HSV

Mutzel rückt ins erste Glied – Kaderplaner Spors vor Abgang

Michael Mutzel
(39) ist bereits seit
April Sportdirektor
des HSV. Bislang
arbeitete er im
Hintergrund an
Transfers.

Michael Mutzel (39) ist bereits seit April Sportdirektor des HSV. Bislang arbeitete er im Hintergrund an Transfers.

Foto: Witters

HSV schiebt das Scouting-Karussell an, auf dem auch ein Urgestein Platz nehmen soll. Wie Michael Mutzel seinen neuen Job angeht.

Kitzbühel.  Michael Mutzel ist begeistert. Die Penthouse-Suite, die das Luxushotel Das Tirol dem HSV am Mittwochmittag für eine gute Stunde zur Verfügung gestellt hat, hat es dem neuen Sportdirektor des HSV angetan. 520 Quadratmeter groß ist die größte Suite Österreichs, dazu noch einmal weitere 500 Quadratmeter auf drei Terrassen mit einem atemberaubenden Blick auf den benachbarten Berg Wurzhöhe. „Das hat schon was“, sagt Mutzel.

Willkommen in der Ersten Liga der Luxushotels! So könnte der Slogan zum schicken Penthouse heißen, der allerdings zwei Schönheitsfehler hat. Erstens: Nach dem kurzen Gespräch und dem noch kürzeren Fotoshooting mussten der HSV und sein neuer Sportdirektor die First-Class-Suite (7092 Euro pro Nacht) schon wieder räumen. Und zweitens: Sportlich ist und bleibt der HSV auch mit Neuzugang Mutzel natürlich nur zweitklassig.

Neuzugang Mutzel? Der 39 Jahre alte Ex-Profi legt die Stirn in Falten. Eigentlich sei er ja schon seit mehr als drei Monaten im Amt, erklärt er am langen Holztisch mitten in der Riesensuite. Am 1. April sei sein erster Arbeitstag gewesen. Damals verzichtete der HSV auf eine offizielle Vorstellungsrunde, um die Konzentration auf den Aufstiegskampf nicht zu gefährden. Das Ende vom Lied ist bekannt – zumindest fast.

„HSV ist kein normaler Verein“

Denn als der HSV eben nicht aufstieg, sollte der Mann, den Ralf Becker nach Hamburg geholt hatte, dann doch präsentiert werden. Vorgesehen hierfür war der 27. Mai – bis am 24. Mai Ralf Becker holterdiepolter beurlaubt wurde. „Natürlich habe ich da erst einmal geschluckt“, gibt Mutzel offen zu. „Aber ich bin lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass so eine Entscheidung getroffen werden kann.“ Nun, weitere sechseinhalb Wochen später, Klappe die Dritte in den Bergen Österreichs. „Die letzten Monate waren schon sehr turbulent“, sagt Mutzel – und schenkt sich ein Glas stilles Wasser ein. „Das war ich aus den letzten drei Jahren in Hoffenheim anders gewohnt.“

Der frühere Jugendchef und Scoutingleiter Hoffenheims grinst etwas verlegen. „Aber ich wollte auch diese Herausforderung. Der HSV ist nun mal kein normaler Verein. Und ich hatte und habe richtig Bock auf den HSV.“ Die eigentliche Überraschung: Auch der HSV hatte und hat noch richtig Bock auf den einstigen Vertrauten Beckers. So dauerte es nicht lange, ehe Becker-Nachfolger Jonas Boldt sich selbst ein Bild von dem neuen HSV-Kaderplaner machte – und den Daumen direkt hob. „Wir kommen aus ähnlichen Vereinen, haben ähnliche Ansätze, eine ähnliche Denke. Das hilft natürlich bei der Zusammenarbeit“, sagt der Ex-Hoffenheimer Mutzel über sich und die Zusammenarbeit mit dem Ex-Leverkusener Boldt.

Der HSV in Kitzbühel: Lukas Hinterseers Wohnzimmer

Mutzel soll in die erste Reihe treten

Doch wenn für den einen der Daumen nach oben geht, geht für den anderen der Daumen nach unten. In diesem Fall betroffen: Noch-Kaderplaner Johannes Spors. Der Ex-Leipziger, der kurioserweise Mutzels Vorgänger in Hoffenheim war, wird den HSV nach Abendblatt-Informationen verlassen. Diese Entscheidung soll auch am Mittwoch Thema in der Aufsichtsratssitzung gewesen sein, an der auch der dreiköpfige HSV-Vorstand teilnahm. Sportvorstand Jonas Boldt hatte für das turnusmäßige Treffen sogar extra das Trainingslager für einen Tag unterbrochen und war in den Volkspark gereist. An diesem Donnerstag werden er und Vorstandschef Bernd Hoffmann allerdings wieder zurück in Kitzbühel erwartet.

Dort wird das Vorstandsduo sicherlich auch mit Mutzel das Gespräch suchen. Konsens ist, dass der gebürtige Bayer ab sofort aus der zweiten in die erste Reihe treten soll. In der Kabine ist der frühere Mann hinter den Kulissen längst Dauergast, bespricht sich dabei auch immer wieder mit Cheftrainer Dieter Hecking. „Es ist klar kommuniziert, dass ich mich nun erst einmal bis zum Ende der Transferfrist voll auf den Kader der Profis konzentriere. Ich bin für die Transfers mitverantwortlich“, sagt Mutzel selbst.

Bilder aus dem HSV-Trainingslager:

Klare Strategie im Scouting

Ab dem 2. September, wenn das Sommertransferfester schließt, soll und will Mutzel dann auch den Rest des HSV-Kosmos genauer beleuchten. „Auch den Nachwuchsbereich finde ich extrem interessant und werde meine Erfahrungen mit einbringen und versuchen, diesen Bereich noch stärker zu machen“, sagt der Neu-Hamburger, der gerade erst ein Haus in Groß Flottbek für sich und seine Familie gefunden hat und damit auch endlich sein möbliertes Einzimmerapartment in Schenefeld verlassen kann. „Und auch im Scouting möchte ich eine klare Strategie erarbeiten.“

Genau in diesem Bereich gibt es durchaus überraschende Neuerungen. So soll beispielsweise Scouting-Urgestein Michael Schröder, der in den vergangenen Jahren keine Rolle mehr spielte, wieder in die Abteilung integriert werden. Perspektivisch wird zudem noch nach einem neuen Scoutingchef gesucht.

HSV Trainingslager in Kitzbühel - Tag 1

„Team brauchte mehr Erfahrung“

Michael Mutzel schiebt seine Brille ein wenig nach oben. Im Gespräch wird schnell deutlich, wie sehr der nicht mehr ganz so neue Neuzugang einen Tatendrang verspürt. Mutzel redet über Talente aus Frankreich, die Nachwuchsarbeit in England. Er spricht über die Erfahrung Heckings, mit dem er sich erstmals zusammen mit Ex-Sportchef Becker in dessen Haus in Bad Nenndorf getroffen habe. Und er erklärt, warum der Kader in der Rückrunde plötzlich nicht mehr funktioniert habe: „Wir waren uns einig, dass unser Team mehr Erfahrung brauchte. Wir brauchten mehr Verlässlichkeit.“

Den entscheidenden Satz aber sagt Mutzel kurz bevor er aus dem Penthouse im siebten Stock zurück in die HSV-Zweitliga-Wirklichkeit im Erdgeschoss muss. „Ich glaube an diese Konstellation“, sagt er. „Sonst hätte ich es auch nicht gemacht.“