HSV

Hunt und Holtby treffen zum Sieg – aber einer stänkert

Schlussjubel des HSV

Schlussjubel des HSV

Foto: ThorstenWagner / WITTERS

Beide Führungsspieler stützen beim 2:1 des HSV in Darmstadt Trainer Christian Titz. Doch es gibt Kritik von einer HSV-Legende.

Darmstadt. Um 20.23 Uhr erlaubte sich HSV-Trainer Christian Titz nur einen minimalen Gefühlsausbruch. Die Hand kurz zur Faust geballt, eine Ratzfatz-Umarmung mit dem bereits ausgewechselten Lewis Holtby, dann war auch schon wieder gut. 2:1 hatte sein HSV die Partie gegen Darmstadt 98 gewonnen, die seit Tagen zum Endspiel für den Trainer deklariert worden war. „Christian Titz, Christian Titz!“, riefen die HSV-Fans auf der gegenüberliegenden Tribüne, die sich der Besonderheit der Situation bewusst waren. Ob er erleichtert sei? „Natürlich“, sagte der 47-Jährige, „aber ich freue mich vor allem, dass die Mannschaft nach dieser schwierigen Woche die richtige Antwort gefunden hat. Ich glaube, es war ein verdienter Sieg für uns.“

Ähnlich wie am Vortag auf der Pressekonferenz hatte sich Titz auch am Böllenfalltor keinerlei Anspannung anmerken lassen. Vor dem Anpfiff schüttelte der dauerlächelnde Coach viele Hände, hielt hier ein Schwätzchen und winkte dort fröhlich in die Kameras.

Titz-Endspiel? Der Trainer vertraute auch den Jungen

Mangelnde Gelassenheit konnte man dem dritten HSV-Trainer in diesem Kalenderjahr also genauso wenig vorwerfen wie fehlenden Mut. Denn obwohl in den vergangenen Tagen landauf, landab über ein mutmaßliches Titz-Endspiel spekuliert worden war, entschied er sich in Darmstadt für die drittjüngste Startelf der HSV-Geschichte. 23,4 Jahre jung im Schnitt war die Kindergartenauswahl, auf die Titz von Anfang an setzte. Doch Mut wird ja bekanntermaßen belohnt, sagt der Volksmund. Der griechische Naturphilosoph Demokrit ging sogar noch einen Schritt weiter: „Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende.“

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In Darmstadt sollten jedenfalls der Volksmund als auch Demokrit recht behalten. Es dauerte nicht einmal ein Viertelstündchen, ehe die erste schöne HSV-Kombination seit einer gefühlten Ewigkeit auch direkt belohnt wurde. Ironie des Schicksals: Mit Vorlagengeber Lewis Holtby (28) und Vollstrecker Aaron Hunt (32) waren es ausgerechnet die Oldies der HSV-Rasselbande, die für die frühe Führung sorgten. Einerseits. Und die andererseits in den vergangenen Wochen am meisten kritisierten Hamburger, die ihrem unter Beobachtung stehenden Trainer einen etwas entspannteren Abend bereiteten.

Felix Magath schimpfte bei Sky

Allzu entspannt dann aber auch wieder nicht. Dafür sorgten nicht nur die 17.400 giftigen Darmstädter am Böllenfalltor, sondern auch der nicht weniger giftige Ex-Hamburger Felix Magath im TV-Studio im fernen München. Bei Sky schimpfte er, dass die Zeit der Märchenerzähler vorbei sei. Und auch HSV-Trainer Titz sei ein Erzähler, der nicht das Kaliber eines Pal Dardai (Hertha) habe. Scharfe Worte der HSV-Legende.

Unstrittig ist allerdings, dass Märchenerzähler Titz kurz vor der Pause am Spielfeldrand Khaled Narey offenbar genau die richtigen Worte ins Ohr flüsterte. Dieser kam dann kurze Zeit später für den schwachen Tatsuya Ito und brauchte nur wenige Sekunden auf dem Platz, um Hamburgs angepeiltes Darmstadt-Märchen fortzuschreiben.

Seinen Pass verwandelte Holtby zielsicher ins untere Eck (45.), um dann anschließend nicht weniger zielsicher dem erleichterten Titz in die Arme zu springen. 2:0 nach 45 Minuten – was für ein herrliches Zwischen-Happy-End dieser ersten Halbzeit. Oder doch nicht?

Auch Bernd Hoffmann bekam sein Fett weg

Sky-Experte Magath hinter den sieben Bergen im fernen München kritisierte jedenfalls auch in der Halbzeitpause munter weiter: „Wenn die Motivation jetzt ist, für den Trainer zu spielen, dann ist das ehrenwert, aber diese Motivation kann man nicht die ganze Saison aufrechterhalten. Ich habe meinen Spielern immer gesagt, sie sollen für den Verein spielen.“ Einmal in Form, erzählte Magath weiter: „Es spricht nicht für den Verein, dass Trainer und Spieler mit dem gleichen Berater daherkommen. (Titz, Holtby und Christoph Mortiz werden von Markus Noack beraten, die Red.) Da schüttelt es mich.“

Und last but not least bekam auch Vorstandschef Bernd Hoffmann sein Fett weg: „Ich weiß nicht, ob der HSV da die richtige Konstellation hat. Hoffmann ist derjenige, der dem HSV den Marketingvertrag gegeben hat, der den HSV jahrelang geknebelt hat. Mir ist es jedenfalls grundsätzlich wohl, wenn jemand mit sportlicher Kompetenz in der Führung sitzt wie beispielsweise ein Hans Mayer bei Mönchengladbach.“

"Der Aufstieg ist mit Titz ein Glücksspiel"

Bei so viel Halbzeit-Entertainment hätte man fast das eigentliche Unterhaltungsprogramm vergessen können. Doch anders als in Halbzeit eins, als der erste Höhepunkt nicht lange auf sich warten ließ, entschied sich die Titz-Mannschaft in Halbzeit zwei für die Variante safety first. Doch wirklich sicher war es dann ganz und gar nicht, was die Hamburger ihren mehr als 2000 mitgereisten Fans (darunter auch Ex-HSV-Profi Nicolai Müller) zumuteten.

Richtig spannend wurde es allerdings erst, als Stürmer Serdar Dursun kurz vor Schluss der Anschlusstreffer zum 1:2 gelang. Nach 95 langen Minuten konnte Coach Titz endlich durchatmen – und sich über die warmen Worte von Rick van Drongelen freuen. „Alle Spieler stehen hinter Christian, wir glauben an unseren Trainer“, sagte der Verteidiger. „Er ist der Beste für jeden Spieler, er lässt uns Fußball spielen.“

Die Trainerdiskussion dürfte also vorerst gestoppt sein. Oder? Für Magath nicht. „Der HSV muss einen anderen Anspruch haben, als einen Unbekannten aus der Jugend zu holen und ihm solch eine Aufgabe anzuvertrauen“, sagte der 65-Jährige. Mit Titz sei der angepeilte Aufstieg ein Glücksspiel. Die HSV-Führung sollte eher „jemanden verpflichten, von dem man von vorneherein sagen kann: Das ist einer, mit dem man aufsteigen kann“.