HSV-Shootingstar

Nürnberg legt Einspruch ein – wegen Bakery Jatta

Bakery Jatta vor zwei Wochen beim Testspiel gegen den RSC Anderlecht.

Bakery Jatta vor zwei Wochen beim Testspiel gegen den RSC Anderlecht.

Foto: Tim Groothuis / WITTERS

Der geflüchtete Flügelstürmer soll in Wahrheit anders heißen und älter sein. Was Verein, Berater und die zuständige Behörde sagen.

Hamburg. Der Flüchtling, der als Jugendlicher aus Afrika nach Deutschland kam und dort zum Fußballstar wurde, obwohl er zuvor nur barfuß auf der Straße und nie in einem Verein gespielt hatte: Die Geschichte von HSV-Profi Bakery Jatta ist fast zu schön, um wahr zu sein. Und möglicherweise ist sie auch gar nicht wahr.

Diesen Verdacht legen Recherchen der "Sportbild" nahe. Wie die Zeitschrift am Mittwoch schreibt, könnte Jatta in Wahrheit Bakary Daffeh heißen und zweieinhalb Jahre älter sein als angegeben: Sein wahres Geburtsdatum sei nicht der 6. Juni 1998, sondern der 6. November 1995. Er sei in seiner Heimat Gambia für mehrere Clubs aktiv gewesen und soll außerdem in Senegal und Nigeria gespielt haben. Zudem sei er schon 2014, ein Jahr vor seiner Ankunft in Deutschland, für die gambische U-20-Nationalmannschaft aufgelaufen.

Zwei Trainer hätten Jatta als ihren ehemaligen Spieler Daffeh identifiziert. Tatsächlich sieht Jatta Fotos in damaligen Zeitungsberichten über Daffeh verblüffend ähnlich. Seit Jatta 2015 in Deutschland eintraf, war von dem vielversprechenden Talent Daffeh nichts mehr zu hören und zu sehen. Seine Fans von damals aber haben ihn offenbar wiedererkannt: In sozialen Netzwerken wird Jatta als "Kanu" gefeiert – ebenjenem Spitznamen, den Daffeh einst trug und der auch auf seinem Facebook-Profil zu finden ist. Daffeh gibt sich darin bereits 2012 als "professioneller Fußballer" aus.

HSV hatte Zweifel an Jattas Alter

Wusste der HSV von dem Verdacht der falschen Identität? Tatsächlich hatte der Club bereits nach dem ersten Probetraining im Januar 2016, Monate vor seiner Beförderung zum Profi, Zweifel an Jattas Alter gehegt. Die biologische Entwicklung des damals angeblich 17 Jahre alten Flüchtlings sei bereits abgeschlossen, sagte der damalige Sportdirektor Peter Knäbel. Das habe eine medizinische Untersuchung im UKE ergeben. Konsequenzen hatte das nicht. „Man muss den Angaben zunächst einmal glauben“, sagte Knäbel damals.

Für weitere Nachforschungen sah der HSV offenbar keinen Anlass. "Wir haben Bakery Jattas gültigen Reisepass inklusive Aufenthaltsgenehmigung vorliegen", ließ der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann auf Abendblatt-Nachfrage mitteilen. Jatta habe sich zudem stets "als tadelloser Sportsmann und verlässlicher Mitspieler gezeigt. Er hat sich schnell in unsere Mannschaft und in unseren Club integriert. Wir schätzen ihn als Spieler und Menschen."

Jatta bleibt bei seiner Darstellung, DFL hatte Kenntnis

Nach Abendblatt-Informationen hat der HSV Jatta bereits vor einigen Tagen mit dem Verdacht und den Daffeh-Fotos konfrontiert. Dabei versicherte der Flügelstürmer, der Bakery Jatta zu sein, als der er sich ausgewiesen hatte, und bekräftigte auch seine Version der Flucht nach Deutschland. In früheren Interviews hatte Jatta wiederholt erklärt, in seiner Heimat nur mit Freunden und nie in einem Verein Fußball gespielt zu haben.

