Besondere WG

HSV-Quartett verständigt sich in Pöseldorf mit Klopfzeichen

Nachbarn nicht nur auf dem Platz: Mergim Mavraj (l.) und Kyriakos Papadopoulos

Nachbarn nicht nur auf dem Platz: Mergim Mavraj (l.) und Kyriakos Papadopoulos

Foto: Imago/Baering

Mit Santos, Mavraj, Walace und Papadopoulos wohnen gleich vier HSV-Neuzugänge in zwei Wohnhäusern direkt nebeneinander.

Wer sich in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia über Hamburgs Quartier Pöseldorf erkundigen will, der wird enttäuscht. Ein kurzer Überblick über die Geschichte (nach 1813), die bekanntesten Orte und Straßen (Alsterpark, Villa Beit, Milchstraße) und die angeblich außergewöhnliche hohe Dichte an Bars, Restaurants und Cafés in der Milchstraße – das war’s. Dabei gibt es durchaus Erstaunliches über das angeblich teuerste Pflaster der Hansestadt zu berichten: So darf sich das Rothenbaum-Quartier spätestens seit dieser Saison gut und gerne als geheime HSV-Kommandozentrale bezeichnen.

Denn nachdem sich Aaron Hunt bereits in der vergangenen Saison am Mittelweg niedergelassen hatte, wohnen mit den Neuzugängen Douglas Santos, Walace, Mergim Mavraj und Kyriakos Papadopoulos nun gleich vier HSV-Profis in der Gegend. Mehr noch: Das Quartett wohnt in zwei Appartementhäusern nebeneinander. HSV-Wohnhaus Nummer eins: Santos und Mavraj. HSV-Wohnhaus Nummer zwei: Walace und Papadopoulos.

Todt begrüßt die Neuzugangs-WG

„Wir sind total glücklich mit unseren Neuzugängen. Und im Sinne einer schnellen Eingewöhnung begrüße ich es sehr, dass die Jungs alle auf einem Fleck zusammenwohnen“, sagt Jens Todt. Auch der HSV-Sportchef hat erst kürzlich nahe der Alster seine neue Heimat gefunden, allerdings auf der anderen Seite in Winterhude. „Für viele Spieler ist die Stadt Hamburg ein echter Trumpf. Wer hier wohnen kann, der muss sich einfach wohl fühlen.“

Douglas Santos war der Erste aus dem Neuzugangsquartett, der sich in Pöseldorf niedergelassen hatte. „Meiner Frau und mir hat es hier gleich gefallen“, sagt der Linksverteidiger, dem es – typisch Südamerikaner – noch besser gefiel, als er Verstärkung bekam: „Als Brasilianer mag ich es gesellig.“ Mavraj zog im Januar in Santos’ Haus. Kurz danach folgte der Einzug von Papadopoulos und Walace ins Haus genau daneben.

Verabredung per Klopfzeichen

„Für mich ist das eigentlich ganz normal, dass wir mit mehreren Spielern zusammen wohnen“, sagt Santos. „In Brasilien ist das eher die Regel als die Ausnahme, dort wohnt teilweise die halbe Mannschaft in einem Wohnviertel.“ Das liegt allerdings in erster Linie daran, dass Fußballprofis in Südamerika oft aus Sicherheitsgründen in abgeschotteten Quartieren wohnen, in sogenannten Wohlstandsgettos.

Davon kann in der neuen HSV-Nachbarschaft keine Rede sein. „Die Gegend, in der wir wohnen, ist wunderschön. Die Alster ist nah – und auch das Zentrum ist nicht weit weg. Ich mag das ganze Viertel sehr gerne“, sagt Walace, der als letzter Mohikaner im Februar dazukam. Doch wie muss man sich so eine Nachbarschaft mit vier Fußballprofis vorstellen? Mittags gemeinsames Gyrosessen bei „Papa“, abends ein Churrasco bei Santos oder Walace?

„Naja“, relativiert Mavraj. „Wir laufen uns jetzt nicht ständig über den Weg, da wir nicht auf demselben Flur wohnen.“ Auch eine Fahrgemeinschaft zum Training würde es nicht geben. „Doch nicht mit einem Brasilianer am Steuer“, witzelt der Albaner. „Ab und an verabredet man sich aber natürlich mal. Es ist aber nicht so, dass man an die Haustür geht und klingelt, zumal wir gar keine Klingeln am Haus haben. Das machen wir dann mit Klopfzeichen.“

Gisdol hat endlich ein Zuhause gefunden

Doch bei allem Spaß ist auch in Pöseldorf der Ernst der Lage kürzlich wieder miteingezogen. Zwei Niederlagen in Folge hatte die neue HSV-Nachbarschaft, die es ja erst seit Februar gibt, bislang noch nicht erschüttert. „Die Lage ist ernst, aber man darf trotz der beiden Niederlagen nicht vergessen, dass sich die Mannschaft in den vergangenen Monaten insgesamt stabilisiert hat“, sagt Todt, der genau wie Trainer Markus Gisdol der HSV-WG eine gewichtige Rolle für die erhoffte Rettung einräumt.

Bei der Vormittagseinheit am Mittwoch standen erstmals überhaupt alle vier Pöseldorfer beim Trainingsspielchen in der mutmaßlichen A-Elf: Mavraj und Papadopoulos bildeten wie üblich das Abwehrzentrum, Santos verteidigte links, Walace staubsaugte auf der „Sechs“. Die größte Überraschung kam aber nicht aus Pöseldorf, sondern aus der HafenCity: Matthias Ostrzolek scheint Gisdols erste Wahl gegen Augsburg als Alternative für den gelbgesperrten Nienstedter Filip Kostic links vorne zu sein.

Bis zum Abstiegsgipfel am Sonntag hat Trainer Gisdol ja aber noch ein paar Tage Zeit. Der 47 Jahre alte Fußballlehrer hat übrigens auch endlich ein Zuhause gefunden: Den gebürtigen Schwaben hat es nach Harvestehude gezogen – nur ein paar Freistöße entfernt von Santos, Mavraj, Walace und Papadopoulos.