Belek

Kein Platz für Romantik beim Hamburger SV

Zum Vorbereitungsstart Anfang Januar spielte Bakery Jatta, hier im Duell mit Nicolai Müller, erstmals beim HSV vor – und überzeugte Trainer Labbadia

Zum Vorbereitungsstart Anfang Januar spielte Bakery Jatta, hier im Duell mit Nicolai Müller, erstmals beim HSV vor – und überzeugte Trainer Labbadia

Foto: Witters

Geschichte des Flüchtlings Jatta begeistert Fans und HSV-Verantwortliche. Doch auch dieser Transfer ist zunächst mal ein Geschäft.

Belek.  Efe-Firat Aktas hat zu tun. Der bullige Mann mit dem kahl geschorenen Kopf sitzt auf der Tribüne im Trainingszentrum des HSV in Belek und telefoniert. Mal geht es um Fußball, mal um ein neues Auto und mal um den Im- oder Export von Pfefferspray. Auch Aktas scheint das zu Beginn des Telefonats nicht ganz klar zu sein, er sagt aber am Ende: „Kein Pro­blem, ich kümmere mich darum.“

Sich kümmern ist sein Beruf. Aktas ist Spielervermittler. Ein sehr gefragter, zumindest im Moment. Derzeit kümmert sich der frühere Besitzer einer Immobilienfirma, der auch schon im Lebensmittelgroßhandel sein Geld verdiente, um Bakery Jatta. Der Gambier ist ein hochtalentierter Fußballer – und ein Flüchtling. Und genau diese Kombination elektrisiert die Hamburger Fans, Medien und Verantwortlichen in diesem Winter wie kein anderes Thema. „Die Zeitungen schreiben von „einem Märchen“, Aktas spricht von einer „echt krassen Geschichte“.

In Kurzform geht die ungefähr so: Jatta, der angeblich noch nie in einem Fußballverein gespielt hat, soll vor der Diktatur Gambias durch die Sahara bis nach Nordafrika und über das Mittelmeer geflohen sein. „Der Junge hat viel durchgemacht“, sagt Aktas, will aber nicht weiter ins Detail gehen. Seit Sommer wohnt Jatta nun in der Akademie Lothar Kannenberg in Bothel bei Bremen, einer Jugendhilfe- und Bildungseinrichtung. Dann, Anfang Januar, vermittelte Aktas dem jungen Afrikaner ein zweitägiges Probetraining beim HSV. Es war der Moment, an dem die Kurzform für diese scheinbar märchenhafte Geschichte nicht mehr reichte.

Aktas macht eine kurze Telefonpause und schaut dem Geschehen auf dem Rasen zu. Er habe schon viele Talente gesehen, sagt er, aber Jatta sei einer aus einer Million. „Der Junge ist eine Rakete.“ Das hätten auch die Hamburger schnell erkannt, die sich gut um seinen Jungen gekümmert hätten. Deswegen war er auch drei Tage zuvor im Mannschaftshotel des HSV, verhandelte dort mit HSV-Chef Dietmar Beiersdorfer und Peter Knäbel.

Fußball ist ein Geschäft – und Aktas kennt sich aus mit dem Big Business. Als der frühere Spielertrainer des FC Oberneuland vor einigen Jahren seinen Kumpel Diego, mit dem er sich zu dessen Werder-Zeiten angefreundet hatte, nach Italien zu Juventus Turin vermittelte, lernte er den Schweizer Agenten Giacomo Petralito kennen. Für Aktas ein echter Glücksfall. Gemeinsam mischten sie den deutsch-italienischen Fußballmarkt auf, vermittelten Marco Arnautovic von Inter Mailand nach Bremen, Simon Kjaer von Palermo nach Wolfsburg und Eljero Elia von Werder zu Juve. Und in diesem Winter ist es eben der Gambier Bakery Jatta, der von A nach B soll.

Dass Jatta ein Flüchtling ist, sei eine tolle Sache für die Medien, aber in erster Linie sei er Fußballer, sagt Aktas. Und Fußballer kosten und verdienen nun mal Geld. Einem geduldeten Flüchtling stehen nach drei Monaten in Deutschland 145 Euro, eine Unterkunft und Essen zu. Jatta, das berichtete die „Bild“-Zeitung am Tag nach Aktas’ Treffen mit Beiersdorfer und Knäbel, soll 120.000 Euro verdienen. Inklusive Prämien sogar 300.000 Euro.

