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Todt vor dem endgültigen Aus: "Die Enttäuschung war groß"

Seit einem Dreivierteljahr ist Jens Todt als HSV-Sportchef freigestellt – bis zum 31. Dezember.

Seit einem Dreivierteljahr ist Jens Todt als HSV-Sportchef freigestellt – bis zum 31. Dezember.

Foto: ValeriaWitters / WITTERS

Jens Todt wurde am 8. März als HSV-Sportchef beurlaubt, doch seinen offiziell letzten HSV-Tag hat er erst am Montag.

Hallo. Wie geht’s? Und dann ist Jens Todt auch schon beim HSV. Wie sich denn Trainer Hannes Wolf so schlage, will der frühere Manager wissen. Und Nachfolger Ralf Becker? Für den direkten Wiederaufstieg habe er jedenfalls ein gutes Gefühl, sagt Todt. Ein sehr gutes Gefühl. „Wenn man auch diese mittelmäßigen Spiele gewinnt, in denen es sehr knapp zugeht wie zum Beispiel in Aue, dann steigt man auf.“ Er verfolge ja immer noch jedes Spiel, das er gucken könne, sagt der 48-Jährige. „Meine ganze Familie fiebert noch mit dem HSV mit, besonders mein Sohn.“

Einerseits ist Todts Interesse am HSV verblüffend. Immerhin ist es bereits neuneinhalb Monate her, dass er als Sportchef freigestellt wurde. Am Telefon. Durch den damaligen Alleinvorstand Frank Wettstein. Andererseits wird Todt vom HSV immer noch bezahlt. Noch drei Tage. Bis zum 31. Dezember. Dann ist der HSV Todt los – und Todt HSV- und arbeitslos.

Was Todt an Arbeitslosengeld zustünde

Jens Todt sitzt in der Yakshi’s Bar des East Hotels, bestellt einen Espresso und eine Rhabarberschorle. Man merkt, dass er die Frage, ob er sich eigentlich arbeitslos melden werde, noch nicht oft gehört hat. Dabei ist die Frage gar nicht so abwegig. Als Direktor Profifußball, so sein offizieller Titel beim HSV, hat er natürlich genauso Beiträge eingezahlt wie jeder andere Angestellte auch.

Wenn er am Mittwoch zum Arbeitsamt ginge und die sogenannten Anspruchsvoraussetzungen prüfen ließe, würde ihm als Gutverdienender der Höchstsatz an Arbeitslosengeld zustehen. 2368,20 Euro. Dazu kommen noch Renten-, Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge. Alles in allem also rund 3800 Euro. Monatlich. Todt schüttelt ungläubig den Kopf. „Das habe ich bisher noch nie gemacht und habe ich auch nicht vor.“

Auch seine private Krankenversicherung laufe ganz normal weiter. Nur dass ab dem 1. Januar sein bisheriger Arbeitgeber, der HSV, eben nicht mehr die Hälfte übernimmt.

„Ich war dann mal weg“

Todt nimmt einen Schluck Rhabarberschorle. Noch immer wird er auf diese oder jene Partie angesprochen, muss über Spieler Auskunft geben und wird um eine sportliche Einschätzung gebeten. Nur über die eigene Arbeitslosigkeit wird er so gut wie nie befragt. „Ich habe mich in den ersten Wochen und Monaten nach meiner Freistellung ganz bewusst zurückgezogen. Ich war dann mal weg, war komplett abgetaucht“, sagt er. „Und das war auch genau richtig so.“

Natürlich wird er am kommenden Montag nicht mit einem Pappkarton und seinen Habseligkeiten aus dem Volkspark spazieren. Alles, was es zu regeln gibt, hat Todt längst geregelt. „Mein Handy und meinen Dienstwagen habe ich sofort abgegeben. Auch meine Handynummer habe ich schnell zurückgegeben und mir eine neue besorgt.“ Am 8. März gegen 9 Uhr morgens wurde Todt freigestellt, am 11. März um kurz nach 14 Uhr schrieb er via WhatsApp an die „lieben Freunde, Kollegen und Geschäftspartner“, dass er ab sofort unter neuen Kontaktdaten zu erreichen sei.