Aufgeschreckt durch die "Sport-Bild"-Recherche, sicherte sich der HSV offenbar auch bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) ab. Bereits vor dem Zweitligaspiel am vergangenen Montag in Nürnberg hat ein Justiziar des Vereins Kontakt zum Ligaverband aufgenommen. Die DFL hat dabei signalisiert, dass einem Einsatz Jattas nichts im Wege stünde, da die vorliegenden Dokumente juristisch stichhaltig seien.

1. FC Nürnberg legt Protest ein

Dennoch legt der 1. FC Nürnberg offiziell Einspruch gegen die krachende 0:4-Niederlage ein. "Natürlich sollten die Punkte grundsätzlich auf dem grünen Rasen und nicht am grünen Tisch verteilt werden", ließ Sportvorstand Robert Palikuca dem Abendblatt am Nachmittag mitteilen, "allerdings befinden wir uns in einem Wettbewerb, der durch Regeln und Vorgaben bestimmt wird, an die sich alle Beteiligten gleichermaßen halten müssen. Wir haben daher dem Club gegenüber die Verantwortung, uns damit juristisch seriös auseinanderzusetzen."

Am Abend teilte der DFB mit, dass der Verein unter Verweis auf die Zweifel an der Identität von Jatta Einspruch gegen die Wertung des Spiels eingelegt habe. Das DFB-Sportgericht hat, so heißt es weiter, den HSV bereits um eine Stellungnahme gebeten.

Jattas Berater: "Bakery hat gültigen Pass"

Dass sich Jatta bei seiner Einreise jünger gemacht haben könnte, als er in Wahrheit ist, wäre naheliegend: Als 17 Jahre alter unbegleiteter Flüchtling stand er in Deutschland unter besonderem Schutz. Für einen Volljährigen gilt dies nicht. Grundsätzlich schiebt Hamburg auch Menschen aus Gambia in ihr Heimatland ab. In der Praxis geschieht dies aber sehr selten. Laut Ausländerbehörde wurden im vergangenen Jahr drei Menschen dorthin zurückgebracht, in diesem Jahr noch niemand.

Jatta war am 12. Juli 2015 nach Deutschland eingereist und wird seit Juni 2016 von den Hamburger Behörden betreut. Nach Abendblatt-Informationen gab es damals keinen konkreten Verdacht, dass der Pass, der ihn als minderjährig ausweist, gefälscht sein könnte. In solchen Fällen werden die Dokumente noch einmal von Spezialisten untersucht. Efe-Firat Aktas, Berater des HSV-Stürmers, sagte dem Abendblatt, der Ausweis sei mehrfach kontrolliert worden: "Er hat einen gültigen Pass. Der wurde überprüft. Alles andere ist für uns nicht relevant."

Bezirksamt will Fall Jatta prüfen

Auch auf Drängen des HSV wurden die nötigen ausländerrechtlichen Schritte in Hamburg relativ schnell erledigt. Jatta stellte keinen Asylantrag, sondern bekam wegen seiner Anstellung beim HSV eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre. Diese wurde erst in diesem Jahr um weitere drei Jahre verlängert.

Wie es in Behördenkreisen heißt, müsste es eine klare Konsequenz geben, wenn der Pass des Gambiers tatsächlich gefälscht sein sollte: "Dann wäre das eine Straftat und muss den Widerruf der Aufenthaltserlaubnis zur Folge haben." Dem zuständigen Amt ist jedoch generell freigestellt, ob sie bei konkreten Anhaltspunkten auf gefälschte Dokumente oder falsche Angaben den Aufenthaltstitel sofort widerruft oder erst den Ausgang eines Strafverfahrens abwartet.

