HSV-Boss Hoffmann

"Ich wäre froh, wenn wir nächste Saison oben dranbleiben"

Bernd Hoffmann, Vorstandsvorsitzender des Hamburger SV.

Bernd Hoffmann, Vorstandsvorsitzender des Hamburger SV.

Foto: HA / Mark Sandten

Bernd Hoffmann bezieht im Gespräch mit Abendblatt-Chef Lars Haider Stellung zur HSV-Krise – und überrascht beim Saisonziel.

Hamburg. Der HSV kann mit Gehältern, wie sie bei Mainz 05 oder dem SC Freiburg gezahlt werden, nicht mehr mithalten. Das sagt der Vorstandsvorsitzende des Hamburger Sport-Vereins, Bernd Hoffmann, in einem Gespräch mit Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider für die Reihe „Entscheider treffen Haider“.

Und Hoffmann warnt: „Der Aufstieg in die Erste Liga wird ein unfassbar schwieriges Unterfangen.“ Sollte er im nächsten Jahr gelingen, wäre das „ein größeres Fest als die Teilnahme an der Champions-League für einen Erstliga-Club“. Die Zusammenarbeit mit dem neuen Trainer Dieter Hecking sei bestens angelaufen, so Hoffmann: „Es fühlt sich schon sehr gut an. Mein Wunsch ist, dass wir so lange wie möglich zusammenarbeiten.“

Hören Sie hier den ganzen Podcast mit HSV-Boss Bernd Hoffmann.

Das sagt Bernd Hoffmann über …

die schlechte Rückrunde:

„Ich habe ja mal davon gesprochen, dass der sportliche Bereich kollabiert ist. Jeder Einzelne hatte ein Thema, bei dem einen war es eine Verletzung, bei dem anderen die Vertragssituation und, und, und.“

… die Frage, ob der Nicht-Aufstieg auch etwas Gutes hat:

„Bei aller Wertschätzung für die Zweite Liga: Eine Saison dort hat für den HSV per se nichts Gutes. Der Nicht-Aufstieg verzögert Entwicklungen, gerade finanzielle, erheblich. Klar ist aber auch: Durch den Nicht-Aufstieg wurde der gesamte sportliche Bereich noch einmal wie durch ein Brennglas beleuchtet. Das hat ja auch zu den ganzen Veränderungen geführt.“

… die Fans:

„Wir erfahren eine überragende Unterstützung durch die Fans. Die Begeisterung für den Club ist in Hamburg noch mal gewachsen, das ist heute nicht anders als im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, als wir siebenmal in Folge im Europapokal mitgespielt haben.“

… die wirtschaftliche Situation des HSV:

„Wir haben im vergangenen Jahr sehr viel aufgeräumt. Ganz wichtig war dabei die Reduzierung der Kosten für den Spielerkader von 56 Millionen auf gut 26 Millionen Euro. Wir haben die Lizenz für die kommende Saison ohne Probleme und ohne Auflagen erhalten. Dazu hatten wir zusätzliche Einnahmen im Vermarktungsbereich, unser Zuschauerschnitt war besser als geplant, und im Pokal haben wir netto fünf Millionen Euro mehr eingenommen, als wir erwartet hatten. Hätten wir nicht so viele Abschreibungen auf Spieler gehabt, hätten wir die Zweitliga-Saison erstaunlicherweise mit einem positiven Ergebnis abgeschlossen.“

… den Wendepunkt in der sportlichen Geschichte des HSV:

„Eine Bruchstelle waren die viel beschworenen drei Spiele gegen Werder Bremen mit dem Ausscheiden im Halbfinale des DFB- und des Europapokals im Jahr 2009. Es ist sehr schade, dass der damalige Sportchef Dietmar Beiersdorfer, Trainer Martin Jol und ich als Vorstandsvorsitzender nicht in der Lage waren, diese Halbfinalteilnahmen und den fünften Platz in der Liga als Erfolg wahrzunehmen. Am Ende waren Jol und Beiersdorfer weg, und ich war schwer angeschossen. Wenn es einem gut geht, und dem HSV ging es damals gut, macht man leider schnell mal große Fehler. Wir hätten einfach alle zwei Wochen Urlaub machen sollen, um dann gemeinsam weiterzuarbeiten.“

… den Druck beim HSV:

„Für jeden Spieler, der zu uns kommt, ist die große Aufmerksamkeit, die dem HSV in der Stadt, aber auch in Deutschland widerfährt, eine Herausforderung. Wenn du beim HSV bist und spielst schlecht, wirst du in den sozialen Medien hundertfach dafür kritisiert. Das ist in Aue oder selbst in Hoffenheim anders. Es kommt hinzu, dass man den HSV eben nach wie vor nicht als einen Zweitligaverein wahrnimmt, auch wenn er das nun leider ist. Wenn die Spieler vor 50.000 Zuschauern im Volksparkstadion gegen Heidenheim antreten, dann führt das nicht dazu, ein Zweitliga-Gefühl zu vermitteln, aus dem man sich dringend herausarbeiten muss.“

