Bundesliga

Je größer die HSV-Krise, desto mehr Mitglieder

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Kai Schiller
HSV-Fan Manfred Boje im Volksparkstadion

HSV-Fan Manfred Boje im Volksparkstadion

Foto: Michael Rauhe

Seit 50 Jahren ist Manfred Boje Fan – jetzt ist er in den HSV eingetreten, als Nummer 78.000. Er fiebert dem Stuttgart-Spiel entgegen.

Hamburg. Manfred Boje versteht die Frage nicht. „Sie waren wohl noch nie Fan“, antwortet er, als er gefragt wird, warum er ausgerechnet jetzt HSV-Mitglied wurde. „Das war eine seiner spontanen Ideen“, sagt Ehefrau Angelika, die neben ihm im Stadionrestaurant Die Raute sitzt. Beide nehmen einen Schluck Kaffee. Er: „Schwarz.“ Sie: „Mit Sahne.“ Dann zeigt der 66 Jahre alte Rentner durch die Scheibe auf den sattgrünen Rasen: „Herrlich, oder?“

Einen Tag vor dem Spiel des HSV gegen den VfB Stuttgart (Sa., 15.30 Uhr/Sky und Liveticker bei ­abendblatt.de) sitzen die Bojes im Volksparkstadion und erzählen viel über ihre Liebe zum HSV („Einmal Fan, immer Fan“), über die guten alten Zeiten („Der Zaczyk war ein ganz Großer“) und über die weniger guten neuen Zeiten („Gegen die Stuttgarter wird das wieder ein echtes Geduldsspiel“). Manfred Boje redet über Trainer Markus Gisdol („Einen Besseren werden sie so schnell nicht finden“), über Hoffnungsträger („Ito und Arp machen richtig Spaß“) und über verlorene Hoffnung („Wie kann man den Gregoritsch nur verkaufen?“). Nur auf eine Frage hat der gebürtige Schleswig-Holsteiner partout keine Antwort: Warum ausgerechnet jetzt?

Etwas mehr als fünf Wochen ist es her, als sich Boje entschieden hatte. Der HSV hatte gerade 0:2 gegen Leipzig und Hannover verloren, war 0:3 gegen Dortmund und Leverkusen untergegangen. Vier Pleiten in Folge, dazu kein einziges Tor geschossen. „Manfred sagte mir, dass er jetzt Mitglied werden will“, erinnert sich Ehefrau Angelika. Also wurde er Mitglied. Nicht per Mausklick und auch nicht per Post. „Den Mitgliedsantrag wollte ich persönlich im Stadion abgeben“, sagt er. „Sicher ist sicher.“

"Spieler haben verstanden": Gisdol vor dem VfB-Spiel
"Spieler haben verstanden": Gisdol vor dem VfB-Spiel

Viel Kontinuität gab es beim HSV in den vergangenen Jahren nicht. Spieler, Trainer, Manager und Clubchefs kamen und gingen. Nur eine erstaunliche Formel blieb immer gleich: je schlechter der Fußball, desto mehr Mitglieder. Rund 70.000 hatte der HSV, als der Club 2010 zum zweiten Mal in Folge in einem europäischen Halbfinale stand. Vier Jahre später, nach der ersten Relegation, waren es rund 73.500. Ein Jahr später, nach Relegation Nummer zwei, wurde die 74.000er-Marke durchbrochen. Und jetzt, nach dem siebten mageren Jahr in Folge, ist Manfred Boje Jubiläumsmitglied Nummer 78.000. „Plötzlich stand Marcell Jansen vor meiner Tür und hat mir einen Schal überreicht. Das war eine tolle Nummer“, sagt der frühere Bankkaufmann.

Nur fünf Clubs haben mehr Mitglieder als der HSV

„Immer wieder erhalten wir die Rückmeldung von Neumitgliedern, dass sie sich genau jetzt, in der sportlich schwierigen Zeit, noch mehr zum HSV bekennen wollen“, sagt HSV-Präsident Jens Meier, der für das Phänomen auch keine plausible Antwort hat. „Das ist ein beeindruckendes Zeichen und kann nicht hoch genug geschätzt werden.“

Tatsächlich beeindrucken die Mitgliederzahlen auch im direkten Ligavergleich (siehe Grafik). Mit 78.360 Mitgliedern – Stand Donnerstagabend – liegt der HSV auf Rang sechs und ist darauf auch stolz. RB Leipzig würde zwar 100-mal so gut Fußball spielen, aber der HSV habe 100-mal so viele Mitglieder.

