Machtkampf beim HSV

Droht Marcell Jansen jetzt sogar ein Putsch?

Das Bild täuscht: Das Tischtuch zwischen HSV-Präsident Marcell Jansen (M.) und seinem Stellvertreter Thomas Schulz (l.) sowie Schatzmeister Moritz Schaefer ist offenbar zerschnitten.

Das Bild täuscht: Das Tischtuch zwischen HSV-Präsident Marcell Jansen (M.) und seinem Stellvertreter Thomas Schulz (l.) sowie Schatzmeister Moritz Schaefer ist offenbar zerschnitten.

Foto: Valeria Witters / WITTERS

Der Machtkampf um den HSV-Präsidenten steht vor der Eskalation. Welche Rolle spielt Jansens Vize Thomas Schulz?

Hamburg. An diesem Mittwoch um 11 Uhr ist beim HSV wieder Redezeit. Präsidiumssitzung. Man will sich austauschen, miteinander sprechen. Auf der Agenda von Präsident Marcell Jansen, Vizepräsident Thomas Schulz und Schatzmeister Moritz Schaefer: Vor allem Vereinsthemen. Keine Dinge, die es in die Schlagzeilen bringen. Eigentlich.

Man darf allerdings davon ausgehen, dass sich die Agenda der Präsidiumssitzung im Laufe dieses Tages ändert. Denn Schlagzeilen dürfte es bereits morgens zu Genüge geben. In der „Bild“, in der „Mopo“ und auch im Abendblatt. Die zentrale Frage der Artikel: Ist der Riss innerhalb des Präsidiums, über den bereits seit Monaten spekuliert, getuschelt und geschrieben wird, noch zu kitten?

Riss im HSV-Präsidium nicht zu kitten

Die Antwort ist einfach: Nein. Das Abendblatt hat in den vergangenen Tagen und Wochen zahlreiche Gespräche mit Vertretern aller HSV-Gremien geführt, um ein aussagekräftiges Bild vom Machtkampf innerhalb des Präsidiums zu bekommen. Marcell Jansen hat einen umfangreichen Fragebogen mit 60 Fragen erhalten, auch Thomas Schulz und Moritz Schaefer erhielten schriftliche Fragebögen, um Stellung zu beziehen.

Das Gesamtbild, das sich durch all diese Gespräche und Befragungen ergibt, ist eindeutig: Jansen, als Vereinspräsident und Aufsichtsratsvorsitzender der HSV Fußball AG auf dem Papier der wichtigste Mann beim HSV, wird innerhalb seines eigenen Präsidiums in einer Art und Weise blockiert, wie es wohl selbst beim HSV noch nie vorgekommen ist. Jansen ist zum König ohne Land degradiert.

HSV-Check: Der Machtkampf um die Zukunft

Intrigen, Lügen, Gerüchte, Hinterzimmer-Politik

Was nun kommt, könnten sich Drehbuchautoren einer Netflix-Serie kaum besser ausdenken. Es geht um Intrigen, Lügen, Hinterzimmer-Politik, plötzliche Meinungswechsel, Anwaltsschreiben, Ermittlungen des Ehrenrates und sogar Gerüchte über einen Putsch. Doch alles schön der Reihe nach.

Mit dem Wissen von heute muss man konstatieren, dass die Dreierkombination im Präsidium von Anfang an unter keinem guten Stern stand. Am 19. Januar 2019 wurde Jansen auf der Mitgliederversammlung mit 799 Stimmen zum Präsidenten des e.V. gewählt, nachdem sich Vorgänger Bernd Hoffmann quasi selbst zum Vorstandschef berufen hatte. Schulz und Schaefer, die ein Jahr zuvor mit dem nun neuen HSV-Chef als „Team Hoffmann“ ins Präsidium gewählt wurden, blieben übrig – und komplettierten nun mit Youngster Jansen das neue Präsidium.

Welche Rolle spielt Hoffmanns Vertrauter Schulz?

Dass Jansen es mit den getreuen Hoffmann-Vertrauten künftig schwerhaben würde im Präsidium, wurde spätestens offensichtlich, als im vergangenen März Hoffmann nach einem wochenlangen Machtkampf innerhalb des Vorstands vom AG-Aufsichtsrat (auch mit der Stimme Jansens) entlassen wurde. Schulz, der ebenfalls die Interessen des e.V. im AG-Aufsichtsrat zu vertreten hatte, zog die Konsequenzen und trat noch am selben Tag zurück.

