Derby-Ärger

Aberkanntes HSV-Tor: St.-Pauli-Profi hätte es zählen lassen

Kiezclub siegt verdient. Heckings Elf enttäuscht auf ganzer Linie. Aber der Coach hat eine klare Meinung zum Videobeweis.

Hamburg. Am Millerntor hielt es keinen St. Paulianer mehr auf seinen Sitzen. Die letzten Minuten des Stadtderbys gegen den HSV wurden zur großen Party. Als der 2:0 (1:0)-Sieg gegen den Rivalen aus dem Volkspark perfekt war, rannten die Spieler des FC St. Pauli vor die Südkurve und ließen sich feiern. 190 Tage nach der 0:4-Demütigung an selber Stelle bejubelte St. Pauli nicht nur die Neuauflage der Stadtmeisterschaft. Es war der erste Derbysieg am Millerntor seit Februar 1960 (damals noch in der Oberliga) gegen den HSV , der nicht nur sein erstes Saisonspiel verlor, sondern auch die Tabellenführung.

St. Paulis Trainer Jos Luhukay jubelte dagegen über seinen fünften Sieg in Folge gegen den HSV – und das erneut ohne Gegentor. Seine euphorisierten Spieler trugen ein Fan-Banner mit der Aufschrift „Hamburg ist braun weiss“ über den Rasen. HSV-Trainer Dieter Hecking verlor dagegen sein erstes Stadtderby überhaupt. „Die Nummer eins der Stadt sind wir“, sang das ganze Stadion – mit Ausnahme der HSV-Fans, die sich mit Böller- und Raketenwürfen als schlechte Verlierer präsentierten.

Vor dem Spiel waren die beiden Trainer noch auf Kuschelkurs gegangen. Viel Lob für den Rivalen, viel Respekt, wenig verbale Rangeleien. St. Paulis Fans hatten sich in einer riesigen Choreo in der Südkurve stattdessen auf den DFB und die DFL als Feind verständigt und gegen die Montagsspiele protestiert. Lediglich St. Paulis Torhüter Robin Himmelmann hatte das Derby ein wenig angeheizt: „Ich glaube, dass es krachen wird“, sagte er vor dem Spiel.

Heckings HSV verschläft die erste Halbzeit

Es sollte allerdings 14 Minuten dauern, ehe es auf dem Rasen so richtig krachte. Marvin Knoll zog aus 25 Metern mit seinem starken linken Fuß ab, HSV-Keeper Daniel Heuer Fernandes musste sich strecken, um den Ball aus dem Winkel zu holen. Vier Minuten später knallten dann aber die Konfettiraketen am ausverkauften Millerntor. Nach einer Flanke von Mats Möller Daehli köpfte Knoll den Ball zunächst an den Pfosten. Dimitrios Diamantakos reagierte am schnellsten und köpfte die Kugel aus kurzer Distanz über die Linie (18.).

„Wer um 20.30 Uhr noch schläfrig ist, den werde ich rechtzeitig wach machen“, hatte Hecking vor dem Spiel noch angekündigt. Dass sein gesamtes Team die erste halbe Stunde verschlafen sollte, konnte der HSV-Coach aber nicht mehr verhindern. "Wir haben ein paar Situationen verschlafen, das darf uns nicht passieren", sagte Hecking. „Es war ein tolles Derby. Am Ende ist der Sieg von St. Pauli verdient.“

Hecking hatte seine Mannschaft nur auf einer Position verändert. Für Jan Gyamerah, der sich vor einer Woche im Training das Wadenbein gebrochen hatte und das Spiel auf dem Sofa verfolgte, durfte der junge Josha Vagnoman (18) auf der rechten Seite verteidigen. „Er hat denselben Endspeed wie Jan und zuletzt ordentlich Selbstvertrauen gesammelt“, begründete Hecking seine Entscheidung.

Vagnoman sollte St. Paulis schnellen Linksaußen Christian Conteh stoppen. Doch nicht nur Vagnoman hatte gegen Conteh seine Probleme. Der gesamte HSV präsentierte sich in der ersten Halbzeit fahrig, fehlerhaft und gedanklich immer einen Schritt zu langsam.

HSV prüft Himmelmann erst nach 43 Minuten

Ganz anders St. Pauli. Nach der 0:4-Demütigung im März war der Kiezclub vom Anpfiff weg um Wiedergutmachung bemüht. Luhukays Entscheidung, den jungen Leo Østigård in der Innenverteidigung anstelle von Florian Carstens aufzustellen, sollte sich als gute Entscheidung herausstellen. Bis auf einen 16-Meter-Schuss von Lukas Hinterseer bekam der HSV offensiv kaum etwas zustande. Es dauerte 43 Minuten, bis Himmelmann den ersten HSV-Kracher abwehren musste. Sonny Kittels Volleyschuss von der linken Strafraumkante parierte Himmelmann sehenswert.

Schiedsrichter gab Treffer von Hinterseer nicht

Wenig später jubelte der HSV nur kurz, als Hinterseer eine Hereingabe von Bakery Jatta mit der Hacke im Tor unterbrachte. Doch der Bremer Schiedsrichter Sven Jablonski entschied darauf, dass der Ball zuvor im Toraus war (45.). Eine Millimeter-Entscheidung. „Ich glaube nicht, dass der Ball mit vollem Umfang über der Torlinie war. Eine glückliche Entscheidung für uns“, gab St. Paulis Marvin Knoll nach der Partie bei „Sky“ zu.

Der Videoschiedsrichter konnte die umstrittene Szene nicht überprüfen, weil in der Zweiten Liga keine Torlinientechnologie angewendet wird. „So ergibt der Videobeweis keinen Sinn, wenn man den wichtigsten Bereich, die Torauslinie, ausspart“, monierte Hecking.

Kurz vor dem Wiederanpfiff schlug dann erst mal die Stunde der Ultras. Fast sekundengleich knallte es in der Süd- und der Nordkurve. Erst mit fünf Minuten Verzögerung konnte es weitergehen.

Hinterseer vergibt zwei HSV-Großchancen

Hecking stellte seine Mannschaft zur zweiten Halbzeit um. Für Khaled Narey kam Kapitän Aaron Hunt ins Spiel. Kittel rückte dafür auf die linke Bahn, Jatta nach rechts. Und der HSV spielte endlich den Fußball, den Hecking sehen will. Dominant, direkt, druckvoll. Alleine Hinterseer hätte sein Team zurück ins Derby bringen können. Nach einem Traumpass von Adrian Fein scheiterte der Stürmer noch an Himmelmann (53.), vier Minuten später nach Kinsombi-Vorlage an seinen eigenen Füßen.

„Solche Tage gibt es einfach, das passiert. Ich weiß aber auch, dass Lukas die Dinger wieder machen wird“, sagte Heuer Fernandes. Hecking ergänzte: „Lukas hätte zwei, drei Tore machen können. Das ärgert ihn sicherlich am meisten.“

Harnik: "Einfach beschissen"

Und wie heißt es im Fußball so schön?: Das rächt sich. Auf der Gegenseite grätschte Rick van Drongelen bei St. Paulis erster Offensivaktion eine Hereingabe von Möller Daehli ins eigene Tor (63.). Das Derby war frühzeitig entschieden. „Einfach beschissen, dass unsere erste Niederlage im Derby passiert“, sagte der eingewechselte Martin Harnik. Der HSV muss nun bis Ende Februar warten, ehe er sich die Stadtmeisterschaft zurückholen kann.