HSV-Torjäger

Lasogga liebt die Zweite Liga: „Ich brauche Körperkontakt“

Foto: TayDucLam / WITTERS

Das 3:0 hat deutlich gezeigt, dass sich der HSV in der Arbeiterklasse Zweite Liga Siege eher erkämpfen als erspielen muss.

Hamburg.  Am Dienstagvormittag durften es die Hamburger Fußballprofis ruhig angehen lassen. Eine knappe halbe Stunde Fahrradfahren durch den Volkspark, ein bisschen Krafttraining, ein wenig Massage – und Feierabend. „Die Jungs mussten diesmal ziemlich hart für den Erfolg arbeiten“, erklärte Trainer Christian Titz, als er den 3:0-Sieg gegen Arminia Bielefeld vom Vorabend noch einmal rekapitulieren sollte. Die Quintessenz am Morgen danach: Titz’ HSV hatte sich den ersten Heimsieg nicht wirklich erspielt. Sondern erkämpft.

Es war kurz vor 23 Uhr am Abend zuvor, als Hamburgs Prototyp eines Malochers durch die Katakomben des Volksparkstadions stapfte. Freier Oberkörper, verdreckte Knie, runtergekrempelte Stutzen. Pierre-Michel Lasogga wirkte wie ein erschöpfter, aber glücklicher Gladiator, der seinen Hauptkampf gerade erfolgreich hinter sich gebracht hatte. „Es war ein hartes Stück Arbeit“, sagte jener Lasogga. Nicht einmal oder zweimal. Sondern fünfmal: harte Arbeit, harte Arbeit, harte Arbeit, harte Arbeit und noch einmal: harte Arbeit.

Lasogga hatte ein Tor erzielt, indem er mit nur einer Bewegung Bielefelds Hintermannschaft auswackelte, und ein zweites Tor, weil er einen Strafstoß ziemlich humorlos ins Netz drosch. Doch auf die Siegerstraße hatte der HSV-Arbeiter seine Mannschaft vor allem dadurch gebracht, weil er vor Lewis Holtbys Führungstreffer zum 1:0 siegreich aus dem Nahkampf mit Bielefelds Torhüter Stefan Ortega hervorging.

Titz: Lasogga opfert sich für die Mannschaft

„In England hat Pierre in der Zweiten Liga gelernt, seinen Körper so brutal einzusetzen“, lobte Holtby, dem es nicht entgangen war, dass ein gewisser Körpereinsatz auch in Deutschlands Zweiter Liga guttut. Und sogar Lasogga selbst wollte keinen Hehl daraus machen, dass auch er sich jede Szene im Spiel hart erarbeiten muss: „Ich bin ja kein Konterstürmer oder einer, der an fünf Gegenspielern vorbeidribbelt. Ich brauche den Körperkontakt, ich bin in der Box zu Hause“, sagte der Angreifer. „Die Box, das ist mein Arbeitsbereich. Da bin ich gefährlich. Das ist gerade in dieser Liga enorm wichtig, so einen Spieler wie mich zu haben. Ich versuche mich überall reinzuhauen.“

Lasogga, geboren in Gladbeck, mitten im Pott. Eine Bergarbeiterstadt, in der bis Anfang der 70er-Jahre Kohle abgebaut wurde. Die letzte Zeche wurde vor Jahrzehnten dichtgemacht, aber wie man die Ärmel hochkrempelt, das hat man hier angeblich noch immer in den Genen. „Ich mag es“, sagte Lasogga, „mich so richtig reinzuhauen.“

Es gehört wohl zu den Besonderheiten des Fußballs, dass ausgerechnet Facharbeiter Lasogga, bestbezahlter Zweitliga-Fußballer aller Zeiten, als eine Art Vorzeigeprofi der Arbeiterklasse gilt. Maserati-Fahrer und Malocher. „Pierre ist ein Kämpfer“, sagte Trainer Titz. „Er opfert sich für die Mannschaft auf, schuftet 90 Minuten lang.“

Lasogga gewinnt doppelt so viele Zweikämpfe wie Verteidiger van Drongelen

Anders als in der Bundesliga soll Fußball in der Zweiten Liga nicht zuallererst gespielt werden. Sondern gearbeitet. „Das hat man auch gegen Bielefeld in vielen Szenen gesehen“, sagte Titz. „Man muss immer aufpassen, dass man sich nicht in den Zweikämpfen aufreibt.“

Am Montag hatte Lasogga (10) fast doppelt so viele Zweikämpfe gewonnen wie Innenverteidiger Rick van Drongelen (6). „Das Wichtigste ist, dass ich der Mannschaft mit meinem Einsatz helfen konnte“, sagte Lasogga, dem wohl nur selten nachgesagt wird, dass er besonders schnell, trickreich oder spritzig sei. Dafür aber unglaublich fleißig.

Das ist Lasoggas Plan für Dresden

Doch stimmt es überhaupt, dass in der Zweiten Liga fundamental anders als in der Bundesliga gespielt wird? Blut, Schweiß und Tränen statt Technik, Taktik und Raffinesse? „Besonders im Defensivverhalten ist da schon was dran“, sagte Titz, der als Hauptstilmittel vieler Zweitligisten die Variante „langer Ball und dann der zweite Ball“ ausgemacht hat.

Und siehe da: Rein statistisch hat der Fußballlehrer recht. Der „Spiegel“ hatte sich vor nicht allzu langer Zeit die Spielzeiten 2015/16 und 2016/17 vorgenommen und ist beim Vergleich der Zweiten und Ersten Liga zu interessanten Erkenntnissen gekommen: In der Zweiten Liga wird mehr gefoult (16,6 Fouls pro Spiel und Team zu 14,6), schlechter gepasst (75,4 Prozent Passquote zu 72,3) und mehr gekämpft (210:193 Zweikämpfe). Vor allem aber werden in der „Lasogga-Liga“ mehr lange Bälle gespielt (75,7 pro Team und Spiel gegenüber 69,9 in der Bundesliga).

„Auch in einem 3:0 steckt sehr viel harte Arbeit“, sagte am Montagabend der verschwitzte Lasogga, der nicht lange brauchte, um nach dem Sieg schon wieder ans nächste Wochenende zu denken. „In Dresden wird es genauso zugehen. Das wird wieder sehr viel harte Arbeit sein, viel Kampf“, analysierte der Torjäger. „Wer die meisten Zweikämpfe für sich entscheidet, wird da am Ende auch als Sieger vom Platz gehen.“

Eine These, die aber auch in der Arbeiterklasse Zweite Liga nur bedingt gestützt werden kann. Gegen Bielefeld konnten die Hamburger lediglich 47,3 Prozent ihrer Zweikämpfe gewinnen, Lasogga sogar nur 32 Prozent. „Man muss auch Luft nach oben haben“, relativierte Trainer Titz, der es mit der harten Arbeit dann auch nicht übertreiben will: Am heutigen Mittwoch ist frei.