Über den Tag, der wahrscheinlich so etwas wie der Anfang vom Ende in der Beziehung zwischen Schulz und Jansen darstellt, sagt Jansen heute: „Das hat mich sehr überrascht, und es war natürlich ein harter Schlag für mich. Vor allem deshalb, weil ich mich extra dafür eingesetzt hatte, den e.V. und damit die Mitglieder und ihre Interessen stark im Aufsichtsrat zu vertreten. Dass dann so ein Austritt aus dem Kontrollgremium und damit auch dem Finanzausschuss aufgrund der Vorstandsentscheidung erfolgte, in der schwierigsten Zeit der Vereinsgeschichte, das kann ich bis heute nicht verstehen.“

Wer nach dem Rücktritt Schulz‘ aus dem Aufsichtsrat aber dachte, dass es damit ruhiger um den schon zuvor streitbaren Vizepräsidenten des HSV e.V. werden würde, der irrte. Der selbstständige Unternehmer aus dem Bereich Baufinanzierung wurde nach seinem Rücktritt eine Art außerparlamentarische Ein-Mann-Opposition. Vorstand, Aufsichtsrat, Beirat, Ehrenrat, Supporters – es gibt auch außerhalb seines eigenen Präsidiums kein Gremium beim HSV, mit dem es sich Schulz in den Monaten danach nicht verscherzte.

Schulz gibt den Vorkämpfer der 24,9-Prozent-Klausel

Jansen sagt auf Nachfrage: „Ob Thomas Schulz ein Gegenpol sein will, kann ich Ihnen nicht beantworten. Seine Meinung hat sich ja des Öfteren gewandelt … Was ich Ihnen aber versichern kann: Mich stört diese Fake-News-Strategie, die vereinspolitischen Zielen oder Interessen von Einzelpersonen dient.“

Was Jansen wohl meint: Zuletzt wurde Schulz in mehreren Berichten immer wieder als eine Art letzte Bastion gegen das Fallen der 24,9-Prozent-Hürde dargestellt, also der Grenze, über die der HSV keine weiteren Anteile verkaufen darf. Das überrascht insofern, als Schulz sich zuvor genau für das Gegenteil ausgesprochen hatte.

Tim-Oliver Horn, Vorsitzender der Supporters, erinnert sich da vor allem an die Mitgliederversammlung im Januar 2019, auf der Jansen gewählt wurde: „Ich wundere mich etwas über den Sinneswandel. Ich erinnere mich noch gut an die Gegenrede von Thomas Schulz zu unserem Antrag, die 24,9 Prozent in der Satzung endlich festzuschreiben, nachdem das zentrale Wahlversprechen des damaligen Präsidiums nicht umgesetzt wurde.“

Tatsächlich heißt es im Protokoll der damaligen Sitzung beim Redebeitrag von Schulz zur 24,9-Prozent-Klausel unmissverständlich: „Bei Kenntnis der Zahlen und kaufmännischem Sachverstand habe man dem Vorstand dieses Recht bis zum heutigen Tage nicht nehmen wollen.“ Und weiter: Es sei die letzte Möglichkeit für den Vorstand, weiteres Eigenkapital zu beschaffen. Nach Abendblatt-Informationen hatten Schulz und Schaefer schon vor der Rede Horn im eindringlichen Gespräch versucht dazu zu drängen, den eingereichten Antrag wieder zurückzunehmen. Horn weigerte sich – und dem Antrag der Supporters wurde mit großer Mehrheit der Anwesenden zugestimmt.

Schulz führt Feldzug gegen HSV-Gremien

Es war nicht die einzige Abstimmungsniederlage für Schulz. Doch vor allem nach der Demission Hoffmanns, der mit fünf zu zwei Stimmen entlassen wurde, begann der Feldzug Schulz‘ gegen die HSV-Gremien. Vorstand, Aufsichtsrat, Beirat, Ehrenrat – sie alle durften sich über Anwaltsschreiben des HSV-Vizes freuen.

