HSV im Umbruch

Dietmar Beiersdorfer verlässt sein „Baby“

Dietmar Beiersdorfer (l.) und Clubchef-Nachfolger
Heribert Bruchhagen konnten sich über eine Zusammenarbeit nicht verständigen

Dietmar Beiersdorfer (l.) und Clubchef-Nachfolger Heribert Bruchhagen konnten sich über eine Zusammenarbeit nicht verständigen

Foto: Witters

Der neue HSV-Boss Heribert Bruchhagen muss sich einen anderen Sportchef suchen. Transfers vollzieht er zunächst selbst. Kommt Mavraj?

Hamburg.  Es war eine kuriose Situation. Gleich zwei Vorstandsvorsitzende machten sich am Mittwochmorgen auf den Weg zum HSV. Um 9.30 Uhr fuhr Heribert Bruchhagen im Volksparkstadion vor. An seinem ersten Arbeitstag als neuer Clubchef der Hamburger parkte der 68-Jährige allerdings noch nicht auf den vorgesehenen Plätzen des Vorstands. Um 10.50 Uhr erreichte auch Dietmar Beiersdorfer das HSV-Gelände. An seinem offiziell letzten Tag als Vorstandsvorsitzender der HSV Fußball AG ließ der 53-Jährige seinen angestammten Parkplatz mit der Nummer eins jedoch frei.

Kommentar: HSV braucht einen Sparchef

Vier Stunden später war dann auch klar, warum. Um 14.50 Uhr verkündete der HSV auf seiner Homepage den endgültigen Abschied des Dietmar Beiersdorfer. Bis dahin war noch immer offen, ob der 53-Jährige trotz seiner Abberufung zum 22. Dezember dem Club als Sportdirektor erhalten bleibt.

Matz ab nach dem Sieg gegen FC Schalke 04
Matz ab nach dem Sieg gegen FC Schalke 04
Video: abendblatt.tv

Nun haben sich Bruchhagen und Beiersdorfer auf eine Entscheidung verständigt. „Letztlich hat Dietmar mir signalisiert, dass er sich die Rolle als Sportdirektor aktuell nicht vorstellen kann. Das akzeptiere und respektiere ich“, sagte Bruchhagen in einer ersten Reaktion. „Wir werden die geordnete Übergabe aller Themen jetzt weiterführen und parallel natürlich auch die begonnenen Transferarbeiten fortsetzen.“

Vertragsauflösung zum Jahresende

Beiersdorfers Vertrag wird zum Jahresende aufgelöst. Bis dahin soll er seine Arbeit und sein Büro an Bruchhagen übergeben haben. Damit endet zum 31. Dezember die zweite Ära Beiersdorfer beim HSV. Nachdem er zwischen 2002 und 2009 als Sportchef im Volkspark arbeitete, kümmerte er sich seit Sommer 2014 zweieinhalb Jahre als Vorstandschef um sein „Baby“, wie er den HSV bei seiner Rückkehr nannte. „Die Trennung fällt mir wahnsinnig schwer“, sagte Beiersdorfer. „Trotzdem bin ich nach reiflicher Überlegung zum Entschluss gekommen, dass ich meine Tätigkeit hier beenden werde.“

Die Bilder vom Schalke-Sieg:

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass nun ausgerechnet Beiersdorfer für den Sportchefposten absagt. Monatelang hatte dieser nach der Trennung von Peter Knäbel im Mai bei der Suche nach einem Nachfolger eine Absage nach der anderen hinnehmen müssen und auf diesem Weg sein eigenes Schicksal eingeleitet.

Beiersdorfer selbst hatte nach der Kündigung mit seinen Aussagen immer wieder die Spekulationen über eine Weiterbeschäftigung als Sportchef befeuert. Tatsächlich soll Bruchhagen seinem Vorgänger angeboten haben, in dieser Funktion zu bleiben. Doch Beiersdorfer hätte dem HSV nur in der Position des Vorstands Sport zur Verfügung gestanden. Dafür hätte er die Zustimmung des Aufsichtsrats benötigt, der ihn gerade erst wegen Misserfolgs im Kerngeschäft Sport gekündigt hatte.

Suche nach Sportchef wird fortgesetzt

Bruchhagen setzt die Suche nach einem Sportchef damit fort. „Ich werde nun Gespräche mit potenziellen Kandidaten aufnehmen“, sagte er. Bis der neue Sportchef gefunden ist, wird Bruchhagen die geplanten Wintertransfers zusammen mit der Scoutingabteilung eigenverantwortlich abwickeln. „Vordringlichste Aufgabe ist es nun, die vom Trainer gewünschten Ergänzungen des Kaders im Rahmen unserer Möglichkeiten vorzunehmen.“

Trainer Markus Gisdol hatte unmittelbar nach dem erlösenden 2:1-Sieg gegen den FC Schalke angekündigt, dass der erste Transfer unmittelbar vor dem Abschluss stehe. „Es wird zeitnah etwas zu vermelden geben“, sagte der Coach, der den HSV mit zuletzt elf Punkten aus sechs Spielen wieder in eine gute Ausgangslage im Kampf gegen den Abstieg geführt hatte. Trotzdem erneuerte Gisdol seinen Wunsch nach neuen Spielern für das Defensivzentrum.

Der erste Neuzugang könnte laut „Bild“ Mergim Mavraj werden. Der 30-jährige Innenverteidiger und Nationalspieler Albaniens steht beim 1. FC Köln noch bis Saisonende unter Vertrag, konnte sich bislang aber nicht über eine Verlängerung einigen. Zwei Millionen Euro Ablöse würden fällig.

Eine Investition in die Zukunft wäre der Transfer von Mavraj allerdings nicht. Beiersdorfer selbst hatte sich noch im Sommer mit Ex-Trainer Bruno Labbadia überworfen, weil dieser zu sehr auf erfahrene Spieler setzen wollte. Beiersdorfer drückte seine Vorstellungen durch. Nun scheint er selbst noch den Transfer eines Neuzugangs vorbereitet zu haben, der lediglich als Soforthilfe verstanden werden kann.

Abfindung von rund drei Millionen Euro

Nachdem Beiersdorfer Labbadia Ende September beurlaubte, verlässt er den HSV jetzt selbst – mit einer Abfindung von rund drei Millionen Euro. Sein Vertrag lief ursprünglich bis Sommer 2018. Unklar ist noch, ob es für die Beiersdorfer-Vertrauten wie Bernhard Peters, Direktor Sport, oder Dieter Gudel, Direktor für Sport und Administration, beim HSV unter Bruchhagen noch eine Zukunft gibt.

Klar ist nur, dass der neue Clubchef, der das operative Geschäft mit Finanzvorstand Frank Wettstein führen wird, vieles auf den Prüfstand stellen wird.