HSV-Legenden

Charly Dörfel: "Ich hatte mehr Talent als Uwe Seeler"

Eines der seltenen Farbfotos, die es von Charly Dörfel während seiner Zeit beim HSV gibt.

Eines der seltenen Farbfotos, die es von Charly Dörfel während seiner Zeit beim HSV gibt.

Foto: Metelmann

Gert Dörfel galt als einer der besten Linksaußen der Welt, aber auch als Clown. Zum 80. Geburtstag geht er für uns auf Zeitreise.

Wer das Haus von Gert Dörfel, den alle Welt nur „Charly“ nennt, in Meckelfeld betritt, der fühlt sich sofort in die Vergangenheit gebeamt. An den Wänden hängen so viele Fotos, Trikots, Wimpel, Pokale und weiterer Schnickschnack, dass die Farbe der Tapete nur zu erahnen ist. Vor seiner Hausbar mit den Flaschen auf dem Tresen – dabei trinkt er keinen Tropfen Alkohol – steht Elvis Presley in Pappe.

„Für mich ist Elvis der Größte“, sagt der Musikliebhaber bestimmt. Nach dem Tod des „King“ 1977 reiste er sogar zu dessen Haus nach Memphis in die USA. „Ich versuchte auf allen Vieren zum Badezimmer zu robben, flog aber auf – und danach raus.“

Dörfel gelang der erste Bundesliga-Dreierpack

Ein „King“ war auch Dörfel früher auf dem Fußballplatz. Er gehörte zur legendären HSV-Mannschaft von 1960, die die deutsche Meisterschaft gewann. 1963 gelang ihm im ersten Bundesliga-Spiel des HSV in Münster der Premierentreffer für die Hamburger und in der gleichen Saison beim 4:2 gegen Saarbrücken auch der erste Dreierpack in der Geschichte der Bundesliga.

Berühmt wurde der gebürtige Hamburger aber durch seine Torvorlagen auf Uwe Seeler. „Charly gibt die Flanke, Uwe köpft sie rein“, jubelten die Fans in den 60er-Jahren im alten Rothenbaum-Stadion. „Ich war damals sehr schnell, lief die 100 Meter mit Spikes handgestoppt in 10,6 Sekunden. Wenn ich nur daran denke, welchen Marktwert ich heute hätte …, 50, 60 Millionen Euro Ablöse wäre da sicher drin.“

Dörfel und die Frauen – Lidia hält es aus

Dörfel hat es sich in seinem Gartenstuhl auf der Terrasse gemütlich gemacht. Nach den ersten Sätzen ist klar, dass er selbst mit 79 mit seiner Zunge noch genauso flink ist wie früher mit seinen Füßen. Neben ihm hängt ein Foto von ihm mit der Aufschrift: „Der berühmteste anonyme Ex-Star Deutschlands“. Ein typischer Dörfel.

Ehefrau Lidia bringt Kaffee und Butterkuchen. „40 Jahre leben wir hier“, sagt er. „Und ich 22“, ergänzt Lidia. Er: „Die Frauen habe ich auch schon mal ausgewechselt. Wie beim Fußball. Sie saß auf der Ersatzbank.“ Gelächter. Er heißt ja, er sei früher kein Kussverächter gewesen. Er: „Stimmt, ich hatte immer drei, vier in der Hinterhand. Mann, was waren wir auch für gut aussehende Junggesellen!“ (lacht, blickt zu seiner Frau). „Wenn sie die Sprüche alle ernst nehmen würde, hätte ich schlechte Karten.“

Dörfel ließ sich immer neue Späße einfallen

Als extrovertierten Spaßvogel haben ihn die Mitspieler in Erinnerung. Eine seiner Lieblingsstorys: „Nach einem Spiel in Kaiserslautern reisten wir zu einem Freundschaftskick nach Idar-Oberstein. In dem Hotel, wo wir übernachten sollten, war eine Hochzeit zugange. Wir schauten von der Brüstung im ersten Stock zu, es war kurz vor der Bettruhe. Spontan bot ich meinen Mitspielern eine Wette an: Ich tanze mit der Braut Walzer, sie im Hochzeitskleid, ich im Schlafanzug mit Hauspuschen. Ich forderte sie erfolgreich auf. Die anderen lagen vor Lachen am Boden – und ich kassierte von jedem 20 Mark.“

Die Clownerie packte Dörfel regelmäßig. „Ich habe den Entertainer im Blut.“ Auch was artistische Einlagen betraf. „Einmalig war auch die Nummer bei den Iguazú-Wasserfällen in Brasilien, als ich auf dem Geländer balancierte. Rechts von mir ging es 100 Meter in die Tiefe.“

Im Kaifu-Bad gehörte er zu den wenigen, die sich vom Zehnmeterbrett trauten. „Wir haben die Büstenhalter von den Frauen genommen, dann stürzten wir uns runter.“

Auch auf dem Rasen gehörte ein Scherz dazu. Bei einem Meisterschaftsspiel herrschte große Hitze, das war so gar nicht die Sache von Dörfel. „Ein Flutlichtmast spendete etwas Schatten, da habe ich mich hingestellt, als der Ball mal ganz woanders war. Hat mir Sonderapplaus eingebracht.“

Bundestrainer Schön ignorierte Dörfels Talent

Seinen Spitznamen hatte er sofort weg, als er einmal das Lied „Charlie Brown (he’s a clown)“ von der Band The Coasters­ zum Besten gab. Sein Auftritt brachte ihm sogar einen Auftritt bei Zirkus Krone ein, der ihn (vergeblich) einlud, mit auf Tournee zu gehen. Vom Zirkus Roncalli steht eine Urkunde („Ehren-Clown“) im Wintergarten.

