Bernd Hoffmann

Was den polarisierendsten HSVer aller Zeiten antreibt

Er war dann mal weg – und nach sieben Jahren wieder da: Seit Sonntag ist der frühere Vorstandschef Bernd Hoffmann (55) zurück als HSV-Präsident

Er war dann mal weg – und nach sieben Jahren wieder da: Seit Sonntag ist der frühere Vorstandschef Bernd Hoffmann (55) zurück als HSV-Präsident

Foto: ValeriaWitters / WITTERS

Sieben Jahre nach seinem Abgang als Clubchef ist Bernd Hoffmann zurück – als "leiser Vertreter"? Porträt eines Machtmenschen.

Gerade einmal 90 Minuten plus Nachspielzeit. Viel länger dauerte Bernd Hoffmanns Wahlparty nicht. Im Da Remo an der Hegestraße wurden Minipizzen und gemischte Nudeln gereicht, dazu gab es Vino und vor allem Glückwünsche satt. „Friends and Family“ waren gekommen, alles in allem knapp 30 Unterstützer. Doch bevor die Stimmung allzu euphorisch werden konnte, musste der Star des Abends gegen 21.30 Uhr auch schon wieder los. Dem NDR-Sportclub hatte er leichtsinnigerweise ein Interview versprochen. „Ab jetzt werde ich ein leiser Vertreter im Aufsichtsrat sein“, sagte Hoffmann zu vorgerückter Stunde, als im Da Remo noch immer getafelt wurde. „Aber vor allem bin ich jetzt ganz schön kaputt.“

Daran hat sich auch am ersten Morgen als HSV-Präsident nichts geändert. „Ich muss erst einmal durchschnaufen“, sagt Hoffmann am Montag im Gespräch mit dem Abendblatt. „Die knapp zwei Stunden beim Italiener waren die schönsten knapp zwei Stunden des Wochenendes, der Rest war doch sehr energieraubend.“ Eine kurze Pause werde er sich gönnen, dann gehe die Arbeit so richtig los: „Ich will ja etwas bewegen.“

Knapp sieben Jahre ist es her, dass Hoffmann einen ähnlichen Satz verlautbaren ließ – allerdings im Konjunktiv. „Ich bin sicher, wir hätten noch viel bewegen können“, stand in der Pressemitteilung, die der HSV am 16. März 2011 verschickte, als sich der Aufsichtsrat von Hoffmann (und Vorstandskollegin Katja Kraus) getrennt hatte. Die Entscheidung sei nach „unerträglichen Wochen“ mit großer Mehrheit im zwölfköpfigen Aufsichtsrat gefallen, sagte der Vorsitzende Otto Rieckhoff. Ende. Aus. Vorbei. Das Kapitel Hoffmann war beendet.

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Hoffmann fehlte einst nur eine Stimme

2531 Tage später weiß man es besser. „Ich freue mich sehr über das Vertrauen der Mitglieder, auch wenn es eine knappe Wahl war“, sagte Neu-Präsident Hoffmann am Sonntagabend, ehe er sich auf den Weg ins Da Remo machte.

Während vor sieben Jahren nur eine Aufsichtsratsstimme gefehlt hatte (mit 7:5 stimmte das Gremium für eine Vertragsverlängerung, 8:4 wäre laut Satzung notwendig gewesen), haben diesmal 13 Stimmen zu seinen Gunsten den Unterschied gemacht. Den Unterschied zwischen Jens Meier und Hoffmann, zwischen einem endgültigen Ende-aus-Vorbei und einem noch vor Wochen nicht für möglich gehaltenen Comeback. Der einst vom Hof gejagte ist zurück. Als „Hoffmanns­träger“ für die einen, als Reinkarnation des Bösen für die anderen.

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Hoffmann polarisiert wie kein anderer

Man kann Bernd Hoffmann mögen oder auch nicht. Man kann ihn schätzen oder auch nicht. Nur eines kann man nicht: keine Meinung zu ihm haben. „Hoffmann raus!“, schrien am Sonntag die einen. „So sehen Sieger aus“, konterten die anderen.

Seit Hoffmanns Aus als Vorstandschef 2011 durchliefen neun Chef- und drei Interimstrainer, vier Sportchefs sowie drei Clubchefs den HSV. „Raus“-Rufe gab es nach Hoffmanns Aus nie wieder. Der gebürtige Leverkusener polarisiert nicht nur, er ist der polarisierendste HSVer aller Zeiten.

„Natürlich wird nun wieder viel über zwei Lager gesprochen und geschrieben“, sagt Hoffmann am Montagmorgen. „Aber diese beiden Lager nehme ich gar nicht so krass wahr. Für mich ist es viel bedenklicher, dass sich in unserem Verein eine Lethargie breitgemacht hat, eine gefährliche Müdigkeit.“

Sieben Jahre zuvor klang das ganz ähnlich: „Es bedarf besonderer Anstrengung, den Mehltau zu entfernen, der sich über die Dinge gelegt hat“, sagte Hoffmann, ehe er selbst entfernt wurde.