… das 4:0 in der Rückrunde gegen den FC St. Pauli:

„Möglicherweise ist es kein Zufall, dass nach dem Sieg gegen den FC St. Pauli, der ja wie ein Erfolg in der Champions League gefeiert wurde, unsere sportliche Krise erst richtig begann. Viele haben offensichtlich gedacht: Mit dem Sieg haben wir das größte Saisonziel jetzt erreicht. Künftig muss allen klar sein: Mit einem Sieg gegen den FC St. Pauli haben wir gar nichts erreicht.“

… das Ziel Aufstieg:

„Einerseits wäre es Unfug, als ein Verein wie der HSV so zu tun, nicht in die Erste Liga aufsteigen zu wollen. Das würde auch unserem Selbstverständnis nicht entsprechen. Andererseits wird der Aufstieg ein unfassbar schwieriges Unterfangen. Wenn wir jetzt nicht damit beginnen und bis zum 34. Spieltag hart arbeiten, dann werden wir es wieder nicht schaffen. Wir werden die Zweite Liga auch im nächsten Jahr nicht dominieren können, und ich wäre froh, wenn wir bis zum letzten Spieltag oben dranbleiben.“

… die Trennung von Trainer Hannes Wolf:

„Es hat nie eine Mannschaft gegeben, die in der Rückrunde im Vergleich zur Hinrunde so wenig Punkte geholt hat wie wir in diesem Jahr. Dass Hannes Wolf mit seinem Team die Ausgangsposition, die wir als Herbstmeister hatten, verspielt hat, hat uns zu der Trennung bewogen. Diese Entwicklung wäre für ihn eine zu große Hypothek für die neue Saison gewesen. Schon beim nächsten Vorbereitungsspiel, das missglückt wäre, hätte die Trainerdiskussion begonnen. Außerdem ist uns im Vorstand klar geworden, dass ein junger Trainer für die besondere Situation beim HSV nicht die richtige Wahl ist.“

… die Trennung von Sportvorstand Ralf Becker:

„Wir mussten uns der Frage stellen, wie sich der sportliche Bereich in den nächsten Jahren entwickeln kann. Und dann muss man eine Entscheidung treffen. Auch wenn sie für einige überraschend sein mag, ist sie möglicherweise konsequent. Wir glauben, dass wir genau die neue Konstellation mit Jonas Boldt als Sportvorstand und Dieter Hecking als Trainer für die nächsten, schwierigen Jahre brauchen. Mein Wunsch ist, dass wir so lange wie möglich zusammenarbeiten. Es fühlt sich schon sehr gut an.“

… den neuen Trainer Dieter Hecking:

„Der HSV ist für jeden, der in Deutschland mit Fußball zu tun hat, ein spannendes Thema, unabhängig von der Ligazugehörigkeit. Bei Dieter Hecking kommt hinzu, dass ich schon in meiner ersten Amtszeit zweimal versucht habe, ihn zum HSV zu holen. Die Nähe war da. Und dann hat es natürlich auch einen besonderen Reiz, bei diesem Projekt von Anfang an dabei zu sein. Ein Aufstieg mit dem HSV wäre auch für einen Trainer ein größeres Fest als die Teilnahme an der Champions League mit einem Erstliga-Club. Den HSV wieder zurück nach oben zu führen, ist eine Verlockung.“

… die neue Mannschaft:

„Wir müssen abwarten, welchen Kader wir am 31. August haben. Aktuell stehen bei uns 35 Lizenzspieler unter Vertrag. Ich bin sicher, dass wir eine sehr spannende Mannschaft auf dem Platz haben werden. Die ganz große Herausforderung ist zu verhindern, dass Spieler gefühlt schlechter werden, wenn sie zum HSV kommen. Wir müssen uns nach den Entwicklungen der vergangenen Jahre fragen, ob das sportliche Umfeld leistungsfördernd oder leistungshemmend ist. Und es wäre wünschenswert, wenn die Spieler das Gefühl hätten, dass der Trainer, mit dem sie gerade arbeiten, auch am Saisonende noch da ist.“

… das Ziel des HSV:

„Wir wollen am Ende der Saison ein normaler Club sein, der nicht über die Einflussnahme von Investoren und die Teilnahme an europäischen Wettbewerben diskutiert. Mittelfristig wollen wir wieder zum Mittelstand der ersten Bundesliga gehören.“

… die Frage, ob der HSV jemals wieder an seine großen Zeiten anknüpfen kann:

„Aktuell brauchen wir nicht darüber nachzudenken. Aktuell haben wir nicht einmal die Chance, Gehälter zu stemmen wie Mainz 05 oder der SC Freiburg. Deswegen verbietet es sich, über den fünften Schritt zu sprechen, bevor man den ersten macht.“