Trainerwechsel

Die Beziehung des HSV mit Labbadia ist eine Seifenoper

Die Protagonisten eines ereignisreichen Tages: Vorstandsboss Dietmar Beiersdorfer (v.l.) und Manager Peter Knäbel am Mittwoch bei der Vorstellung des neuen HSV-Trainers Bruno Labbadia

Die Protagonisten eines ereignisreichen Tages: Vorstandsboss Dietmar Beiersdorfer (v.l.) und Manager Peter Knäbel am Mittwoch bei der Vorstellung des neuen HSV-Trainers Bruno Labbadia

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

„Für mich war das Kapitel HSV nie so richtig beendet“, sagt der neue, alte Trainer selbst. Die Chronologie einer merkwüdigen Beziehung.

Am späten Dienstagabend stellte Bruno Labbadia die entscheidende Frage: „Ich habe meine Frau vor die Wahl gestellt“, berichtete der 49-Jährige am Mittag danach, „Mallorca oder HSV?“ Ehefrau Sylvia, die eigentlich um Mitternacht mit ihrem Gatten in ihren Geburtstag reinfeiern wollte, brauchte nicht lange zu überlegen: Mallorca, natürlich. Sie machte sich also auf den Weg ans Mittelmeer, er zum HSV. „Ich hatte einfach Bock drauf“, erklärte Labbadia am Tag danach das, was mit ein paar Worten kaum zu erklären ist.

Bruno Labbadia also. Schon wieder. „Da sind wir also wieder“, sagte Mediendirektor Jörn Wolf, als er am Mittwochmittag den mehr als 100 Journalisten im ersten Stock des Volksparkstadions den neuen, alten Bekannten vorstellte. „Unser neuer Trainer: Bruno Labbadia“, sagte der Pressesprecher.

Fast 70 Monate ist es her, dass Wolf ähnliche Worte wählte. Der neue Trainer damals wie heute: Labbadia. Im Juni 2009 war das. Kurz zuvor hatte der HSV das Uefa-Pokal- und das DFB-Pokal-Halbfinale erreicht, nun sollte der neue Coach den Schritt nach ganz oben schaffen: in die Champions League.

Deal gegen Mitternacht fixiert

Bekanntlich kam es anders. Knapp sechs Jahre später sitzt Labbadia im blauen HSV-Trainingsanzug erneut im vollen Presseraum. Mit dem Auto war er am Vorabend aus Frankfurt zurückgefahren, hatte abwechselnd mit HSV-Chef Dietmar Beiersdorfer, dem bis dato Übergangs-Trainer-Manager Peter Knäbel und seinem Berater Michael Serr telefoniert. Es muss dann gegen Mitternacht gewesen sein, als alle Dokumente unterschrieben waren und Labbadia dann doch noch anstoßen konnte, auch wenn er am Mittwoch sagte: „Es hat keinen Sinn zu behaupten, wie Klasse hier alles ist.“

Klasse ist beim HSV tatsächlich schon längst nichts mehr. Seit Labbadia 2009 angetreten ist, um Fußball-Hamburg wach zu küssen, hat der Club elf Chef-, Interims-, Übergangs- und Notnageltrainer durchlauferhitzt. E L F.

Und wäre es nach Club-Chef Beiersdorfer gegangen, dann hätte Labbadia an diesem Mittwoch das Trainerdutzend seit Labbadia auch nicht komplettiert. „Einen weiteren Trainerwechsel schließe ich aus“, hatte Beiersdorfer noch am Sonntag mit einer Inbrunst gesagt, mit der er auch gut und gerne von sicheren Renten und blühenden Landschaften hätte sprechen können. Dass es dann aber doch anders kam, erklärte Beiersdorfer nonchalant: „Es hatte sich am Montag eine neue Konstellation ergeben, durch die wir uns zum schnellen Handeln gezwungen sahen“, sagte der Vorstandschef.