„Unsere Fans und Mitglieder sind das höchste Gut, was der HSV hat“, sagt auch Tim-Oliver Horn, als Supporters-Chef sozusagen das Ober-Mitglied aller Mitglieder. Auf der Suche nach einer Erklärung für das Mitgliederphänomen hat Horn zumindest eine Theorie: „Gerade in schlechten Zeiten haben offenbar immer mehr Fans das Bedürfnis, ihre Verbundenheit zu zeigen.“

Horn selbst ist im April 1998 Mitglied geworden. Der HSV hatte gerade 0:5 gegen Bayer Leverkusen verloren und drei Spieltage vor dem Saisonende nur noch drei Punkte Vorsprung auf die Abstiegsränge, als Horn seinen ausgefüllten Mitgliedsantrag – genau wie knapp 20 Jahre später auch Boje – zur Geschäftsstelle brachte: „In der Krise rückt man hier enger zusammen“, sagt der Supporters-Chef, der durchaus die Sorge hat, dass das buchstäbliche Fass doch irgendwann überlaufen könnte. „Aber glücklicherweise wurde diese Sorge bislang nicht bestätigt.“ Horn lacht. „Ich wundere mich ja selbst manchmal, dass die Krise immer weitergeht, aber die Fans weiterhin dem HSV die Bude einrennen. Dieses Glück sollte man zu schätzen wissen.“

Trainer Markus Gisdol weiß es zu schätzen. „Die Fans sind schon der Wahnsinn“, sagt der Schwabe. Acht Spiele in Folge hat sein Team nicht mehr gewonnen – und trotzdem werden auch gegen Stuttgart wieder mehr als 54.000 Zuschauer erwartet. „Das gibt es wohl nur in Hamburg“, sagt Gisdol.

Selbstverständlich wird auch Manfred Boje wieder unter den rund 54.000 Zuschauern sein. Südtribüne, Block 11A. „Genau hinter dem Tor“, sagt der Familienvater, dessen Söhne Jan (24) und Peter (26) ebenfalls Dauerkartenbesitzer sind. „Immer wenn der HSV verliert, haben wir drei mindestens zwei Tage lang so richtig schlechte Laune“, sagt Boje, dessen Ehefrau Angelika bejahend nickt: „Das kann ich nur bestätigen.“

Rund 3000 Enttäuschte treten pro Jahr aus dem HSV aus

Was ihm denn Hoffnung mache, dass er mal wieder mit guter Laune den Heimweg antreten kann? Boje zuckt mit den Schultern. „Die Jungen“, antwortet er schließlich. Dieser kleine Ito-Japaner habe sich ja bereits in sein Herz gedribbelt, sagt Boje. „Aber der Arp muss jetzt auch mal länger spielen als immer nur zehn Minuten. Da muss der Gisdol einfach mal ein bisschen mutiger sein.“

Natürlich gibt es nicht nur Bojes beim HSV. Die Gesamtzahl der Mitglieder geht zwar im Schnitt pro Saison um rund 1000 nach oben. Allerdings treten rund 3000 Enttäuschte pro Jahr aus. Diese Anti-Bojes haben genug von Rumpel-Fußball und Misswirtschaft.

„Ich kann irgendwie nicht anders“, sagt Manfred Boje. Selbst bei einem Abstieg würde er treu bleiben. „Dann kämen eben Kiel, Bielefeld und Braunschweig in den Volkspark“, sagt er. Sogar den Hochzeitstag vor 30 Jahren hätte ihr Mann mit dem Saisonspielplan abgeglichen, berichtet Ehefrau Angelika, die selbst bis zur Geburt des ältesten Sohnes mit ins Stadion gekommen ist. „Danach haben die Jungs so eine Männersache daraus gemacht.“

Und was erwarten die Boje-Männer gegen Stuttgart? „Mit Glück gewinnen wir 2:1“, sagt Papa Manfred. Und mit Pech? Boje verdreht die Augen. Wieder so eine Frage, die er nicht versteht. „Dann gewinnen wir nächste Woche.“

Projekt 100.000

Jens Meier einen großen Traum: 100.000 HSV-Mitglieder. „Langfristig wollen wir die Marke von 100.000 Mitgliedern erreichen, kurzfristig die Zwischenmarke von 80.000“, sagt der HSV-Präsident, der ganz nebenbei auch noch in der kommenden Woche einen neuen AG-Aufsichtsrat präsentieren will.

Lieblingsthema von Meier ist und bleibt aber der HSV e. V. Durch die Kampagne „Raute Dich“ sollen auch in den kommenden Wochen und Monate weitere Mitglieder akquiriert werden. Die wichtigsten Vorteile für Neumitglieder: Vorkaufsrecht für alle Heim- und Auswärtsspiele, sowie Dauerkarten zum Mitgliederpreis. Eine Mitgliedschaft als Förderer (Vollzahler) kostet vier Euro im Monat. Mehr Infos: www.raute-dich.de

HSV gegen den VfB Stuttgart – die Aufstellung

HSV: Mathenia – Diekmeier, Papadopoulos, van Drongelen, Santos – Sakai, Ekdal – Ito, Hunt, Kostic – Arp. VfB Stuttgart: Zieler – Beck, Baumgartl, Pavard, Insua – Mangala, Burnic – Asano, Akolo, Özcan – Ginczek.Schiedsrichter: Guido Winkmann (Kerken).

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