Peinlicher Saisonauftakt

Wie der HSV die Spielkontrolle gegen Kiel verloren hat

| Lesedauer: 7 Minuten
Henrik Jacobs und Kai Schiller

Nach dem 0:3 gegen Kiel ist der Druck beim HSV groß. Diskussionen über Teamstruktur und System. Was jetzt besser werden muss.

Hamburg.  Es war einmal ein beliebter Fußballverein aus dem Norden, der stieg das erste Mal in seiner Geschichte in die Zweite Bundesliga ab. Eine Betriebsunfall, dachten alle. Doch dann verlor der Verein gleich sein erstes Heimspiel in der neuen Liga gegen einen absoluten Außenseiter. 1:2 gegen den 1. FC Bocholt. Ein peinlicher Auftakt. Die Rede ist von Werder Bremen. Am 9. August 1980 war das. Tristesse herrschte im Weserstadion.

38 Jahre später müsste man diesen ersten Absatz an nur vier Stellen verändern, schon wäre man beim peinlichen 0:3 des HSV gegen Holstein Kiel am Freitag angelangt. Tristesse im Volksparkstadion. Doch um den frustrierten HSV-Fans gleich einen Mutmacher mit auf den Weg zu geben: Werder kehrte nach dem Fehlstart am Ende der Saison als souveräner Tabellenführer zurück in die Bundesliga. Ein Beispiel, das auch für den HSV gelten könnte?

Am Wochenende nach dem historischen Fehlstart in der Zweiten Liga wollten sich die Verantwortlichen im Volkspark mit solchen Geschichten nicht beschäftigen. Zu offensichtlich waren die Mängel, die der HSV gegen Holstein Kiel offenbart hatte. Der Druck auf den Club scheint bereits vor dem zweiten Spieltag beim SV Sandhausen gewaltig. Sollte Dresden oder Duisburg an diesem Montag im direkten Duell nicht deutlich gewinnen, reist der HSV sogar als Schlusslicht nach Sandhausen.

HSV verlor wegen schwacher Zweikampfbilanz

Deutliche Worte für die Situation fand Hamburgs Sportvorstand Ralf Becker. „Wir werden nicht erfolgreich sein, wenn wir versuchen, über unsere Spielidee die Spiele zu gewinnen. Das ist gut und wichtig“, sagte Becker, ehe er eine Mahnung an seine Mannschaft richtete. „Die Basis wird immer sein, als Mannschaft dagegenzuhalten. Vor allem auch in dieser Liga. Das war gegen Kiel bitter zu spüren“, so Becker.

Eine Botschaft, die Chefcoach Christian Titz vernommen haben dürfte. Schließlich war es vor allem die Diskussion um das Spielsystem des Trainers, die nach dem Kiel-Spiel geführt wurde. Muss der HSV in der Zweiten Liga anders spielen? Die Hamburger hatten versucht, die Auftakt-Aufgabe mit fußballerischen Mitteln zu lösen. 429:327 gespielte Pässe belegen, dass der HSV eigentlich über die Spielkontrolle verfügte. Doch die Kontrolle und letztlich das Spiel verloren die Hamburger aufgrund einer desaströsen Zweikampfstatistik. So gewann etwa David Bates als Innenverteidiger nur 20 Prozent seiner Duelle.

Kommentar: Kein Grund zur Panik: Titz muss seiner Linie treu bleiben

Der nervöse Auftritt des Neuzugangs aus Schottland zeigte auf, dass der HSV sich mit der Suche nach einem neuen Innenverteidiger nicht mehr allzu viel Zeit lassen sollte, auch wenn mit Albin Ekdal (siehe Text unten) und dem wiedergenesenen Stephan Ambrosius zwei weitere Alternativen für das Abwehrzentrum wieder zur Verfügung stehen. Die kurzfristigen Probleme wird der junge Ambrosius (19) aber sicher nicht lösen können. Der HSV musste sich denn auch gleich die Frage anhören, ob die Mannschaft noch zu jung sei. Mit im Schnitt 23,5 Jahren stand gegen Kiel die jüngste HSV-Mannschaft in einem Punktspiel seit 46 Jahren auf dem Platz.