Das Kapitel HSV war schnell beendet und ist gleichzeitig noch immer nicht abgeschlossen. „Als die Sache in Hamburg vorbei war, habe ich schon gespürt, dass ich von einem großen Druck befreit bin. Gleichzeitig war die Enttäuschung groß“, sagt Todt sehr ehrlich. „Beim HSV ist es doch so: Man weiß, dass es eine schwierige, herausfordernde Aufgabe wird, an der schon viele gescheitert sind. Umso mehr will man derjenige sein, der es richtig macht und es als Erster schafft. Und dann ist man natürlich enttäuscht, wenn man es nicht geschafft hat.“

Todt hat schon einmal das „Hamsterrad“ verlassen

Dabei war Todt nicht der Einzige, der es beim HSV nicht schaffte. Erst flog Clubchef Heribert Bruchhagen, dann Todt, dann Trainer Bernd Hollerbach – und am Ende stieg der HSV trotzdem ab. „Ich habe ganz genau gewusst, worauf ich mich in Hamburg einlasse. Und trotzdem ist man am Ende enttäuscht“, sagt Todt, der in seiner Karriere dreimal selbst kündigte und dreimal gekündigt wurde. Eine so lange Zeit ohne Job war er aber noch nie. „Seit ich raus bin aus der Schule, hatte ich noch nie eine so lange Pause“, sagt er. „Bei mir ging es immer zack, zack, zack. Zeit für einen richtig langen Urlaub oder für mich hatte ich kaum.“

Doch was macht man, wenn man von einem auf den anderen Tag nichts mehr machen muss? Und wie lebt es sich außerhalb dieses lauten und bunten Zirkuszeltes Profifußball? Todt lächelt und greift zum Espresso. „Ich hatte einen wunderschönen Sommer in Potsdam, habe Dinge gemacht, zu denen man sonst nicht kommt: das Haus gestrichen, Umbauarbeiten angestoßen, die Fenster machen lassen“, sagt er. „Und vor allem habe ich Sport gemacht, viel Sport.“ Das alles habe ihm gutgetan. „Ich bin jetzt auch nicht nervös. Klar will ich gern wieder arbeiten. Aber solange ich zu Hause geduldet werde, genieße ich meine Zeit mit der Familie.“

Todt ist keiner von diesen Ex-Profis, die sich außerhalb der Blase Fußball nicht zurechtfinden. Direkt nach dem Ende seiner Sportlerkarriere hat er zunächst bei Hertha BSC als Scout gearbeitet, ehe er von sich aus kündigte, um „das Hamsterrad zu verlassen“. Und um neue Wege zu gehen. Er machte ein Praktikum beim „Spiegel“, wurde als Volontär übernommen. Für 1800 Euro brutto. „Ich habe wirklich mein Leben umgekrempelt. Ich musste damals etwas machen, weil die Mischung aus An- und Entspannung nicht gestimmt hat“, sagte er seinerzeit dem Abendblatt.

Todt traf Ex-HSV-Profi Son

Doch die Droge Fußball lässt auch ihn nicht los. Nach drei Jahren beim „Spiegel“ betrat er erneut das Zirkuszelt Profifußball. Die neue Aufgabe: Nachwuchschef beim HSV. Und auch jetzt will Todt wieder zurück in die Manege. „Ich kann mir alles vorstellen“, sagt er. Soll heißen, er schließt nicht aus, irgendwann wieder etwas ganz anderes zu machen. „Durch meine Pause bin ich aber nicht abgestumpft vom Profifußball. Wie das Geschäft funktioniert, wusste ich ja schon vorher“, sagt der Ex-Sportchef, der sich auch innerhalb des Fußball-Zirkus einen Rollenwechsel vorstellen kann: „Ich bin der festen Überzeugung, dass man heutzutage nicht mehr nur einen Job in seinem Leben ausübt. Meine Tochter zum Beispiel, die 19 Jahre alt ist, wird sich darauf einstellen müssen, mehrfach in ihrem Berufsleben den Job zu wechseln.“

Um auf seine nächste Herausforderung optimal vorbereitet zu sein, hat Todt vor ein paar Wochen den Schalter wieder in Richtung Fußball umgelegt. Er war zehn Tage in Japan, hat sechs Spiele der J-League, der asiatischen Champions League und der Uniliga gesehen. In London war er beim Blockbuster zwischen Tottenham und Liverpool, hat sich mit dem früheren HSV-Profi Heung-Min Son getroffen. Und in Moskau war er mit Lokomotives Chefscout Willi Kronhardt verabredet und schaute sich ein Youth-League-Spiel zwischen Moskau und Galatasaray an.

Was genau wünscht sich also einer für das Jahr 2019, der wieder „back to business“ will? Eine Sportchefdebatte hier? Eine Managerentlassung dort? Todt schüttelt den Kopf. Erst einmal wolle er nur Silvester feiern. In der Nachbarschaft in Potsdam. Und dann habe er tatsächlich einen Neujahrswunsch. Genau genommen sogar zwei. Erstens will er sein Sportprogramm weiter durchziehen, „vielleicht sogar intensivieren“. Und zweitens: „Regelmäßig mit dem Hund spazieren gehen.“