Als der Streit zwischen Beiersdorfer und Hoffmann eskalierte

Doch was treibt diesen Mann an, trotz aller Anfeindungen immer wieder aufzustehen? „Ich mache seit 30 Jahren Fußballmanagement, das lässt mich auch nicht mehr los. Ich bin HSV-infiziert und fußballsüchtig“, sagt er selbst.

Doch um wirklich zu verstehen, warum der Diplomkaufmann gegen alle Widerstände die HSV-Zukunft mitgestalten will, muss man zunächst in die Vergangenheit schauen. „Ich habe den Wunsch, Dinge zu gestalten und zu entwickeln. Und ich bin bereit, mich an den Ergebnissen messen zu lassen“, sagte Hoffmann in seiner wohl schwierigsten Phase als HSV-Chef im Sommer 2009.

Der HSV hatte gerade das Pokal-Halbfinale verloren. Gegen Werder Bremen. Das Uefa-Pokal-Halbfinale verloren. Gegen Werder Bremen. Und die Qualifikation zur Champions League verspielt. Gegen Werder Bremen. Und als es dann auf das epische Zerwürfnis der einstigen Zweckgemeinschaft zwischen Hoffmann und dem damaligen Sportchef Dietmar Beiersdorfer hinauslief, war schnell klar: Kampflos würde Hoffmann das Feld nicht räumen. Beiersdorfer stellte die Vertrauensfrage, ließ den Aufsichtsrat zwischen ihm und Hoffmann abstimmen – und verlor.

Hoffmanns Bremen-Déjà-vu

„Der Hauptgrund für die Eskalation war, dass bei allen Beteiligten nach den Werder-Wochen die Nerven blank lagen“, sagte Hoffmann später. „Es war die erfolgreichste Saison seit 1983 – und wir diskutierten darüber, was da eigentlich schiefgelaufen ist. Das war sicherlich auch ein Versäumnis von mir.“

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Erst ging Beiersdorfer, dann Hoffmann. Beiersdorfer kam zurück – und musste wieder gehen. Und nun ist Hoffmann zurück – und will nicht mehr gehen. „Wir müssen jetzt den Blick nach vorne werfen“, sagte er zum Schluss seiner 17-minütigen Wahlkampfrede. Er hoffe auf bis zu 5000 Hamburger beim nächsten Auswärtsspiel. „Den Gegner müssen wir so richtig aufmischen“, rief Hoffmann in den tobenden Saal. Und der Gegner? Na klar: Werder Bremen.

Hoffmann wäre fast Lehrer geworden

Dabei hätte alles auch ganz anders kommen können. Ursprünglich wollte der Wahlhamburger Deutsch-, Englisch- oder Sportlehrer werden. Auch als Lehrer wird man meist geliebt. Oder gehasst. Doch das störte Hoffmann überhaupt nicht. Er wollte gestalten, entwickeln. Doch ausgerechnet Hoffmanns Vater, selbst Deutschlehrer, redete dem Junior den Berufswunsch aus. Wegen angeblich mangelnder Perspektive.

Das Wort „Perspektive“ sollte fortan Hoffmanns Leben bestimmen. Einst hatte er die Vision, mit dem HSV unter die Top 20 Europas zu kommen – und hielt Wort. Jetzt wolle er den drohenden Untergang aufhalten, sagte er. Ein „weiter so“ sei keine Zukunftsaussicht für den HSV, sagte Hoffmann am Sonntag. „Wir sind nicht mehr wettbewerbsfähig mit Clubs wie Schalke oder Gladbach. Das kann nicht der Anspruch des HSV mit dieser Stadt, diesem Umfeld und dieser Tradition sein.“ Dem HSV fehle eine Perspektive, rief Hoffmann.

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Von der Perspektive Hoffmann konnten sich die Mitarbeiter des HSV e. V. am Montag selbst ein Bild machen. Die erbetene Pause, die sich Hoffmann nach seinem Wahlsieg zugestehen wollte, dauerte gerade einmal ein paar Stunden, ehe es den Macher juckte. Am Nachmittag fuhr er kurzerhand zum Volksparkstadion. Er wolle nur kurz Hallo­ sagen, erklärte Hoffmann den Mitarbeitern.

Und allen Bedenkenträgern, die sich nach Hoffmanns Wahl zum Vereinspräsidenten sorgten, dass er doch eigentlich in der HSV AG und nicht beim HSV e. V. aufräumen wollte, sei versichert: Zumindest am Montag schaute Hoffmann lediglich in der Geschäftsstelle Nord des Universalsportvereins vorbei. Ein Besuch der Geschäftsstelle Ost der HSV AG dürfte dann zeitnah folgen. Und Hoffmann weiß genau: Die einen werden seinen Besuch herbeisehnen, die anderen werden ihn verteufeln.

Alles eine Sache der Perspektive.

Umfrage zum neuen HSV-Präsidenten Bernd Hoffmann
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