Tuchel-Poker war der Katalysator

Die neue Situation hat auch einen Namen, oder besser: sie hatte. Thomas Tuchel. Beiersdorfers erklärter Wunschtrainer, der plötzlich eine Anfrage aus Dortmund vorliegen hatte, wollte sich einfach nicht endgültig für den HSV entscheiden, wodurch sich Beiersdorfer selbst zu einer Entscheidung gezwungen sah: „Die Gespräche mit Thomas Tuchel konnten bis Anfang der Woche nicht zu einem abschließenden Ergebnis geführt werden“, sagte Beiersdorfer, der daraufhin am Dienstag Labbadia kontaktierte. Erneut.

Labbadia, der einen Vertrag bis 2016 unterschrieb, ist so eine Art Evergreen beim HSV. Elf Tore in 41 Bundesligaspielen schoss der frühere Stürmer für den HSV, bei dem er nun schon zum vierten Mal im Gespräch ist. 2008 war das erste Mal. Ex-Vorstandschef Bernd Hoffmann wollte damals Jürgen Klopp holen, sein damaliger Sportchef Beiersdorfer hatte sich für Fred Rutten (sehr stark) und Newcomer Bruno Labbadia (ein wenig) ausgesprochen. Es kam dann Martin Jol, der aber nach einem Jahr schon wieder ging. Dann wollte auch Hoffmann Labbadia, Beiersdorfer aber lieber Friedhelm Funkel. Am Ende kam Labbadia – und Beiersdorfer ging. Nicht wegen Labbadia, sondern wegen Hoffmann.

Labbadia schon länger ein Thema

Zu verwirrend? Es kommt noch besser: Als Beiersdorfer im vergangenen Sommer wieder da war, sollte auch Labbadia wieder kommen. Direkt nach der Entlassung von Mirko Slomka traf sich der neue Clubchef mit seinem einstigen Wunschtrainer und besprach über Stunden die mögliche HSV-Zukunft. Als Labbadia am Morgen danach fest von seiner Verpflichtung ausging, rief Beiersdorfer an – und sagte ab. Es täte ihm leid, aber er habe sich für Joe Zinnbauer entschieden. „Bruno war aber immer im Kopf“, sagte Beiersdorfer am Mittwoch, „er ist ein leidenschaftlicher Trainer, der nie verlieren will.“

Das halten die Fans vom neuen HSV-Trainer Labbadia
Video: abendblatt.tv

Nach seiner achten Niederlage als HSV-Trainer musste Labbadia vor fünf Jahren allerdings doch seine Sachen packen. 1:5 war der HSV in Hoffenheim unter die Räder gekommen und Gerüchte hatten die Runde gemacht, dass der Coach nicht nur das Spiel, sondern vor allem die eigene Mannschaft verloren hätte. „Das ist absoluter Quatsch“, sagt David Jarolim, der damalige Kapitän. „Bruno war ein überragender Trainer. Ihn jetzt noch mal zu holen, war die beste Entscheidung seit sehr langer Zeit“, so Jarolim zum Abendblatt, „ich habe wieder ein ganz klein wenig Hoffnung. Aber ohne Bruno, da bin ich mir sicher, wäre ein Abstieg nicht mehr zu verhindern gewesen.“

Quartett sprach sich gegen Labbadia aus

Tatsächlich waren es nie mehr als unbestätigte Gerüchte, dass die Mannschaft gegen Labbadia gespielt habe. Doch obwohl es diesen angeblichen Putsch, von dem hinter vorgehaltener Hand immer wieder getuschelt wurde, vor fünf Jahren nie gegeben hat, hatten sich nach Abendblatt-Informationen mit Ruud van Nistelrooy, Joris Mathijsen, Frank Rost und Zé Roberto eben doch vier entscheidende Leistungsträger gegen den gebürtigen Hessen Labbadia ausgesprochen.

