HSV-Jahresrückblick

Wilde Personalwechsel führen zum Chaos im Volkspark

Bruno Labbadia (l.) und Dietmar Beiersdorfer (r.) müssen ihre Stühle im September beziehungsweise Dezember räumen. Heribert Bruchhagen (M.) wird der neue starke Mann beim HSV und soll für Ruhe im Verein sorgen

Bruno Labbadia (l.) und Dietmar Beiersdorfer (r.) müssen ihre Stühle im September beziehungsweise Dezember räumen. Heribert Bruchhagen (M.) wird der neue starke Mann beim HSV und soll für Ruhe im Verein sorgen

Foto: imago/Witters

Teil 3 des turbulentesten Jahres der HSV-Geschichte ist von Beiersdorfer, Bruchhagen und dem Trainerwechsel bestimmt.

Der HSV und die Rucksack-Affäre um Peter Knäbel – ach ne, war doch schon 2015. Doch auch in diesem Jahr kam der taumelnde Dinosaurier in den Schlagzeilen der Fußball-Bundesliga ausreichend zum Zuge. Und Knäbel stand tatsächlich noch bis zum 9. Mai 2016 im Volkspark in Lohn und Brot. Gemeinsam mit Bruno Labbadia. Sie erinnern sich?

Teil 1: Drobny bestimmt die Schlagzeilen trotz Knäbel-Entlassung

Teil 2: HSV schlägt zu: Neuer Rekordmann und Hype um Halilovic

Der Sportchef war nicht der Einzige, der in diesem Kalenderjahr seine sieben Rauten-Sachen packen musste. Angesichts des anhaltend rasanten Hamburger Personal-Karussells und auch sonstiger sportlicher und struktureller Turbulenzen ist es eine Aufgabe für sich, die Dinge zu ordnen. Wir haben uns für eine streng chronologische Aufarbeitung des HSV-Jahres entschieden. Es folgt Teil 3:

September: Labbadia muss gehen

6. September: Seltenes Glückgefühl für Emir Spahic: Der 36 Jahre alte Bosnier erzielt beim 5:0-Sieg seines Heimatlandes in der WM-Qualifikation gegen Estland einen Doppelpack.

9. September: In Stade stirbt HSV-Investor Ernst Burmeister (79) an den Folgen seiner Verletzungen nach einem Raubüberfall. Die drei Täter erbeuten mehrere Tausend Euro sowie Schmuck.

10. September: Neuzugang Bobby Wood schießt den HSV in Leverkusen in Front. Die Führung hat bis zur 79. Bestand, doch dann erzielt der eingewechselte Finne Joel Pohjanpalo einen Hattrick für die Werkself.

17. September: Gegen den Aufsteiger muss es doch aber klappen! Leider nein. Mit 4:0 demontiert RB Leipzig den HSV in seinem Wohnzimmer. Bruno Labbadias Stuhl fängt an zu wackeln.

24. September: Schon vor dem Anpfiff gegen den FC Bayern ist klar, dass der Nord-Süd-Gipfel zum Abschiedsspiel für Bruno Labbadia wird. Eine kuriose Situation, der HSV kassiert den K.o. dennoch erst kurz vor Schluss und verliert 0:1.

25. September: Trotz der bislang besten Saisonleistung gegen die Bayern muss Bruno Labbadia gehen. Club-Boss Dietmar Beiersdorfer will so den sportlichen "Turnaround" schaffen und verpflichtet Markus Gisdol als Nachfolger.

26. September: Bei seiner Vorstellung als neuer HSV-Trainer zaubert Markus Gisdol alle erdenklichen Floskeln aus dem Hut. Der HSV sei "ein Brett, ein wahnsinnig geiler Club".

Kommentar: Marcus Scholz zu Markus Gisdol
Kommentar: Marcus Scholz zu Markus Gisdol

Oktober: Wood sieht Rot

1. Oktober: Vom erhofften Trainereffekt ist nur wenig zu sehen: Der HSV verliert bei Markus Gisdols Debüt mit 0:2 in Berlin.

15. Oktober: Beim 0:0 in Gladbach holt Markus Gisdol den ersten Punkt als HSV-Trainer. Doch das Remis ist glücklich: Die Fohlen verschießen zwei Elfmeter und Torwart René Adler hätte Rot sehen müssen.