Doch nicht alle Menschen wussten seine Späße einzuordnen. Trotz seiner fußballerischen Klasse („Ich war schneller als Uwe und hatte mehr Talent“) kam Dörfel nur auf elf Länderspiele. Helmut Schön, damals Assistent von Bundestrainer Sepp Herberger, fürchtete, dass er zu viel Unruhe in der Mannschaft stiften könnte. So blieb kein Platz für ihn im deutschen Kader für die WM 1962. „Dabei wusste ich immer ganz genau, wann ich den Mund zu halten habe“, betont er. „Ich hatte auch ein zweites Gesicht.“

Zum Beispiel beim Wirtschafts- und Ordnungsamt, wo er 22 Jahre als Ermittler arbeitete. „Einmal hat unser Boss zu mir gesagt: Bei uns sind Sie ja immer so ernst. Aber das war nicht nur dort so. Auch beim HSV musste ich Benehmen zeigen, schließlich war das ein Weltverein.“ Auch das Finanzielle hatte Dörfel immer fest im Griff. „Uwe meinte mal, ich wäre der beste Schatzmeister für den HSV, kein Witz. Die Sache hätte nur einen Haken, meinte Uwe: Wir kämen nicht mehr an unsere eigenen Konten. Und ich muss sagen, da war was dran ...“

Auch Papa Dörfel spielte beim HSV

Dörfel wusste immer: Clowns werden eher belächelt und kaum ernst genommen. „Sie kennen ja den Spruch: Torhüter und Linksaußen haben einen an der Marmel. Hinter diesem Klischee habe ich mich gerne auch mal versteckt und hatte Narrenfreiheit, etwas Spielraum. Man kann sich mehr erlauben.“

Dörfel entstammt einer HSV-Familie. Vater Friedo spielte von 1933 bis 1948 für den Verein, schaffte es wie auch Bruder Bernd (1963–1970 beim HSV) bis in die Nationalmannschaft. Onkel Richard (1931–1948 beim HSV) wurde nach seiner Karriere sogar zum Ehrenspielführer ernannt. Die Dörfels sind tief in Harburg verwurzelt, und so freut sich Charly Dörfel sehr über das vorgezogene Geschenk anlässlich seines 80. Geburtstags am 18. September: Am 31. August wird der Sportplatz des FC Viktoria Harburg von 1910 in „Charly-Dörfel-Platz“ umbenannt. „Zu spät“, bemerkt er trocken. Aber der Stolz schwingt mit. Neid sei ihm immer fremd gewesen, sagt er mit Blick auf die Popularität von Uwe Seeler. „Ich war gerne die beste Nummer zwei, habe ja auch von ihm profitiert.“ Aber natürlich tut ihm die Ehrung gut und die Erinnerung an seine Leistungen. Auch die HSV-Altliga wird spielen.

Dörfel geht kaum noch in den Volkspark

Wenn Dörfel von früher spricht, dann erwähnt er – wie alle seine Mitspieler – die Gemeinschaft, den Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft. Aber anders als früher, als er überall dabei war, hat er heute eher die Position des Außenseiters eingenommen. „Die Dinge aus der Vogelperspektive zu betrachten, das geht auch gut. Wenn mich jemand sehen möchte, ist er herzlich eingeladen, hier bei mir zu Hause wird er gut bedient.“

Und auch bei den HSV-Spielen sieht man den einstigen „Flankengott“ nur selten. Der Besuch ist ihm zu anstrengend, auch wenn es ihm gesundheitlich viel besser geht als vor fünf Jahren. Seinen 75. Geburtstag musste er im Krankenhaus verbringen. bei einer MRT-Untersuchung wurde zufällig ein Aneurysma entdeckt. „Ich muss dem Schöpfer dankbar sein. Danach bekam ich ein Riesenlob von den Ärzten. Ich habe ein Herz und eine Lunge wie ein kleines Kind, haben sie mir gesagt. Da baue ich drauf.“

Dörfel feuert seinen 80. auf Mallorca

Am 18. September wird der runde Geburtstag auf Mallorca gefeiert. Danach freut sich Dörfel auf das, was er mit seiner Frau noch erleben darf. Denn nur Zeitreisen in die Vergangenheit, das wäre dann doch nicht genug. Dass er sich durchaus von Erinnerungen trennen kann, bewies er, indem er seine riesige Plattensammlung – 3800 LPs und 4000 Singles – dem Rolling-Stones-Museum in Lüchow überließ. Nur die Platten von Elvis Presley, nein, die blieben an ihrem Platz, genau wie die 1965 von ihm aufgenommene Single „Das kann ich dir nicht verzeih’n“ (B-Seite „Erst ein Kuss“).

„Apropos Zukunft. Wenn ich einmal wiedergeboren werde, dann würde ich mir wünschen, eine Filzlaus zu sein“, sagte er. Pause. Schelmisches Grinsen. „Ja, ein bisschen ordinär kann ich auch sein.“ Und ohne einen kleinen Flachs kommt Charly Dörfel eben auch mit fast 80 Jahren äußerst ungern aus.

Die HSV-Trikots seit 1963: