Strategie

Der HSV und die Zukunft des deutschen Fußballs

Jonas Boldt (l.) und Simon Rolfes arbeiteten vor einem Jahr noch gemeinsam bei Bayer Leverkusen. Jetzt sind sie Manager-Konkurrenten.

Jonas Boldt (l.) und Simon Rolfes arbeiteten vor einem Jahr noch gemeinsam bei Bayer Leverkusen. Jetzt sind sie Manager-Konkurrenten.

Foto: Deutzmann / deutzmann.net / imago/Deutzmann

Wie kommt der DFB zurück in die Weltspitze? Beim „Think Tank“ in Hamburg diskutierte auch HSV-Manager Boldt.

Hamburg.  Im „Health Innovation Port“ von Philips wurden am Freitag in Hamburg Fuhlsbüttel 32 Feldbetten aufgestellt. 32 Spiel- und Datenanalysten trafen sich hier am späten Abend, um das EM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und der Niederlande im Volksparkstadion aufzuarbeiten. Genauer gesagt: zu entschlüsseln. Im Rahmen des „Hackathons“ untersuchten 16 Zweierteams aus Deutschland und Holland die Spieldaten und -statistiken des Länderspiels auf Themen wie „Machine Learning“ und „Künstliche Intelligenz“. Gewinner des Wettbewerbs wurde das Team, das in der Nacht die beste und aussagekräftigste Analyse aus dem Datenmaterial erstellte.

Der „Hackathon“ war der Abschluss der Innovationswoche, die der Deutsche Fußball-Bund gemeinsam mit dem niederländischen Verband organisierte. Im Zentrum der Veranstaltung stand dabei der „Think Tank“ der DFB-Akademie. Diese Denkfabrik des Deutschen Fußballs wurde vor einem Jahr nach dem historischen Vorrundenaus der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Russland forciert, um Entwicklungen und Innovationen in den Vereinen und Verbänden zu beschleunigen.

Zum „Think Tank“ zählt ein festes Team um Akademieleiter Tobias Haupt oder auch dem ehemaligen HSV-Sportdirektor Bernhard Peters. Hinzu kommen wechselnde Teilnehmer wie Oliver Bierhoff, Meikel Schönweitz, DFB-Trainer der U-Nationalmannschaften, oder DFB-Trainerausbilder Daniel Niedzkowski. Ziel ist es, insbesondere die Talententwicklung und die Trainerausbildung im deutschen Fußball zu verbessern.

Boldt soll HSV-Strategie entwickeln

Am Donnerstag und Freitag nahmen auch Manager aus der Bundesliga und der Zweiten Liga am „Think Tank“ teil. Leverkusens Sportdirektor Simon Rolfes etwa, Stuttgarts Sportvorstand Thomas Hitzlsperger oder Markus Krösche, der Sportdirektor von RB Leipzig, der vor einem Jahr noch Sportvorstand beim HSV werden sollte.

Dafür nutzte auch der aktuelle Sportvorstand der Hamburger, Jonas Boldt, die Chance, innovativen Input für den HSV zu gewinnen. „Wir müssen beim HSV wieder mutig sein und unsere Potenziale ausschöpfen“, sagte Boldt nach dem Gedankenaustausch. „Der HSV kann von vielen Entwicklungen profitieren. Entscheidend ist, dass wir die Bereitschaft erzeugen und Zusammenhalt und Identität vorleben.“

Boldt soll in den kommenden Jahren im sportlichen Bereich die Strategien für die HSV-Zukunft entwickeln. Dass der Club in den vergangenen Jahren Entwicklungen verschlafen hat, weil er sich immer wieder in vereinspolitischen Machtkämpfen verloren hat, ist kein Geheimnis. So musste vor einem Jahr auch Bernhard Peters gehen, weil er mit Bernd Hoffmann und dem damals neuen Sportvorstand Ralf Becker keine gemeinsame Linie fand.

Nun nutzt der DFB die Kompetenzen des 59 Jahre alten Peters in der Entwicklung der Trainerausbildung. „Die DFB-Akademie ist ein Schritt in die richtige Richtung“, sagte Peters anschließend dem Abendblatt. „Entscheidend ist der Nutzen in dem Kerngebiet, Spieler und Trainer, aber auch die Manager besser zu machen.“

Vagnoman in Hamburg ausgezeichnet

Peters selbst arbeitet seit seinem Aus beim HSV sportartübergreifend in den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung und Führungskompetenz. Den Handball-Bundestrainer Christian Prokop coacht Peters seit einem Jahr, auch zu den Basketballern von Alba Berlin pflegt Peters einen regelmäßigen Austausch. Der frühere Hockey-Bundestrainer drängt im „Think Tank“ darauf, die weichen Faktoren nicht zu vernachlässigen. „Man kann 500.000 Daten nutzen, aber die emotionale Beziehung zwischen Trainern und Spielern darf nicht vergessen werden“, sagt Peters.

Für Tobias Haupt, dem Leiter der DFB-Akademie, geht es darum, den „nächsten Kai Havertz zu entwickeln“. Der Nationalspieler von Bayer Leverkusen ist derzeit das größte Talent im deutschen Fußball. Wie aber schafft es der DFB, die vielen anderen Talente zu Topspielern zu formen? So wie HSV-Talent Josha Vagnoman. Der 18-Jährige wurde am Freitag in Hamburg mit der Fritz-Walter-Medaille in Silber ausgezeichnet. „Ich danke meinen Eltern und meinem Club“, sagte der Außenverteidiger, der aktuell mit der U-20-Nationalmannschaft unterwegs ist, in einer Videobotschaft.

Um Spieler wie Vagnoman, der bei den HSV-Profis bislang selten zum Einsatz kommt, auf die nächste Entwicklungsstufe zu heben und den deutschen Fußball wieder zurück an die Weltspitze zu bringen, hat der deutsche Fußball noch viel Arbeit vor sich. Hamburg war für die Innovationswoche ein wichtiger Standort. Und der HSV zumindest für zwei Tage ein Teil davon.