Aufstieg in Gefahr

Wie gelassen Dieter Hecking mit der HSV-Krise umgeht

HSV-Trainer Dieter Hecking analysiert das 0:1 gegen Heidenheim – und damit die erste Heimniederlage der Saison.

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Nach einem Sieg aus sechs Spielen ist die erste HSV-Krise der Saison kaum wegzudiskutieren. Man muss sich Sorgen machen.

Hamburg.  An diesem Montag und Dienstag steht beim HSV die Zukunft auf dem Spiel. Oder besser: auf dem Programm. Während die eine Hälfte der Profis jeweils nachmittags am Stadion trainiert, muss die andere Hälfte Leistungstests am UKE über sich ergehen lassen. Die Fußballer werden auf Herz und Nieren untersucht, damit entsprechende Trainingspläne für die nahende Winterpause geschrieben werden können. Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Bevor beim HSV der Blick allerdings ausschließlich nach vorne gerichtet werden kann, schauten Trainer Dieter Hecking und Sportvorstand Jonas Boldt am Sonnabend noch einmal kurz in den Rückspiegel. Am Tag nach der ärgerlichen 0:1-Heimniederlage gegen Heidenheim standen die beiden HSV-Verantwortlichen pitschepatschenass am Trainingsplatz und versuchten, das Geschehen vom Vortag in Worte zu fassen.

„Das haben wir uns natürlich anders vorgestellt“, sagte Boldt, der kurze Zeit später verbale Unterstützung von Hecking erhielt: „Wir müssen Lösungen finden.“

HSV verliert erstmals zweimal in Folge

Genau eine Woche ist es her, als das Abendblatt nach der 1:2-Pleite in Osnabrück in großen Buchstaben fragte: „Muss man sich Sorgen machen?“ Eine weitere Niederlage später und mit nun nur einem Sieg aus den vergangenen sechs Pflichtspielen scheint die traurige Antwort zu lauten: Ja, man muss.

Unabhängig vom Ausgang des Montagspiels zwischen Stuttgart und Nürnberg haben die Hamburger nur noch drei Punkte Vorsprung auf den Nicht-Aufstiegsrang Platz vier. Aufsteiger Osnabrück liegt beispielsweise nur noch sechs Punkte hinter dem HSV, nachdem der Tabellenführer a. D. noch vor sechs Wochen einen scheinbar uneinholbaren Vorsprung von zwölf Punkten hatte.

Kurzum: Man sollte sich wohl tatsächlich Sorgen machen. Oder: Man lässt es. „Ich habe sieben Stunden durchgeschlafen“, sagte Hecking am Sonnabend. „Durch so eine Niederlage lasse ich mich doch nicht um den Schlaf bringen.“

Hecking reagiert genau richtig auf die Krise

Der Hamburger Trainer macht das, was ein Trainer in Hamburg unbedingt können sollte: Gelassenheit demonstrieren, Ruhe ausstrahlen, Besonnenheit bewahren und keine Hektik verbreiten.

„Heidenheim ist Tabellendritter, also worüber reden wir?“, fragte Hecking provokant in die Runde, um selbst die Antwort zu geben. „Meine Mannschaft hat viel Aufwand betrieben, aber ein bisschen umständlich gespielt. Wir haben viel versucht, aber nicht immer die richtigen Mittel gefunden.“

Grund zur Hysterie sehe er aber nicht. „Ich habe nicht Hurra geschrien, als alles super war, und ich verfalle jetzt, nach zwei Niederlagen in Folge, nicht in tiefe Depression. Man darf sich nicht von der allgemeinen Hektik anstecken lassen“, sagte Hecking.

Ruhe ist die erste Trainerpflicht.

HSV-Spiel erinnert an Titz und Wolf

Etwas zu ruhig ließen es Heckings Profis am Freitag angehen. Wie fast in jedem Spiel war der HSV auch gegen Heidenheim die bestimmende Mannschaft, konnte die Überlegenheit allerdings kaum in hochkarätige Chancen umwandeln. Heckings Mannschaft hatte 76 Prozent Ballbesitz – und stellte damit einen neuen HSV-Saisonrekord auf.

Doch trotz 16:9 Torschüssen erinnerte das Spiel der Hamburger an längst vergessen geglaubte Zeiten aus der vergangenen Saison, als man auch unter Christian Titz und Hannes Wolf regelmäßige Ballbesitzrekorde aufstellte, dabei aber viel zu häufig ideenlos auftrat. „Die Mannschaften haben sich besser auf uns eingestellt“, räumte Boldt ein. „Sie wissen, dass wir bis zum Freitag kein Heimspiel verloren hatten, also agieren sie defensiver.“

Entscheidend sei also, so Hecking, dass man aus solchen Partien und Phasen die richtigen Schlüsse ziehe. Gegen tief stehende Mannschaften wie Heidenheim müssten mehr Standardsituationen herausgeholt werden, sagte der Coach. „Das geht uns gerade ab.“ Sein Team suche in solchen Situationen zu sehr nach spielerischen Lösungen, statt ins Eins-gegen-eins-Duell oder mit letztem Willen in den Strafraum zu gehen, monierte Hecking. „Das müssen wir erzwingen.“

Van Drongelen pestet gegen Heidenheim

Anders als in der vergangenen Saison müssen der Trainer, die Spieler und vor allem die Verantwortlichen nun beweisen, dass sie für die erste Minikrise der Saison gewappnet sind. Aktuell hat der HSV fünf Punkte weniger als zum gleichen Zeitpunkt der vergangenen Saison. Und nach einer vergleichbaren Negativserie (fünf Punkte aus fünf Spielen) musste Ex-Trainer Titz im Oktober 2018 gehen.

Unter Nachfolger Wolf wurde die Minikrise in der Rückrunde sogar zur Dauerkrise. Die Folgen: Der HSV verpatzte den Aufstieg, Clubchef Bernd Hoffmann sprach von einem Totalversagen des Sportsystems, Wolf und Sportvorstand Ralf Becker mussten gehen.

Und auch ein gutes halbes Jahr später zieht ein kräftiger Sturm über Hamburg auf – allerdings nur ein meteorologischer. Während der Deutsche Wetterdienst vor schweren Sturmböen warnt, bleibt die Großwetterlage beim HSV entspannt. „Wir sind gut“, sagte Hecking. „Bei uns sehe ich das als Wellen, die für uns aber normal sind.“ Schließlich sei der Kader mit guten und entwicklungsfähigen, aber vor allem auch mit jungen Spielern wie Rick van Drongelen oder Adrian Fein (beide 20 Jahre alt) zusammengestellt. „Diesen Spielern müssen wir auch mal ein Formtief zugestehen.“

Nach 18 Minuten (Hecking) und fünf Minuten (Boldt) war am Sonnabend auch alles über die Vergangenheit gesagt. Und bevor dann wirklich die Zukunft (Rückrunde) beginnt, steht vorerst noch die Gegenwart (Hinrundenrest) auf dem Programm. Und die heißt für den HSV: Sandhausen und Darmstadt.