Vorbei und vergessen. Zumindest fast. „Ich will nicht in der Vergangenheit herumwühlen“, sagte am Mittwoch Labbadia, der die eine oder andere Wühlerei dann aber doch aushalten muss. Zum Beispiel die Wühlerei um Rafael van der Vaart. Den wollte Milliardär Klaus-Michael Kühne bereits 2009 von Real Madrid zurück zum HSV holen. Als Geschenk. Ex-Vorstandsboss Hoffmann sprach mit Labbadia, der damals dankend ablehnte. Der Niederländer passe ganz einfach nicht in sein System.

Mit dem Wissen von heute möglicherweise keine so schlechte Entscheidung. Doch Edelfan Kühne, der sah das damals ganz anders. Von Labbadia hielt er fortan wenig – ganz im Gegenteil von Wunschtrainer Tuchel, mit dem er zuletzt sogar auf seiner Lieblingsinsel Mallorca, wo nun Frau Labbadia urlaubt, die HSV-Zukunft besprach.

Kühne und Gernandt drängten

Doch wie so oft beim HSV gilt auch für diese Geschichte: Manchmal kommt es anders und meistens als man denkt. Nun soll es ausgerechnet Kühnes rechte Hand Karl Gernandt, ganz nebenbei auch noch Aufsichtsratschef des HSV, gewesen sein, der nach den Niederlagen gegen Leverkusen (0:4) und Wolfsburg (0:2) Clubchef Beiersdorfer zum erneuten Handeln drängte.

Kommentar zu Labbadia: "Endlich ist ein Trainer da"
Video: abendblatt.tv

Verrückte Fußballwelt? Die Geschichte ist aber noch längst nicht beendet. So teilte zu allem Überfluss Co-Trainer Peter Hermann, noch vor zwei Wochen mit viel Tamtam als großer Hoffnungsträger präsentiert, Labbadia am Mittwochmorgen um 6.45 Uhr mit, dass er fortan nicht mehr zur Verfügung stehe. „Ich bin unter ganz anderen Voraussetzungen geholt worden“, sagte Hermann dem Abendblatt. Was er nicht sagte: Um den „besten Co-Trainer der Welt“ (O-Ton Reiner Calmund) aus Schalke zum HSV zu lotsen, hatten sich Hamburgs Verantwortliche sogar bereit erklärt, 150.000 Euro Ablöse im Falle des Klassenerhalts an Schalke zu zahlen.

Labbadia wohnt noch immer in Eppendorf

Für Labbadia und Dauer-Co-Trainer Eddy Sözer, die im August 2013 beim VfB Stuttgart entlassen wurden, muss der HSV entgegen seiner sonstigen Gepflogenheiten diesmal aber keine Ablöse zahlen. Rund eine Million Euro zahlte der Club 2009 an Bayer Leverkusen, dazu dann eine weitere Million Euro an Abfindung neun Monate später. Immerhin: Seitdem wohnt Labbadia praktischerweise mit seiner Familie in Hamburg-Eppendorf.

Seine Wohnung wird Labbadia allerdings so schnell nicht zu Gesicht bekommen. Als erste Amtshandlung ordnete der Coach ein Kurz-Trainingslager im niedersächsischem Rotenburg an der Wümme an. Dort residiert die Mannschaft seit Mittwoch bis Freitag im edlen Landhaus Wachtelhof. „Ich will die Spieler besser kennenlernen“, erklärt Labbadia. „Ich muss die Zeit nutzen.“

Viel Zeit hat er tatsächlich nicht. Bereits am Sonntag steht das erste von noch sechs ausstehenden Endspielen um den Klassenerhalt auf dem Programm. „Für mich war das Kapitel HSV nie so richtig beendet“, sagt Labbadia, der 2009 ausgerechnet vor dem Nordderby in Bremen entlassen wurde.

Und der Gegner am Sonntag? Natürlich Werder Bremen.