Besonders skurril wurde es, als sich der Ehrenrat, der zur Neutralität verpflichtet ist, der Sache annehmen wollte. Ein erstes Gesprächsangebot lehnte Schulz ab. Auf mehrfache Bitte gab es schließlich ein Gespräch. Mit Schulz. Und mit seinem Anwalt. Denn den brachte der Vizepräsident direkt mit. Ein Vorgang, den es in dieser Form beim HSV wohl noch nie gegeben hat.

Spätestens jetzt war klar: Dem HSV droht kein Machtkampf, dem HSV droht ein Machtkampf, der explodiert.

Aufsichtsrat legt Kritiker Schaefer Zahlen offen

Die neue Episode dieser Telenovela: Weil sich das dreiköpfige Präsidium nicht auf zwei Aufsichtsratskandidaten einigen konnte, die man dem Beirat zur Prüfung für die zwei vakanten Positionen vorschlagen musste, wurden kurz vor Weihnachten sechs Kandidaten eingereicht. Darunter auch: Präsidiumsmitglied Schaefer, den Jansen vorgeschlagen hatte. Der Vorschlag überraschte. Denn: Schaefer selbst konnte und wollte sich nie wirklich entscheiden, ob er tatsächlich in den Aufsichtsrat aufrücken wollte. Zumal er noch vor Kurzem dem Kontrollgremium Intransparenz vorgeworfen hatte.

Ein Vorwurf, den man sich innerhalb des Aufsichtsrates so nicht gefallen lassen wollte. Also lud man Schaefer vor knapp zwei Monaten zu der wichtigsten Sitzung des Finanzausschusses des Aufsichtsrats ein. Um den Vorwurf der fehlenden Offenheit zu kontern, gaben die Kontrolleure gemeinsam mit den Wirtschaftsprüfern, Aufsichtsratschef Jansen und Finanzvorstand Frank Wettstein auf dieser Sitzung ausführlich Auskunft über den Jahresabschluss.

Rund zwei Stunden dauerte die Sitzung. Zum Ende wurde Schaefer, der bis dahin keine einzige Frage gestellt hatte, noch einmal gefragt, ob irgendwelche Punkte offen geblieben seien. Seine Antwort: keine Antwort. Die gab es dann allerdings wenige Tage später in schriftlicher Form. Auf mehreren Seiten schickten Schaefer und Schulz den HSV-Verantwortlichen einen Brief, in dem sie ein juristisches Gutachten zum Besten gaben und zu einer außerordentlichen Hauptversammlung aufriefen. Ihr Hauptargument: fehlende Transparenz.

HSV-Beirat fürchtete offenbar Putschversuch gegen Jansen

Nach diesem Techtelmechtel schien die Entscheidung des fünfköpfigen Beirats in der vergangenen Woche, Schaefer nicht als Aufsichtsratskandidaten zuzulassen, logisch. Auf den ersten Blick überraschender war die Beiratsentscheidung, mit Banker Hans-Walter Peters und der ehemaligen Henkel-Vorständin Kathrin Menges lediglich zwei Kandidaten zuzulassen.

Der kolportierte Hintergrund: Offenbar war innerhalb des Beirats die Sorge groß, dass es bei sechs bestätigten Kandidaten für nur zwei offene Stellen auf der nächsten Hauptversammlung, auf der das Präsidium als Vertreter des Mehrheitseigners HSV e.V. eine garantierte Stimmenmehrheit hat, einen Putsch geben könnte.

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Der ungeheuerliche Verdacht: Jansen könnte von seinen Präsidiumskollegen mit zwei zu eins Stimmen übergangen werden und neben den beiden Räten, die neu besetzt werden müssten, könnten noch weitere Kontrolleure aus dem aktuellen Aufsichtsrat direkt mit ausgetauscht werden. Die angeblichen Streichkandidaten: Andreas Peters, Felix Goedhardt und Michael Krall.

Auf die Nachfrage des Abendblatts, ob auch Jansen selbst die Sorge habe, dass Schulz und Schaefer einen Putsch gegen ihn planen könnten, antwortet der 35-Jährige viel- und nichtssagend zugleich: „Ich kann diese Frage in diesem Moment nicht beantworten.“ Auch Schulz und Schaefer wurde die Möglichkeit gegeben, den Vorwurf eines möglichen Putsches zu entkräften. Ihre erneute Antwort: keine Antwort.

Gesprochen werden dürfte dennoch mehr als genug. Spätestens an diesem Mittwochmorgen auf der Präsidiumssitzung.