20. Oktober: Der Fall des ermordeten HSV-Investors Ernst Burmeister (79) ist aufgeklärt – und bringt erschütternde Details ans Licht: Der Hauptverdächtige hätte zum Zeitpunkt der Tat in Haft sitzen müssen.

21. Oktober: Stadionsprecher Lotto King Karl sorgt für frenetischen Jubel im Volksparkstadion, als er die Startaufstellung verliest und die Fans erstmals den Namen Halilovic grölen dürfen. Kurz darauf kippt die Stimmung. Der HSV verliert 0:3 gegen Eintracht Frankfurt, Halilovic wird schon zur Halbzeit ausgewechselt und zum Sündenbock erklärt.

24. Oktober: Aufsichtsratschef Karl Gernandt zählt Club-Boss Dietmar Beiersdorfer erstmals öffentlich an: "Es geht sportlich und in der Führung nicht mehr so weiter", sagt Gernandt der "Bild".

25. Oktober: Wenigstens im Pokal läuft's: Der HSV gibt sich bei Drittligist Hallescher FC keine Blöße und zieht durch einen 4:0-Erfolg ins Achtelfinale ein.

30. Oktober: Beim 0:3 in Köln bleibt der HSV zum siebten Mal in Folge torlos – eine längere Durststrecke gab es in der ruhmreichen Vereinsgeschichte noch nie. Zu allem Überfluss holt sich der einzige Torschütze der Saison, Bobby Wood, auch noch eine Rote Karte für seinen Ellenbogenschlag ab. Der US-Stürmer wird drei Spiele aus dem Verkehr gezogen.

November: Wolf und Hilke werfen hin

4. November: Ex-Spieler Nico-Jan Hoogma wird nicht neuer Sportchef beim HSV. Er bleibt im Amt bei Heracles Almelo und sagt dem HSV ab. Oder hat Noch-Vorstandsboss Dietmar Beiersorfer dem Niederländer abgesagt? Beide Partien schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter zu.

5. November: Ohne Widerstand ergibt sich der HSV beim 2:5 gegen den bisherigen Lieblingsgegner Dortmund seinem Schicksal. An Uwe Seelers 80. Geburtstag, der im Stadion sitzt, verhöhnen die Fans die Mannschaft mit einer hämischen La Ola beim 0:4 sowie mehreren Spott-Plakaten. Von den Rängen hallt es mehrfach: "Außer Uwe könnt ihr alle gehen!" Immerhin beenden die Hamburger die längste Durstrecke der Vereinsgeschichte nach 737 torlosen Minuten. Doch BVB-Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang trifft viermal.

8. November: Nach 14 Jahren ist Schluss für Mediendirektor Jörn Wolf, der den HSV auf eigenen Wunsch verlässt.

13. November: Bochums umworbener Sportvorstand Christian Hochstätter sagt dem HSV ab. Die Hamburger können sich mit dem VfL nicht über eine Ablöse einigen. Es beginnt der nächste Kleinkrieg über die Debatte, wer wem den Laufpass gegeben hat.

15. November: Der Aufsichtsrat bittet Hamburgs Medienvertreter zu einem vertraulichen Hintergrundgespräch und bittet um Schulterschluss.

16. November: Gegenüber mehreren Medien bestätigt Leverkusens Kaderplaner Jonas Boldt, dass auch er beim HSV ein möglicher Sportchef-Kandidat war, doch er habe Beiersdorfer abgesagt.

17. November: Markus Gisdol setzt Johan Djourou als Kapitän ab und bestimmt Gotoku Sakai als neuen Anführer. Der Japaner soll „eine neue Kultur in unsere Mannschaft bringen“, begründet der Trainer seine Maßnahme.

18. November: Marketingvorstand Joachim Hilke tritt zum Jahresende zurück. Er ist nach Abendblatt-Informationen mit der jüngsten Entwicklung des Vereins unzufrieden. Außerdem verkündet Markus Gisdol mit sichtlich geknickter Miene das Hinrunden-Aus von René Adler. Wegen einer Schleimbeutel-Entzündung im rechten Ellenbogen muss der Stammtorwart den Rest des Jahres pausieren. Doch damit nicht genug an diesem ereignisreichen Tag: Der damalige Aufsichtsratschef Karl Gernandt sorgt mit einem großen Abendblatt-Interview für Aufsehen.

