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Wie der kleine HSV dem großen KSC beikommen will

Der HSV ist nicht gerade groß, sollte sich aber auch nicht klein machen. So wie Torwart Daniel Heuer Fernandes (2. v. r.), der „nur“ 1,88 Meter misst.

Der HSV ist nicht gerade groß, sollte sich aber auch nicht klein machen. So wie Torwart Daniel Heuer Fernandes (2. v. r.), der „nur“ 1,88 Meter misst.

Foto: ValeriaWitters / WITTERS

Hamburg hat vergleichsweise kleine Spieler. In Karlsruhe warten nun viele hochgewachsene Gegner. Hecking hat schon Ideen im Kopf.

Hamburg.  Es ist gar nicht so einfach, im Internet die genaue Größe von Dieter Hecking zu recherchieren. Laut Wikipedia misst der HSV-Trainer 1,78 Meter. Glaubt man transfermarkt.de, ist Hecking nur 177 Zentimeter lang. Besser dürften Hecking die Angaben im Datencenter des DFB gefallen. Dieses führt ihn mit einem Maß von 1,79 Metern. Bei all der Größenverwirrung ist eines aber ziemlich klar: Für einen Innenverteidiger war Hecking ziemlich klein. Trotzdem setzte Bernd Stange, sein damaliger Trainer beim VfB Leipzig, den Mittelfeldspieler Anfang der 90er-Jahre in der Abwehr ein. Heckings Lösung: „Ich habe nicht jedes Kopfballduell gesucht, weil ich wusste, dass ich meistens eh keine Chance hatte“, sagt Hecking heute.

Am Sonntag steht seine Mannschaft im Spiel beim Karlsruher SC (13.30 Uhr/Sky und Abendblatt-Liveticker) vor einer ähnlichen Herausforderung wie Hecking in seiner kurzen Zeit als Innenverteidiger. Zwar sind Rick van Drongelen (1,88 Meter) und Gideon Jung (1,89 Meter) deutlich größer als ihr Trainer, für Innenverteidiger ist das aber ein eher durchschnittliches Maß. Überhaupt ist der HSV eine insgesamt recht klein gewachsene Mannschaft. Mit Lukas Hinterseer (1,92 Meter) durchbricht nur ein Feldspieler im Kader die 1,90-Meter-Marke. Mit Pierre-Michel Lasogga, David Bates und Léo Lacroix hat der HSV zudem drei Kopfballkanten abgegeben.

Hecking weiß um Größenvorteil des KSC

Ganz anders sieht die Längenlage beim KSC aus. Mit Philipp Hofmann (1,95), Lukas Fröde (1,92) und Daniel Gordon (1,94) hat Trainer Alois Schwartz gleich drei Riesen im Team. Hinzu kommen weitere große Spieler. Dass die Karlsruher aus ihrer Größe ein Konzept gemacht haben, hat sich auch nach Hamburg herumgesprochen. „Das ist ein Stilmittel von ihnen. Sie wollen gerade vorne diese Wucht ausnutzen und auf Standards ausgehen“, sagt Hecking über den Aufsteiger, der mit zwei Siegen in die Saison gestartet ist und seine ersten drei Ligatore alle nach Eckbällen erzielte.

Wie also will der HSV seinen Größennachteil wettmachen? Hecking erinnert sich bei dieser Frage vor allem an seine Verteidigerzeit. „Clever sein“, sagt der 54-Jährige gleich mehrfach. Das gelte zum einen für das Zweikampfverhalten. „Du musst ja auch nicht in jedes Kopfballduell reingehen“, sagt Hecking. „Die Innenverteidiger müssen gute Entscheidungen treffen und erkennen, ob sie ein Kopfballduell gewinnen können.“ So wie es der Dieter Hecking des VfB Leipzig von 1992 bis 1993 gemacht hat.

HSV braucht Effizienz im heißen Wildpark

Ein weiteres Mittel, um Standards zu verteidigen: Standards vermeiden. „Das ist sicher ein großes Ziel, dass wir das hinbekommen“, sagt Hecking, der noch ein weiteres Ziel nennt: „Du musst so spielen, dass der Gegner sich mehr mit dir beschäftigen muss als mit sich selbst. Das müssen wir wieder hinkriegen.“ Das bedeutet: Der HSV will den KSC bespielen, damit dieser gar nicht erst dazu kommt, ständig lange Bälle in den Strafraum zu schlagen. Zudem benötigt der HSV Effizienz, da das Spiel bei vorhergesagten 31 Grad im Karlsruher Wildpark zur echten Schweißprobe wird.

Dass der HSV aber auch selbst weiß, was man aus Standardsituationen machen kann, zeigt die Statistik schon nach drei Spieltagen. Zwar ließen die Hamburger beim 1:0 gegen Bochum vor einer Woche 14:0 Ecken ungenutzt, dafür fiel das entscheidende Tor durch Lukas Hinterseer aus der Folge eines Eckballs. Wie auch schon am zweiten Spieltag beim 4:0 in Nürnberg, als eine kurz ausgeführte Ecke über vier Stationen zum Eigentor durch Tim Handwerker führte.

HSV hat statistisch die beste Abwehr

Co-Trainer Dirk Bremser ist beim HSV zuständig sowohl für die offensiven Varianten als auch für die Defensivstandards. Am Donnerstag zogen sich die Hamburger mal wieder zurück in das Stadion. Dort können Hecking und Bremser unbeobachtet Standard-Optionen einstudieren. Auffällig war bei den bisherigen Spielen, dass der HSV bei ruhenden Bällen des Gegners auf Mann- anstelle von Raumdeckung setzt. Für diese Philosophie spricht auch, dass die Schiedsrichter seit dieser Saison angehalten sind, das bewusste Wegblocken der Spieler im Strafraum abzupfeifen.

Bislang scheint der HSV mit seiner Philosophie richtigzuliegen. Mit nur einem Gegentor haben die Hamburger aktuell die beste Abwehr der Liga. Und trotz des Größenverlusts im Vergleich zur Vorsaison gab es noch kein Standardgegentor. In der vergangenen Spielzeit hatte der HSV dabei immer wieder Probleme. Zudem hat Hecking noch eine echte Standardwaffe in der Hinterhand. Kyriakos Papadopoulos sitzt in Karlsruhe zwar zunächst wieder nur auf der Bank, der Grieche ist aber der zweifelsfrei beste Kopfballspieler des HSV. Dabei ist Papadopoulos nur 1,85 Meter groß. Seine drei Tore für den HSV hat er seit 2017 alle mit dem Kopf erzielt. Was auch zeigt: Es kommt nicht auf die Größe an ...