HSV auf ihrer ganz persönlichen La Isla der Glückseligkeit fühlen, während der HSV wieder einmal in einem Ozean aus Schmerz, Trauer und Pein zu ertrinken drohte.

HSV hat den Aufstieg verspielt

Die Fakten in Kurzform: Der HSV rutschte durch die Pleite beim Abstiegskandidaten Osnabrück, der zuvor den inoffiziellen Weltrekord mit 13 Heimpleiten in Folge aufgestellt hatte, auf den fünften Platz ab und hat nun keine Chance mehr auf das Erreichen des Relegationsplatzes. Der VfL darf dagegen nach dem Sieg und der gleichzeitigen Niederlage von Konkurrent Braunschweig wieder an den Klassenerhalt glauben.

Der Fußballgott hatte am Sonntagnachmittag tatsächlich an der Bremer Brücke vorbeigeschaut – den HSV bei seinem Kurzbesuch aber ein weiteres Mal mit Nichtachtung gestraft.

Tabellenspitze 2. Bundesliga
1. FC Schalke 04 34 / 72:44 / 65
2. Werder Bremen 34 / 65:43 / 63
3. HSV 34 / 67:35 / 60
4. Darmstadt 98 34 / 71:46 / 60
5. FC St. Pauli 34 / 61:46 / 57

Hrubesch prangert HSV-Profis an

„Eines muss man klar sagen: Wir haben es auch nicht verdient“, sagte Interimstrainer Horst Hrubesch, der nur wenige Meter von Boldt entfernt auf dem Rasen stand und deutliche Worte für den erneuten Tiefschlag fand. „Am Ende müssen wir uns selbst hinterfragen, warum das so ist. Ich bin da auch noch nicht schlau. Was mir fehlte, ist dass wir das Spiel unbedingt gewinnen wollten. Das habe ich mein Leben lang gemacht. Jeder muss sich hinterfragen, ob er das gemacht hat.“

Dabei schien es zwischenzeitlich gar nicht mal so schlecht für den HSV zu laufen. Zwar passierte in Osnabrück zunächst nur wenig, doch im Fernduell mit Fürth durfte sich die HSV-Bank schon früh über ein Eigentor Paul Jaeckels in Paderborn freuen. Das Problem an der ganzen Sache: Die eigenen Hausaufgaben konnte nicht der SC Paderborn für den HSV übernehmen. Und so kam es, wie es kommen musste: Fehlpass Sonny Kittel, schlechte Zweikampfführung Amadou Onana und verlorenes Kopfballduell Toni Leistner. 0:1 durch Santos (34).

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Immerhin: Die Reaktion stimmte. Der tiefschlagerfahrene HSV schüttelte sich nur kurz und kam bereits drei Minuten später durch Youngster Robin Meißner zum Ausgleich. 1:1 – so stand es auch nach 45 Minuten. Und weil es auch im Parallelspiel in Paderborn nach weiteren drei Toren mit einem 2:2-Unentschieden in die Pause ging, schien im zweiten Durchgang noch alles möglich.

HSV zerbricht an den Erwartungen

Von wegen! Es folgte, was in den vergangenen Jahren immer folgte, wenn beim HSV Courage, Mut, Einsatz und ein kühler Kopf gefragt sind. Die Mannschaft zerbrach an sich und den Erwartungen. Zunächst war es Maurice Multhaup, der nach einer guten Stunde die erneute Osnabrücker Führung erzielte (61.). Und nachdem durch Tim Leibolds Ausgleichstreffer zehn Minuten vor Schluss noch einmal Hoffnung aufkam, war es schließlich der eingewechselte Marc Heider, der dem HSV mit seinem Tor zum 3:2-Endstand (84.) den Rest besorgte.

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Ob er schon eine Erklärung für den Einbruch habe, fragte das Abendblatt Hrubesch kurz nach dem Spiel. „Nein, eine Erklärung habe ich nicht“, antwortete der sichtlich geknickte Interimsnachfolger von Daniel Thioune, und gab zu: „Ich war auch ein bisschen geschockt.“

Trotz des Debakels und des nun feststehenden Nicht-Aufstiegs wolle er die Saison nun zunächst einmal ordentlich zu Ende bringen, sagte Hrubesch, der auch daran dachte, dass er und sein HSV im letzten Saisonspiel gegen Osnabrück-Konkurrent Braunschweig noch einmal gefragt werden würden. Erst danach sei die Zeit gekommen, um einen fetten Strich unter diese magere Spielzeit zu ziehen und das Passierte zu analysieren. „Wir werden uns dann hinsetzen und schauen, wohin wir wollen.“

Boldt geht von HSV-Verbleib aus

Genau diese Frage muss vor allem Sportvorstand Boldt beantworten. „Wir werden definitiv Luft holen und einen erneuten Anlauf nehmen, das ist ganz klar“, sagte er am Sonntag bei Sky – und versicherte auch, dass er selbst keine persönlichen Konsequenzen ziehen wolle. „Ich bin der Verantwortliche, dem stelle ich mich. Dass es Leute gibt, die jetzt wieder Köpfe fordern, gehört dazu. Aber aus meiner Sicht gibt es da keine Anzeichen.“

Ob Boldt recht oder unrecht mit seiner Einschätzung hat, dürfte sich bereits in den kommenden zwei Wochen entscheiden. Nach Abendblatt-Informationen ist für Anfang Juni eine Hauptversammlung der Anteilseigner terminiert, auf der Finanzvorstand Frank Wettstein die finanziellen Pläne und Sportvorstand Boldt die sportlichen Pläne für die kommende Saison in der Zweiten Liga präsentieren müssen.

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Boldt: HSV hat zu sehr vom Aufstieg geträumt

„Wir haben sehr viel von Entwicklung gesprochen und waren auf einem guten Weg, aber vielleicht haben wir uns auf dem Weg ein Stück weit verloren und gedacht, dass die Dinge von alleine laufen. Die Gefahr ist in Hamburg größer als woanders.“ Der HSV müsse im Verlauf einer Saison vor allem bei sich selbst bleiben. „Wir dürften nicht abheben und vom Aufstieg träumen.“

In dieser Saison ist dieser Traum ohnehin ausgeträumt. Und für die neue Saison muss Boldt zunächst einen neuen Trainer finden, neue Spieler und eine neue Überzeugung, dass der HSV mit ihm an der Spitze Anlauf Nummer vier in der Zweiten Liga nehmen sollte. „Es ist ein steiniger Weg und diesen Weg wollen wir weitergehen“, sagte Boldt. Sein Versprechen ganz zum Schluss: „Ich werde da definitiv voran gehen.“

Die Statistik:

  • Osnabrück: Kühn – Ajdini, Beermann, Trapp, Wolze – Multhaup (77., Engel), Reis, Taffertshofer, Amenyido (69., Heider) – Santos (88., Hennnig), Kerk (88., Blacha). – Trainer: Feldhoff
  • HSV: Ulreich – Gyamerah (69. Dudziak), Leistner (79. Kwarteng), Heyer, Leibold – Kinsombi (69, Wintzheimer), Onana (50., Jung) – Jatta (46., Narey), Kittel - Terodde, Meißner. – Trainer: Hrubesch
  • Schiedsrichter: Daniel Siebert (Berlin)
  • Tore: 1:0 (34.) Santos, 1:1 (37.) Meißner, 2:1 (61.) Multhaup, 2:2 (81.) Leibold, 3:2 (84.) Haider.
  • Gelbe Karten: Wolze (7), Taffertshofer (5) –

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