„Diese Personalie ist ein gefundenes Fressen für die Medien“, sagt Knäbel. „Für mich ist der Junge keine Story, sondern ein talentierter Fußballspieler, der unsere Trainer überzeugt hat und den wir gern für uns gewinnen wollen“, sagt der Manager, der lange genug dabei ist, um zu wissen, dass es im Fußball nur selten Platz für Romantik gibt. Auch deswegen hat der HSV Jatta im UKE auf Herz und Nieren untersuchen lassen. „Die besonderen Umstände erfordern für uns das seriöse Abklären aller Voraussetzungen und Bedingungen“, sagt Knäbel, der einräumte, dass der Club überprüfen ließ, ob Jatta ausgewachsen sei oder nicht. Und die biologische Entwicklung des angeblich 17 Jahre alten Jatta, auch das verriet Knäbel, sei abgeschlossen.

Nie in einem Verein gespielt. Durch Afrika und übers Meer geflohen. Gerade mal 17 Jahre alt. Und nun bald Fußballprofi in einer der besten Ligen der Welt? Es klingt einfach zu schön, um wahr zu sein.

Aktas ist erzürnt. „Der Junge hat eine gültige Geburtsurkunde“, sagt er. Natürlich hat der Bremer von den Berichten gehört, dass die HSV-Verantwortlichen Jattas Alter anzweifeln. Das Abendblatt berichtete als Erstes darüber. Doch das genaue biologische Alter kann man eben nicht durch eine Untersuchung festlegen. „Die Informationen, die wir haben wollten, die haben wir eingesammelt“, sagt Knäbel trotzdem. 17, 18, 19, 20 oder 21 Jahre – Jatta ist und bleibt für den HSV ein verheißungsvolles Talent, das mit Ausnahmegenehmigung noch im Januar mit dem HSV wieder mittrainieren soll.

Werder Bremen verzichtete auf eine Verpflichtung des Flüchtlings

Ein Talent war Jatta auch für die Verantwortlichen von Werder Bremen. Aber eben nicht mehr. „Ich bin das ganze Theater um Jatta leid“, schimpfte deswegen vor wenigen Tagen Thomas Eichin. Werders Manager musste erklären, warum die Bremer bei Jatta nicht zugegriffen haben, obwohl sie die Chance hatten. Bei einem Test von Werders U23 gegen Hannovers U23 schoss Jatta zwei Tore. „Da ist nichts versäumt worden“, rechtfertigte sich Eichin. „Der Junge hat einen vernünftigen Eindruck gemacht. Aber er hat keinerlei Ausbildung genossen, das muss man auch sehen.“ Für so einen Fall gebe es nun mal den entsprechenden Preis, sagt Eichin. „Da versucht dann irgendjemand, einen Spieler in eine Richtung zu drücken, damit ja der Preis steigt. Das machen wir nicht mit.“

Die Bremer wissen, wovon sie sprechen. Vor nicht allzu langer Zeit spielte Jattas Landsmann Ousman Manneh, ebenfalls ein Flüchtling, bei Werder vor. Manneh soll 18 Jahre alt sein, schoss sogar vier Tore in einem Testspiel. „Flüchtling schießt sich in Richtung Bundesliga“, titelte die „Welt“, die „Bild“ schrieb von einem „Fußball-Märchen“. Ein halbes Jahr später wartet Manneh, der bei Bremens U23 in der Dritten Liga spielt, noch immer auf seinen ersten Bundesligaeinsatz.

Bundesweit gibt es rund 2000 Flüchtlinge, die sich einem Fußballverein angeschlossen haben. Manneh ist einer davon – Jatta könnte einer von ihnen werden. Für die U23 sei sein Junge aber zu gut, sagt Aktas. Knäbel sagt, der HSV müsse eine Woche vor dem Rückrundenstart langsam an andere Themen denken. Danach könne man immer noch schauen, ob es sportlich funktioniere. „Nur dann kann es auch wirklich ein Fußballmärchen werden“, sagt Knäbel. „Für ihn und für uns.“