Unnötiges 1:1

HSV-Talent wird beim Remis in Wiesbaden zur tragischen Figur

Bei Wehen Wiesbaden kassiert der HSV in letzter Minute und in Überzahl den völlig unnötigen Ausgleich. Ex-Hamburger trifft.

Wiesbaden. Tim Leibold sah gefährlich aus, als er sich wenige Minuten nach Schlusspfiff durch die Katakomben der Großbaustelle Brita-Arena schleppte. 1:1 (0:0) hatte Tabellenführer HSV gerade beim abstiegsbedrohten Wehen Wiesbaden gespielt. Und der Linksverteidiger hatte während der dramatischen 95 Minuten einen fiesen Tritt in die Seite abbekommen, was zu einer Roten Karte für Gegenspieler Stefan Aigner geführt hatte. Zudem klaffte eine große Wunde unter seinem rechten Auge, die sich allerdings auf Nachfrage relativierte. „Das war mein Hund“, sagte Leibold, der nach dem späten Ausgleichstreffer zum 1:1 trotzdem völlig bedient war.

Zu gerne wären er und seine Kollegen nach dem schwachen Auftritt ebenfalls nur mit einem blauen Auge davongekommen. Doch nachdem ausgerechnet der frühere Hamburger Törles Knöll in der Nachspielzeit getroffen hatte, blieb Leibold und Co nach der Partie nur der Ärger.

„Das war extrem dämlich und sehr ärgerlich“, sagte der Ex-Nürnberger, der beim Club sogar noch gemeinsam mit Knöll gespielt hatte. „Aufgrund unseres Unvermögens war es ein gerechtes 1:1. Wir hätten die drei Punkte aufgrund unserer Spielweise nicht verdient gehabt“, gab der 25-Jährige zu. „Wir tun uns gegen tief stehende Gegner einfach schwer, Räume zu finden und Chancen zu kreieren.“

HSV-Trainer Hecking: "Ich habe mich maßlos geärgert"

HSV verspielt Sieg trotz Überzahl

Dabei war es Leibold höchstpersönlich, der nach einer alles in allem schwachen ersten Halbzeit für den ersten Paukenschlag des Tages sorgte. Sein Schuss konnte Wehens Ersatzkeeper Lukas Watkowiak nur abprallen lassen. Der frühere Wiesbadener David Kinsombi schaltete am schnellsten und staubte zum erhofften Führungstor ab (48.).

Als dann Leibold nicht einmal zehn Minuten später von der Nebenrolle in die Hauptrolle wechselte, schien der HSV endgültig auf der Siegerstraße. Per Videobeweis war Übeltäter Aigner überführt worden, der den am Boden liegenden Leibold getreten haben soll (57.). Eine vertretbare Entscheidung.

Doch wer nun dachte, dass elf Spitzenreiter gegen zehn Schlusslichter so mir nichts dir nichts den Deckel draufmachen würden, der irrte. Die zuvor einfallslosen Hamburger erspielten sich nun (besonders durch den auffälligen Bakery Jatta) zwar im Fünf-Minuten-Takt Großchance um Großchance, konnten am Ende aber keine ihrer zahlreichen Möglichkeiten verwerten. „In der zweiten Halbzeit haben wir einfach verpasst, das 2:0 zu machen“, analysierte der verärgerte Trainer Dieter Hecking. „Und wenn man eine Vielzahl von Chancen nicht nutzt, dann kommt es eben, wie es immer kommt.“

HSV-Talent David wird zur tragischen Figur

Zunächst kam vor allem: Törles Knöll, der in 62 Regionalligaspielen für die Reserve des HSV 38 Treffer erzielt hatte. Drei Minuten vor Schluss wurde der Torjäger mit dem unpassenden Vornamen eingewechselt – und traf praktisch mit seinem ersten Ballkontakt zum 1:1. „Ich hatte Gänsehaut bei meinem Tor und habe mich riesig gefreut. Ich wollte schon immer gegen den HSV spielen“, sagte der Ex-Hamburger.

Doch des einen Freud ist bekanntlich des anderen Leid. So war es ausgerechnet der drei Minuten nach Knöll eingewechselte Jonas David, der den Sieg sichern sollte und letztendlich das Gegentor mit seinem ersten Ballkontakt im Spiel verschuldete. Doppelt ärgerlich, weil Trainer Hecking eigentlich den kantigen Abwehrmann Timo Letschert bringen wollte, der allerdings über Nackenschmerzen klagte. Auch Stürmer Martin Harnik war wegen einer Oberschenkelverletzung kurzfristig ausgefallen.

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Boldt redet nach HSV-Remis Klartext

Über den Nackenschlag beim Schlusslicht am meisten ärgerte sich im Übrigen Sportvorstand Jonas Boldt. Während Sportdirektor Michael Mutzel noch die Müdigkeit nach den Spitzenspielen gegen Bielefeld (1:1) und zweimal Stuttgart (6:2 und 1:2 im Pokal nach Verlängerung) betonte, sprach der angefressene Boldt Klartext: „So kann man ein Spiel nicht angehen. Daraus müssen wir unsere Schlüsse ziehen“, schimpfte er. „Das funktioniert so nicht.“

Tim Leibold war zu diesem Zeitpunkt schon in der Gästekabine verschwunden. Wunden lecken, Bauch kühlen, Auge pflegen. Am frühen Abend ging es mit der Maschine LH030 über Frankfurt zurück in die Heimat – und zum wartenden Labrador Carlos. Der Arbeitstag seines Herrchens in vier Worten zusammengefasst: Alles für die Katz.​