20. November: Nach einer turbulenten Woche holt der HSV beim 2:2 in Hoffenheim etwas glücklich den dritten Punkt in dieser Saison. Es ist die erste Partie unter dem neuen Spielführer Gotoku Sakai.

26. November: Das 105. Nordderby gegen Werder Bremen endet unentschieden. Beim 2:2 reicht auch Michael Gregoritschs Doppelpack nicht für den ersten Saisonsieg.

27. November: Einen Tag nach dem Nordderby fordert Markus Gisdol erstmals öffentlich Neuzugänge im Winter und weist wie schon Vorgänger Bruno Labbadia auf das Ungleichgewicht im Kader hin. "Wir haben definitiv zu wenig Spieler für die Innenverteidigung und für die Sechser-Position", sagt der Trainer. Transfers seien "unabdingbar".

Dezember: Hickhack um Beiersdorfer

4. Dezember: Es geht doch! Am 13. Spieltag gewinnt der HSV sein erstes Saisonspiel. Beim 2:0 in Darmstadt schießt Matthias Ostrzolek in seiner neuen Rolle als defensiver Mittelfeldspieler sein erstes Bundesligator im 133. Anlauf.

10. Dezember: Noch vor der Winterpause schafft es der HSV tatsächlich, ein Heimspiel zu gewinnen. Beim 1:0-Sieg gegen Augsburg fliegt Lewis Holtby nach einem Ellenbogenschlag vom Platz, für den er zwei weitere Spiele gesperrt wird.

11. Dezember: Eigentlich war die Bekanntgabe der Trennung erst zum Jahresende vorgesehen, doch die Ablösung von Vorstandsboss Dietmar Beiersdorfer durch Heribert Bruchhagen sickert schon an diesem Sonntag durch. Aufsichtsratschef Karl Gernandt verabschiedet Beiersdorfer mit der Spitze, er sei im "Kerngeschäft Fußball-Bundesliga nicht erfolgreich" gewesen.

13. Dezember: Der Nächste, bitte! Karl Gernandt tritt als Aufsichtsratschef zurück, bleibt dem Gremium aber als ordentliches Mitglied erhalten. Seinen Ratskollegen wirft er in einem Interview auf der Club-Homepage "bewusste Indiskretion" und "Egoismus" vor.

14. Dezember: Bei seiner Vorstellung als neuer Vorstandsvorsitzender rudert Kühne-Kritiker Heribert Bruchhagen zurück und betont die Bedeutung des Investors für den Club. Der Logistikunternehmer sei ein "Glücksfall" für den HSV. 750 Kilometer weiter südlich entlässt Augsburg überraschend Trainer Dirk Schuster. Er ist bereits der 26. Bundesliga-Trainer, der nach einem Spiel gegen den HSV seinen Hut nehmen muss. Damit ist der HSV "Trainerkiller Nr. 1" Bayern München (27) auf den Fersen.

HSV-Chef Bruchhagen mit klarer Kante
HSV-Chef Bruchhagen mit klarer Kante
Video: abendblatt.tv

17. Dezember: Bei der 1:3-Niederlage in Mainz kassiert der HSV den dritten Hattrick der laufenden Saison gegen sich – ein einmaliger Negativ-Rekord. Diesmal heißt der Übeltäter Danny Latza, Leverkusens Finne Pohjanpalo und dem Kölner Anthony Modeste gelang das Kunststück zuvor.

20. Dezember: Der HSV beschenkt sich beim 2:1-Erfolg gegen Schalke 04 vorzeitig zu Weihnachten und rückt auf Relegationsplatz 16 vor. Dank des dritten Siegs im vierten Spiel überwintern die Hamburger trotz eines miserablen Saisonstarts nicht auf einem direkten Abstiegsplatz.

21. Dezember: In Hamburg sagt man tschüs: Vorstandsboss Dietmar Beiersdorfer lehnt das Angebot des HSV, als Sportchef weiterbeschäftigt zu werden, ab und verlässt den Verein definitiv zum Jahresende.

27. Dezember: Beim Europa-Anwärter Köln verpasste er keine Minute in der Hinserie, ab Januar wird er dennoch seine Zelte in Hamburg aufschlagen: Der albanische Innenverteidiger Mergim Mavraj (30) wechselt für 1,8 Millionen Euro zum HSV und erhält einen Vertrag bis 2019.