Für Bakery Jatta soll das "Welcome Center" am Rathaus zuständig sein. Das Bezirksamt Hamburg-Mitte werde jetzt "den Fall intensiv prüfen und den Hinweisen nachgehen", teilte Sprecherin Sarah Kolland dem Abendblatt mit.

Arbeitserlaubnis wird in der Regel entzogen

Wenn ein Ausländer wegen eines gefälschten Passes seinen Aufenthaltstitel verliert, erhält er zunächst den Status einer Duldung. Dann wird versucht, seine wahre Identität zu klären, und von Behördenseite im Anschluss eine Abschiebung angepeilt. Diese Klärung kann jedoch in Einzelfällen Jahre dauern, zudem können die Betroffenen juristisch gegen den Entzug des Aufenthaltstitels vorgehen.

Es bleibt jedoch im Ermessen der Ausländerbehörde, ob sie einer nur geduldeten Person auch die Erlaubnis gibt, bis zur Klärung des Aufenthaltstitels in Hamburg arbeiten zu dürfen. Dies hängt eng mit der Kooperationsbereitschaft der Betroffenen zusammen. "Wer versucht, zu täuschen und sich einen Aufenthaltstitel zu erschleichen, wird in aller Regel mit einem Beschäftigungsverbot belegt", heißt es in der Verwaltung.

Seebrücke solidarisiert sich mit Jatta

Die Bewegung Seebrücke Hamburg, die sich für die zivile Seenotrettung, sichere Fluchtwege und die dauerhafte Aufnahme von Geflüchteten in Hamburg einsetzt, warnte davor, Jattas Identität und damit sein Bleiberecht anzuzweifeln. „Nicht Bakery Jattas Identität sollte infrage gestellt werden, sondern ein europäisches Asyl- und Migrationssystem, das keine Möglichkeiten der legalen Einreise kennt, sondern Menschen wie ihn auf lebensgefährliche Fluchtrouten zwingt“, sagte Sprecher Christoph Kleine.

Es gebe keinen Anlass, an Jattas Angaben zu zweifeln, und überhaupt seien Geburtstag und -name in diesem Fall uninteressant. Kleine: "Er hat die Flucht durch die Sahara und über das Mittelmeer überlebt und ist jetzt ein Hamburger wie wir alle. Statt einer kleinlichen Diskussion über seine Identität (…) hat Jatta die Unterstützung seines Arbeitgebers und seiner Stadt verdient."

DFB untersucht Fall Jatta

Sollte aus dem Verdacht der versuchten Täuschung Gewissheit werden, könnte auch der Deutsche Fußball-Bund ein Ermittlungsverfahren einleiten. In diesem Fall droht Jatta eine Sperre. Der DFB bestätigte am Mittwoch, dass er sich mit dem Fall beschäftigen werde. „Der Kontrollausschuss wird den Sachverhalt untersuchen“, ließ der Gremiumsvorsitzende Anton Nachreiner auf Anfrage ausrichten.

Der HSV selbst dürfte in jedem Fall straffrei bleiben, da er sich auf gültige Papiere verlassen hat und ein bewusster Täuschungsversuch seitens des Vereins wohl ausgeschlossen werden kann.

Sponsor Adidas hält sich bedeckt

Von Jatta selbst gab es bislang keine offizielle Stellungnahme. Auf seinem neuestem Instagram-Eintrag wirbt der Stürmer für Fußballschuhe seines privaten Ausrüsters Adidas. Der Sportartikelhersteller hatte Jatta 2016 kurz nach dessen Beförderung zum Profi unter Vertrag genommen. "Adidas fand die Geschichte, die hinter Bakery steckt, sehr interessant", erklärte Berater Aktas seinerzeit.

Wird das Sponsoring nun möglicherweise revidiert? „Bakery Jatta hat einen gültigen Vertrag mit Adidas", teilte Konzern-Pressesprecher Oliver Brüggen dem Abendblatt mit, "die aktuellen Spekulationen um den Spieler kommentieren wir nicht.“