Sportchef Becker wollte einen Zusammenhang zwischen der jungen Mannschaft und dem Fehlstart nicht von der Hand weisen. „Wir freuen uns alle, dass wir eine junge Truppe haben. Das ist gut und ein wichtiger Weg für uns. Trotzdem kann es sein, dass bei so einer Atmosphäre der eine oder andere Junge etwas Zeit braucht. Das ist ganz normal. Es ist unsere Aufgabe, einen guten Mittelweg zu finden.“

Kiel wurde immer stärker

Auch deshalb soll der neue Innenverteidiger möglichst über Erfahrung in der Zweiten Liga verfügen. „Es sollte jemand sein, der uns sofort hilft. Gerade in der jetzigen Situation, in der man gleich unter Druck steht“, sagte Becker. „Deswegen suchen wir jemanden, der die Qualität, aber auch die Erfahrung und Mentalität hat, seinen Mann zu stehen, wenn es etwas stürmisch wird.“

Hier erklärt Trainer Titz die HSV-Klatsche gegen Kiel

Dass es für den HSV eine stürmische Saison werden könnte, ist spätestens nach dem Auftritt gegen Kiel klar. Die Schleswig-Holsteiner spielten nach anfänglicher Nervosität frei auf, wurden immer mutiger und feierten den Sieg in Hamburg am Ende wie eine Meisterschaft. Genauso wird es dem HSV auf allen Plätzen der Liga ergehen. „Das ist ja keine Floskel mit dem Pokalspielcharakter“, sagte Becker. „Gegen den HSV zu spielen wird ein besonderes Spiel für jede Mannschaft sein. Da müssen wir immer hundert Prozent bringen. Immer alles abliefern.“

Und das tat der HSV am Freitag insbesondere in der zweiten Halbzeit nicht. Für Trainer Titz besteht trotz aller aufgekeimten Diskussionen kein Anlass, seine grundlegende Idee infrage zu stellen oder gar zu verändern. „Wir wissen, dass wir eine Leistung abgerufen haben, die nicht ausreicht und dass so etwas nicht noch einmal passieren darf. Wir werden jetzt aber nicht alles über den Haufen werfen. Das wäre der falsche Weg.“

Lasogga weiter auf der Bank?

Titz ließ durchblicken, dass Pierre-Michel Lasogga jetzt nicht zwangsläufig ein Startelfkandidat sei, weil der HSV ohne gelernten Stürmer spielte. „Wir hatten ja genügend Chancen, um das Spiel in unsere Richtung zu lenken“, sagte Titz. Vielmehr hofft er auf eine schnelle Rückkehr von Spielmacher Aaron Hunt, der wegen seiner Wadenprobleme heute möglicherweise noch einmal genauer untersucht werden wird.

Von seinem Aufbauspiel über Torwart Julian Pollersbeck wird Titz trotz der Fehlerkette vor dem 0:2 nicht abweichen. Mit 92 Ballkontakten und 60 angekommenen Pässen führte der Keeper zwei wichtige Statistiken an. Hinzu kamen zahlreiche Paraden. Aber eben auch der riskante Pass auf Matti Steinmann, der das entscheidende Gegentor einleitete.

Dass es Titz mit seiner Überzeugung ernst meint und dass er sich von öffentlicher Kritik nicht beeinflussen lässt, hat er vor einem Jahr schon einmal bewiesen. In seinem ersten Spiel als Trainer der U21 musste er sich nach dem 2:2 gegen Norderstedt aufgrund seiner riskanten Spielweise mit Torhüter Morten Behrens Kritik gefallen lassen. Titz blieb bei seiner Spielidee, und die U21 des HSV startete eine Siegesserie. Etwa so wie einst Werder Bremen im Jahr 1980.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: HSV